Am 8. Juni ist Welttag der Ozeane. „Nur was man kennt, kann man schützen“, heißt es. Wenn es danach geht, steht es schlecht um das Meer. Auch wenn rund 70 Prozent der Erde von Ozeanen bedeckt sind – dieser Lebensraum ist kaum erforscht. Die Zeit drängt.
Text: Angelika Prauß/KNA | Bild: dr/weltkirche.de
Terra incognita – unbekanntes Land – so könnte man die Meere der Welt bezeichnen. Erst zu fünf Prozent sind diese bisher überhaupt erforscht, auch vom Meeresboden ist nur etwa ein Fünftel vermessen. 90 Prozent allen Lebens sind im Meer beheimatet. Dennoch ist dieser Lebensraum heute vielfach bedroht – ein Wettlauf gegen Ausbeutung, Vermüllung und die Vernichtung unbekannter Arten hat begonnen.
In mehreren tausend Metern Tiefe leben bizarr anmutende Wesen – „seltsame Geschöpfe, die unser Verständnis bekannter Lebensformen herausfordern“, wie Even Moland in seinem Buch „Kann das Meer die Erde retten?“ schreibt. Manche könnten aus einem Horrorkabinett entsprungen sein, etwa der Vipernfisch oder Koboldhai. Andere faszinieren – wie die Tiefseequalle oder der Leuchtkalamar – durch eigene Leuchtorgane.
Wieder andere leben in einer Symbiose mit leuchtenden Bakterien, schildert der norwegische Meeresforscher. Nur Spezialkameras können bisher erfassen, was dem menschlichen Auge am tiefsten Meeresgrund alles verborgen bleibt.
„Man weiß nicht, was einen erwartet; jeder Tauchgang bringt etwas Neues“, erklärte Tiefseeökologin Antje Boetius jüngst bei einer Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle. Diese ist für sie „am tollsten, wenn einem fremdes Leben begegnet“. In den Tiefen der Meere werde mit allen technischen Finessen geforscht – mit Sensoren, die alle Moleküle unter Wasser erfassen, Hörposten, filmenden Robotern.
„Die Tiefsee ist voller Leben – selbst am tiefsten Punkt gibt es Leben“, sagt die Präsidentin des Monterey Bay Aquarium Research Institute in Kalifornien. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von der „unfassbaren Vielfalt an Landschaften“ auf dem Meeresgrund spricht. Alle 60 Kilometer seien andere Formen zu beobachten; da gebe es Risse, Felsen, tiefe Täler und Gebirge – „so bunt und vielfältig wie die Landoberfläche“.
Aber auf dem Meeresgrund liegt auch eine für die Herstellung von Batterien und Umwelttechnik interessante maritime Rohstoffquelle – Mangan. Diese metallischen Klumpen liegen laut dem Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel „auf tausenden Quadratkilometern dicht an dicht, wie Kartoffeln auf einem Acker“. Nun wird an der Förderung dieser Tiefsee-Knollen in bis zu 6.000 Metern Tiefe gearbeitet.
Bei Moland gehen deshalb die Warnlampen an. Sowohl der Meeresboden wie die Oberfläche der Knollen selbst seien „von Tiefseeorganismen besiedelt, die wir kaum kennen“, erklärt der Experte. In seiner norwegischen Heimat sei die Suche nach Mineralien am Meeresboden zur kommerziellen Nutzung inzwischen gestattet. Anders als bei der Öl- und Gasförderung, die „nicht mehr als ein Nadelstich in den Meeresboden“ sei, werde bei der Mangan-Förderung ein „Scheunendrescher-artiges Fahrzeug“ eingesetzt.
Zuvor sei die Mangangewinnung bereits im Stillen Ozean getestet worden. Nur 436 von den 5.578 in diesem Gebiet zum ersten Mal gesammelten Arten sind laut Moland überhaupt beschrieben worden. „88 bis 92 Prozent der in diesem Tiefseegebiet lebenden Arten sind der Wissenschaft noch unbekannt.“
Die Ozeane können vieles selbst regulieren – wenn man sie lässt
Auch Meeresbiologin Boetius beobachtet den Wettlauf zwischen Forschung und Ausbeutung des Meeres mit Skepsis: „Wir wissen gar nicht, was alles auf der Erde lebt.“ Sie habe die „Sorge, dass Arten schneller verschwinden, als wir sie erforschen können“.
Zugleich bedrohen Überfischung und Lebensraumzerstörung auch jene Meeresbewohner, die bereits auf dem Radar der Forschung sind. Und so kommen die Ozeane mit ihren Ökosystemen, die seit jeher als Quelle unerschöpflicher Ressourcen gelten, an ihre Grenzen. „Deshalb lastet eine große Verantwortung auf unseren Schultern, die Ressourcen in Zukunft gemeinsam und nachhaltig zu nutzen“, erklärt Moland.
Daneben schritten die technologischen Möglichkeiten und die Kapazitäten der Fischerei weiter fort. „Jahr für Jahr gibt es weniger natürliche Zufluchtsorte für die Meeresfauna und -flora“, mahnt Moland. Gerade solche Orte gelte es wiederherzustellen und zu fördern.
Er verweist auf Meeresreservate auf den Philippinen und bei Neuseeland, wo durch eine Sensibilisierung der Bevölkerung für ihre Naturschätze ein großes Verantwortungsgefühl für den Erhalt von Korallenriffen und Fischbeständen entstanden sei. Durch die Einrichtung der Reservate und nachhaltige Befischung erzielen sie sogar reichhaltigere Fänge.
In Norwegen sei 2017 ein Maximalmaß für das Fischen von Hummern eingeführt worden, fügt Moland hinzu: „Alle Hummer über 32 Zentimeter müssen wieder freigelassen werden. Dadurch bleiben die produktivsten Individuen erhalten und tragen dazu bei, den Bestand nutzbarer Tiere zu vergrößern.“
„Man wird schnell belohnt für das Schützen“, beobachtet auch Boetius und verweist auf ein kleines Areal im Mittelmeer. Rote Korallen standen dort vor dem Aussterben, nun kehrten sie zurück und breiteten sich wieder aus.
Moland ist überzeugt von der großen Kraft, über die ein intaktes Meer verfügt und die auch für den Klimaschutz relevant sei. Seegraswiesen, Tang- und Mangrovenwälder sowie weicher Meeresboden speicherten viel Kohlenstoff. Nachhaltige Fischerei sowie die küstennahe Zucht von Muscheln und Algen – die nebenbei noch die Wasserqualität verbessern – können aus Sicht des Wissenschaftlers für „eine im großen Maßstab mögliche Nahrungsmittelproduktion“ sorgen. Noch sei Zeit, „viele der negativen Trends umzukehren“.
Moland setzt dabei auch auf die unglaubliche Widerstands- und Regenerationskraft, die dem Leben im Meer innewohnt. Der Meereskundler verweist auf das Bikini-Atoll im Pazifik, das Mitte des 20. Jahrhunderts durch Kernwaffentests traurige Berühmtheit erlangte. Nach dem Zünden von 23 Atombomben sei das Gebiet eine „atomare Wüste“ gewesen. Nur 50 Jahre später hätten Forscherteams dort „ein funktionierendes Ökosystem im perfekten Zustand“ vorgefunden.






