Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin am 25. Oktober 2018 im Vatikan. Bild: Romano Siciliani/KNA

Vatikan verurteilt „Präventivkrieg“ im Iran

Erstmals seit Beginn des Kriegs im Iran hat sich der Vatikan umfassend und kritisch zum Vorgehen der USA und Israels geäußert. Der Staatssekretär des Papstes stellte die Begründungen für den Krieg infrage. Deutschlands Militärbischof Overbeck äußert sich ähnlich

Der Vatikan hat die Luftangriffe Israels und der USA gegen den Iran umfassend kritisiert. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sagte in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit dem Portal Vatican News, gemäß der UN-Charta sei ein Angriff nur erlaubt, nachdem alle Instrumente des politischen und diplomatischen Dialogs ausgeschöpft worden seien. Dies gelte im Übrigen nur im Rahmen einer multilateralen Ordnung.

Weiter sagte Parolin: „Würde den Staaten das Recht auf einen ‚Präventivkrieg‘ nach eigenen Kriterien und ohne einen überstaatlichen Rechtsrahmen zuerkannt, könnte die ganze Welt in Flammen stehen.“ Derzeit sei an die Stelle der Kraft des Rechts das Recht der Stärke getreten.

Kein hinreichender Kriegsgrund

Auch die Unterdrückung der Menschenrechte durch das Mullah-Regime ist aus seiner Sicht kein hinreichender Kriegsgrund. Parolin betonte, die Menschen im Iran hätten ein Recht, in einer Gesellschaft zu leben, die allen garantiert, ihre Ideen frei und öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Doch müsse man fragen, ob wirklich geglaubt werde, dass die Lösung durch den Beschuss mit Raketen und Bomben kommen könne.

Mit Nachdruck forderte Parolin eine Rückkehr zu einer multinationalen Ordnung und erinnerte an das 20. Jahrhundert: „Nach dem Zweiten Weltkrieg, der etwa 60 Millionen Tote gefordert hat, wollten die Gründerväter mit der Schaffung der UNO ihren Kindern die Schrecken ersparen, die sie selbst erlebt hatten. Deshalb wollten sie in der Charta der UNO präzise Vorgaben zur Regelung von Konflikten festhalten.“

Leider würden Prinzipien wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die territoriale Souveränität und die Regeln des Kriegsrechts infrage gestellt. Parolin erinnerte an Immanuel Kant, der bereits 1795 schrieb: „Die Verletzung des Rechts an einem Punkt der Erde wird an allen Punkten empfunden.“

Parolin: Keine Toten erster und zweiter Klasse

Weiter betonte der Kardinal: „Es gibt keine Toten erster und zweiter Klasse, und keine Menschen, die mehr Recht auf Leben haben als andere, nur weil sie auf einem bestimmten Kontinent oder in einem bestimmten Land geboren wurden.“ Die Einhaltung des internationalen humanitären Rechts dürfe nicht von strategischen Interessen abhängen.

Da die internationale Ordnung sich 80 Jahre nach Gründung der UN tiefgreifend verändert habe, sei es notwendig, „die Festigung supranationaler Normen zu fördern, die den Staaten helfen, ihre Streitigkeiten durch Diplomatie und Politik friedlich zu lösen“.

Auch Militärbischof Overbeck kritisiert Angriff

Auch der deutsche Militärbischof Franz Josef Overbeck übte deutliche Kritik an den Angriffen auf den Iran. Der Iran sei zweifellos ein Unrechtsstaat, sagte Overbeck laut einer Pressemitteilung des Bistums Essen. „Aber was wir da gerade erleben, ist auch ein fragwürdiges Handeln der USA.“ Overbeck fügte hinzu: „Einen Krieg anzufangen, der nicht rechtlich abgesichert ist, bleibt Unrecht.“

Franz-Josef Overbeck, Militärbischof und Bischof von Essen

Bild: Andre Zelck/KNA (Archiv)
Kritisiert die Militäraktion: Militärbischof Franz-Josef Overbeck. Bild: Andre Zelck/KNA (Archiv)

Der Bischof äußerte sich während eines Besuchs am Essener Mariengymnasium. Er habe bald nach den ersten Angriffen am Wochenende die Militärseelsorgerinnen und -seelsorger kontaktiert, die mit der Bundeswehr derzeit in Jordanien und im Nordirak sind, sagte Overbeck im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern. „Und ich war sehr froh, als sie mir berichten konnten, dass beide Einheiten in Sicherheit sind.“

Als Schüler habe er Anfang der 1980er Jahre für sich entschieden: „Wenn wir angegriffen werden, würde ich die Freiheit verteidigen.“ Gleichzeitig betonte Overbeck, dass es nur um einen regelbasierten Einsatz von Waffen gehen dürfe, der einzig dem Schutz und der Wiedererlangung von Frieden und Freiheit dienen dürfe.

Texte: KNA | Bearbeitung: weltkirche.de | Bild: Romano Siciliani/KNA (Archiv 2018)

Mehr aus der Weltkirche


Weitere Weltkirche-Meldungen: