Es ist schwer zu begreifen: Vergewaltigungen von Frauen, plündernde Rebellen, korrupte Polizisten – und doch so viel Vertrauen und Unterstützung. In ihrem Buch über den Ostkongo bringt Judith Raupp das zusammen.
Text: Katrin Gänsler/KNA | Bild: weltkirche.de mit Daten der OpenStreetMap-Mitwirkenden
Solche Szenen gibt es oft: Menschen sitzen zusammen – im Büro, in einem Garten, am Kivusee oder in einer Kneipe. Sie begründen, debattieren und erklären. Und Judith Raupp hört zu, fragt nach, versteht, hat aber nicht für alles Verständnis.
Das ist der Tenor ihres Buches „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“, das am Donnerstag erscheint. Die freie Reporterin und Trainerin für Journalisten, die seit 2011 in der Stadt Goma lebt, hat ein einfühlsames, vielschichtiges und sehr persönliches Porträt über den Ostkongo und seine Menschen geschrieben.
In Goma, Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu mit etwa zwei Millionen Einwohnern, fällt die Autorin auf. Sie ist „Mama na Kinga“ – die Mama mit dem Fahrrad. So kennen die frühere Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ ihre Freunde, die Kollegen, aber auch Regierungsbeamte und die berüchtigte Roulage, die Verkehrspolizei der Stadt. Auf der Suche nach Geld und unter dem Vorwand von Kontrollen schiebt sie blitzschnell Nagelbretter auf die Straße und hält Moped- und Autofahrer an – auch die Autorin.
Es ist eine der vielen Szenen des Buches, mit denen es gelingt, sich den Alltag in Goma vorzustellen. Und Raupp hat viele Fragen: 2010 reist sie erstmals mit dem damaligen Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) in den Ostkongo, fliegt für Recherchen in andere afrikanische Länder, hat aber das Gefühl: Das reicht nicht, Kontakte lassen sich über die Distanz nicht halten, viele Fragen bleiben unbeantwortet. Dann macht eine Stelle als Fachkraft zur Ausbildung von Pressesprechern für ein Frauenprojekt den Umzug nach Goma möglich.
Raupp thematisiert vieles, das aus hiesiger Perspektive irritiert: etwa warum in der Gesellschaft bis heute selbstverständlich ein Brautpreis für eine Frau gezahlt wird. Dafür müssen junge Männer jahrelang sparen – und häufig Erspartes wieder abgeben, weil in der Familie jemand krank geworden ist oder jemand Schulgeld braucht. Doch der Brautpreis wird als eine Art der Wertschätzung bezeichnet; sich dagegen aufzulehnen: zwecklos.
Die Autorin nimmt sich selbst zurück
Diese Antwort klingt zunächst unbefriedigend. Doch Raupp erklärt auch: Im Kongo ist Familie anderes und viel mehr als hierzulande. Sie ersetzt das nicht vorhandene staatliche Sozialsystem, fungiert als Bank, Richter, Unterstützer in Notlagen – und hat bei Entscheidungen stets ein Wörtchen mitzureden. Wer sich gegen die Familie wehrt, kann alles verlieren.
Das Eintauchen in die Gesellschaft geht allerdings nicht ohne kulturelle Fauxpas: Europäer in Jeans und schlabbrigen T-Shirts gelten auf dem Kontinent oft als schlecht gekleidet, obwohl sie genügend Geld hätten – also müssen Hose und Hemd für eine Hochzeit her. Und manchmal ist es bei einem Workshop wichtiger, gemeinsam zu essen, als ein Programm durchzupeitschen. Was viele Außenstehende nicht bedenken: Menschen sind oft stundenlang unterwegs, um an einer Veranstaltung teilzunehmen – ohne Proviant.
Neben der Schilderung des Alltags wird gekonnt die politische Entwicklung in der Region eingewoben, durch die die Region regelmäßig in internationale Schlagzeilen gerät. So besetzte die Rebellengruppe M23 Goma zunächst 2012 – 2025 kam sie, um zu bleiben. Tatsächlich gibt es Dutzende weitere Gruppierungen, die schwere Menschenrechtsverletzungen begehen; Vergewaltigungen werden systematisch als Waffe eingesetzt.
Enorme Brutalität einerseits – eine große Solidarität andererseits. Wer vor den Rebellen flüchtet, wird oft von der Familie aufgenommen; Essen wird geteilt. Ist ein Freund krank, beteiligt man sich an den Behandlungskosten. Auch unter dem Beschuss der Rebellen bringen Menschen verletzte Angehörige, Nachbarn und Freunde ins Krankenhaus und riskieren mitunter selbst ihr Leben. Hoffnung und Überlebenswille spiegeln sich auch im Titel des Buchs.
Was es letztendlich so lesenswert macht, ist, dass sich Raupp zurücknimmt. Sie ist nicht die Heldin aus dem Ausland, die meint, Lösungen zu bieten und mehr über ihre Region zu wissen als die Menschen vor Ort, um nach ein paar Jahren weiterzuziehen – im Gegenteil. Raupp lässt diejenigen sprechen, die sonst nicht zu Wort kommen, und schrieb das Buch auch deshalb, weil Freunde sie darin bestärkten.
Auch zeigt es: Neben Belagerung, Rebellen, Überfällen oder – derzeit wieder einmal – einem Ebola-Ausbruch geht das Leben weiter. Das macht „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“ zu einer absoluten Leseempfehlung.
Raupp, Judith: „Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“, Verlag C.H.Beck, München 2026, 297 Seiten, 20 Euro






