Für viele Lateinamerikaner, die in die USA wollen, ist das Transitland Mexiko wegen Donald Trumps strikter Migrationspolitik zur Endstation geworden. Der deutsche Flüchtlingsbischof Heße war nun zu Besuch im Grenzgebiet.
Fragen: Alexander Pitz/KNA | Bild: Daniela Elpers/Deutsche Bischofskonferenz
Erzbischof Stefan Heße (60), Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, hat sich bei einer einwöchigen Amerika-Reise über die Situation von Geflüchteten und Migranten in Mexiko und den USA informiert. Im KNA-Interview berichtet er, welche Schicksale ihn besonders bewegt haben – und was er von der Bundesregierung erwartet.
Frage: Herr Erzbischof, was war das bewegendste Erlebnis auf Ihrer einwöchigen Amerika-Reise?
Erzbischof Stefan Heße: Für mich war das Eindrücklichste – und das ist es eigentlich immer, wenn ich unterwegs bin – die Begegnung mit Geflüchteten und Migranten selbst. Einrichtungen zu besuchen, mit Behörden- und Kirchenvertretern zu sprechen, das ist das eine. Den direkten Kontakt mit Menschen auf der Flucht und in der Migration zu haben, das andere.
Ich greife zum Beispiel das Schicksal eines älteren Herrn heraus: Er stammt ursprünglich aus Kuba, hat aber 46 Jahre in den USA gelebt und ist aufgrund der restriktiven Politik von Präsident Trump aus den USA abgeschoben worden. Der Mann wurde einfach ins Flugzeug gesetzt und in den Süden Mexikos gebracht. Dabei hat er mit Mexiko eigentlich gar nichts zu tun. Gott sei Dank hat er Zuflucht in einer Herberge der katholischen Kirche gefunden. Seine Geschichte hat mich sehr berührt.
Frage: Haben Sie noch mehr solch tragische Schicksale erlebt?
Heße: Am Ende der Reise waren wir in El Paso im US-Bundesstaat Texas an dieser berüchtigten Grenze, die man aus den Medien kennt: eine rund 3.000 Kilometer lange Grenzbefestigung, verbarrikadiert, mit allen möglichen Schikanen – metertief in der Erde, oben Stacheldraht, Patrouillen, hermetisch abgeriegelt.
Auf der anderen Seite der Grenze – in Ciudad Juárez – sind wir im christlichen Jugendzentrum CASA einem jungen Mann begegnet, der im Grenzgebiet noch als Minderjähriger in die Fänge des organisierten Verbrechens geraten war. Das ist eine der großen Herausforderungen, die ich wahrgenommen habe: Vor allem junge Menschen werden in die Kriminalität gezogen. Er hat als Jugendlicher mit hohem Risiko Menschen über die Grenze geschleust. Dank CASA ist er da herausgekommen, hat sich dem Christentum zugewandt und sucht jetzt eine Berufsausbildung, ein Fundament für ein neues Leben.
Frage: Was kann die Kirche tun, um solchen Menschen zu helfen?
Heße: Etwa 80 Prozent der Flüchtlingsherbergen in Mexiko sind in kirchlicher Trägerschaft. Der Traum vieler Menschen von einem Leben in den USA ist durch die Politik von Präsident Trump geplatzt. Die Kirche tut viel – auf Ebene der Bistümer, durch das Engagement der Ordensgemeinschaften. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst bietet psychologische Hilfe und juristische Unterstützung bei den einschlägigen Verfahren an. Das ist das, was die Kirche hier leistet, und das erlebe ich als sehr stark. Auch die Menschen, die diese Einrichtungen tragen, haben mich mit ihrem Mut, mit dem sie für Migranten und Flüchtlinge eintreten, beeindruckt.
Ich würde mir wünschen, dass die USA wieder an ihre menschenrechtliche Tradition und ihre Geschichte als Einwanderungsland anknüpfen
Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg)
Frage: Ihre Amtskollegen, die US-Bischöfe, haben immer wieder eine Reform des Einwanderungssystems gefordert. Was müsste bei einer solchen Reform aus Ihrer Sicht unbedingt umgesetzt werden?
Heße: Ich würde mir wünschen, dass die USA wieder an ihre menschenrechtliche Tradition und ihre Geschichte als Einwanderungsland anknüpfen. Der Bischof von El Paso, Mark Seitz, ist mit uns an der Mauer entlanggefahren, wir sahen den Stacheldraht – und der Bischof sagte ironisch: „So sagen die USA den Migranten: herzlich willkommen.“
Wir erleben hier im Grenzgebiet eine beklemmende Lage. El Paso und Ciudad Juárez waren eigentlich zu einer Stadt zusammengewachsen, nun sind sie getrennt durch diese massive Grenzbefestigung. Das hat mich an die Berliner Mauer erinnert. Womöglich hinkt der Vergleich etwas, aber die Brachialität dieser Trennung ist sehr zu spüren und verursacht im Alltag der Menschen viel Leid.
Frage: In der Kritik stehen meist nur die USA wegen ihrer strikten Migrationspolitik. Wie beurteilen Sie das Vorgehen der mexikanischen Behörden?
Heße: Auf der mexikanischen Seite sind die rechtlichen Grundlagen für die Durchführung von Asylverfahren in der Theorie gar nicht so schlecht. Aber die große Herausforderung besteht in der Umsetzung. Viele Geflüchtete aus Tapachula im Süden des Landes haben mir erzählt, dass die Verfahren unendlich lange dauern. Es fehlt an Personal und Ressourcen. Die Menschen müssen einmal pro Woche zur Unterschrift antreten, um zu dokumentieren, dass sie noch in Tapachula sind. Sie werden somit gezwungen, lange Zeit in einer strukturschwachen Gegend zu bleiben, wo sie kaum Möglichkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Mexiko ist vom Transitland zum Zielland geworden, weil der Weg in die USA versperrt ist. Dazu kommen die Abschiebungen aus den USA: Mexikaner, aber auch Menschen aus Kuba und anderen lateinamerikanischen Staaten werden nach Mexiko deportiert. Das stellt das mexikanische System vor große Herausforderungen.
Ganz zu schweigen von der organisierten Kriminalität, die wir uns in dieser Form kaum vorstellen können. In manchen Gegenden haben die Drogenkartelle die Kontrolle übernommen. Migranten sind besonders verwundbar und geraten leichter in ihre Fänge. Das Recht wird nicht durchgesetzt, Verbrechen werden kaum geahndet.

Frage: Wie geht Mexikos Regierung mit dem Druck um, den die Trump-Regierung ausübt?
Heße: Die mexikanische Regierung tut alles, um zu verhindern, dass die US-Amerikaner die Souveränität ihres Landes verletzen. Für Präsidentin Sheinbaum ist das ein Drahtseilakt. Der US-Präsident vermischt die Politikfelder Migration, Sicherheit und Handel miteinander. Wenn beispielsweise im Migrationsbereich seine Forderungen nicht erfüllt werden, droht er mit neuen Zöllen. Die Handelspartnerschaft ist jedoch für beide Seiten nicht unbedeutend. Das Ganze ist ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, das der mexikanischen Seite viel diplomatisches Geschick abverlangt.
Frage: Führt dies dazu, dass auch Mexiko sich immer mehr gen Süden abschottet?
Heße: Mexiko muss gegenüber Trump beweisen, dass es Migration begrenzen kann. Die US-Amerikaner sorgen in der Tat dafür, dass sich Fragen der Grenzsicherung zunehmend in den Süden verschieben. Manche Gesprächspartner haben mir auch gesagt: Wir haben derzeit keine genauen Zahlen zur Migration, da der mexikanischen Regierung in dieser Situation daran gelegen ist, das Phänomen möglichst unsichtbar zu halten.
Frage: Nicht alle Migranten aus Lateinamerika fliehen vor Gewalt und Repression. Viele verfolgen ihren eigenen American Dream und setzen auf eine bessere Zukunft in den USA. Wie soll man künftig mit solchen Fällen umgehen?
Heße: Menschen begeben sich nie auf solch gefährliche Migrationsrouten, weil es schön wäre. Wenn man den Menschen begegnet und mit ihnen spricht, erkennt man, wie gefährlich das ist – nochmals gesteigert durch das organisierte Verbrechen. Das macht man nur, weil man im eigenen Land keine Zukunftsperspektiven sieht. Nicht selten gehen soziales Elend und Gewalt Hand in Hand.
Auch deshalb ist es von großer Bedeutung, die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe zu stärken. Bedauerlicherweise passiert aber derzeit das Gegenteil: In immer mehr Ländern werden die Hilfsgelder zurückgefahren – leider auch in Deutschland. Viele Organisationen, die sich für die Rechte von Migranten einsetzen, stehen unter Druck, auch kirchliche Initiativen. Wir sind mit Helfern zusammengekommen, die sich fragen, wie sie ihre Arbeit fortsetzen sollen und woher sie die notwendige Unterstützung für ihre Programme bekommen können. Ich habe hohen Respekt vor ihrer Arbeit. Man muss stark in Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe investieren, damit die Ursachen erzwungener Migration reduziert werden.
In immer mehr Ländern werden die Hilfsgelder zurückgefahren – leider auch in Deutschland. Viele Organisationen, die sich für die Rechte von Migranten einsetzen, stehen unter Druck, auch kirchliche Initiativen.
Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg)
Frage: Da sehen Sie also auch die Bundesregierung in der Pflicht?
Heße: Ja, das Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig. Die entsprechenden Fördermittel ermöglichen es auch unseren Hilfswerken wie Misereor, die Menschen vor Ort zu unterstützen. Mein Eindruck ist: Das sind sehr gute Projekte, die in Not geratene Menschen hier auffangen und ihnen nachhaltige Perspektiven ermöglichen. Solche Vorhaben sind allerdings langfristig ausgerichtet und benötigen eine stabile Grundlage. Schnelle Maßnahmen können nur die akute Not lindern.
Frage: Was war das ermutigendste Erlebnis während der Reise, das Ihnen Hoffnung für die Zukunft gibt?
Heße: In Mexiko-Stadt haben wir ein Projekt von Ordensschwestern besucht, die Herberge CAFEMIN. Dort leben vor allem Frauen mit Kindern, aber auch Familien. Es geht um berufliche Qualifikation, um Bildungschancen für Kinder, die Vermittlung von Werten, eine Basis fürs Leben.
Eine Ordensschwester sagte: Wir mussten erst lernen, was Migration bedeutet. Sie ist selbst mit den großen Karawanen unterwegs gewesen, um zu verstehen, wie es den Menschen ergeht und was sie brauchen. Daraus hat die Ordensgemeinschaft der Josefs-Schwestern eine neue Vision entwickelt: Der Dienst für und mit Migranten ist zu ihrem Charisma geworden. Frauen werden ausgebildet und entwickeln Pläne, ihre Produkte selbst zu verkaufen, damit sie den Lebensunterhalt für ihre Familien sichern können. Die Bildungsprogramme, auch die für die Kinder, werden – Gott sei Dank – staatlich anerkannt, so dass man ein Zeugnis bekommt. Die Schwestern, die sich für die Menschen einsetzen, aber auch die Geflüchteten selbst habe ich als sehr stark erlebt. Ihre Stärke gibt mir Hoffnung.







