Religiöse Friedensakteure haben als Vermittler mehr Chancen auf Erfolg als andere, sagt ein Friedens- und Konfliktforscher. Er nennt Beispiele – warnt aber auch davor, dass dieser Bonus schnell verspielt sein kann.
Text: Madita Steiner/KNA | Bild: Latin Patriarchate of Jerusalem/lpj.org/KNA
Gewalt eindämmen und Versöhnung fördern: Religiöse Akteure können nach Einschätzung von Fachleuten in allen Phasen eines Konflikts als effektive Vermittler wirken oder zumindest Menschen zusammenbringen. Gemeint sind etwa Kirchen, Ordensgemeinschaften oder Friedensbewegungen – aber auch einzelne Persönlichkeiten, die mit ihrer religiösen Überzeugung verschiedene Bereiche der Gesellschaft beeinflussen. Friedens- und Konfliktforscher Markus Weingardt sieht bei ihnen Stärken, die vielen anderen fehlen.
Belegt ist laut Weingardt, dass erfolgreiche religiöse Friedensakteure vielfach und selbst bei den unterschiedlichsten Konfliktparteien einen Vertrauensvorschuss genießen. Dennoch müssten sie sich immer wieder in der Praxis beweisen: Erhalten bleibe ein solcher Bonus nur, wenn man glaubwürdig handle.
Vorbeugend könnten sie helfen, Konflikte frühzeitig zu erkennen. Denn Religionsgemeinschaften seien „die einzigen gesellschaftlichen Großakteure, die ein mitunter weltumspannendes Netz an Informations- und Kommunikationskanälen haben.“ Damit könnten sie schnell Botschaften empfangen und senden. Zudem entstünden durch Religionsgemeinschaften international freundschaftliche Beziehungen, die Spannungen abbauen könnten: „Mit Freunden führt man keine Kriege“, erklärt Weingardt.
Ist ein Konflikt trotz aller Bemühungen doch eskaliert, können religiöse Akteure dabei unterstützen, verbal abzurüsten, sagt Weingardt. Ihr Credo sei oft, Konflikte ohne jede Form von Gewalt zu lösen. Vor allem in dieser Phase helfe ihnen der besagte Vertrauensbonus.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die internationale katholische Friedensbewegung Pax Christi. Gegründet nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs, hat die Organisation wichtige Impulse für die Aussöhnung insbesondere in Mitteleuropa gesetzt. Pax Christi arbeitet mit anderen Friedensgruppen zusammen, knüpft Kontakte in die Politik und bringt über Regionalgruppen die Themen auch in die Bistümer ein. Die organisierten Aktionen reichen von Demonstrationen über die Arbeit mit Geflüchteten bis hin zu Gedenkveranstaltungen. Ähnlich arbeitet auch die Gemeinschaft Sant‘ Egidio.
Zu große Staatsnähe als Problem
Dabei kann es mitunter auch zu inhaltlichen Differenzen kommen, etwa beim Thema Waffenlieferungen an die Ukraine. Dennoch vereinen der christliche Glaube sowie der Einsatz gegen Rüstungsexporte oder die Forderung nach einem Atomwaffenverbotsvertrag alle Mitglieder.
Bei Vermittlungsgesprächen sei mitunter erwünscht, dass sie in der Öffentlichkeit geführt werden, sagt Weingardt. Andere finden bewusst vertraulich statt, etwa bei der historischen Friedenskirche der Quäker. Die Konfliktparteien wüssten, dass von solchen Gesprächen nichts nach außen dringt. Nach einer Eskalation wiederum sei Versöhnungsarbeit gefragt, indem man Begegnungen ermögliche.
Doch das funktioniere nicht immer, meint Weingardt und nennt als Beispiel die russisch-orthodoxe Kirche, die etwa den russischen Krieg gegen die Ukraine befürwortet. Warum das so ist, erklärt Regina Elsner, die zur russischen Orthodoxie forscht. Die Theologin sagt: Probleme gebe es, wenn man etwas predigt, aber nicht selbst umsetzt. Um das zu verhindern, solle die Kirche ihre eigene fehlende Perfektion offen kommunizieren und selbstkritisch an sich arbeiten, um vertrauenswürdig zu wirken.
Schwierig wird es aus Sicht von Elsner zudem, wenn sich kirchliche Strukturen mit nationalen und politischen Identitäten verbinden. Das sehe man aktuell stark in der Orthodoxie, auch in der serbisch-orthodoxen Kirche. „Sie ist sehr davon verführt, mit politischer Macht Ungerechtigkeiten und auch Krieg zu legitimieren, weil sie sich sehr eng an diese nationale und politische Identität gebunden hat.“
Für das Beispiel Russland heiße das, „dass die Religion, die Kirche nicht mehr fähig ist, herrschaftskritisch, friedensstiftend und versöhnend zu wirken, weil sie Teil einer Kriegsideologie ist.“ Dennoch bleibe der grundsätzliche Anspruch: „Das Christentum hat meiner Ansicht nach von seinem Ursprung her – von dem, wie wir die Bibel lesen –, einen Auftrag, Welt zu gestalten.“ Deshalb sollten Christinnen und Christen sich einbringen, wenn Ungerechtigkeit oder Krieg herrschen.






