Bild von der Grenzmauer zwischen Israel und palästinensischen Gebieten. Bild: Salvatorianerinnen weltweit

„Frieden ist die tägliche Entscheidung für das Gute“

Kaum eine Region ist so von Konflikten gezeichnet wie das Heilige Land. Der Terrorakt der Hamas und der folgende Krieg im Gazastreifen sind nur weitere traurige Tiefpunkte in einer langen Geschichte aus Gewalt und Leid. Kann es in dieser Situation überhaupt Heilung und Versöhnung geben?

Sr. Hildegard Enzenhofer hat als Leiterin von Beit Emmaus – einer Pflegeeinrichtung für ältere, teils behinderte Frauen – viele Jahre im Heiligen Land gelebt. 2024 kehrte sie nach Österreich zurück. Ihre Überzeugung: Wenn wir im Kleinen beginnen, das Gute zu wählen, ist Veränderung möglich

Frage: Schwester Hildegard, was sind die Wunden, unter denen die Menschen im Heiligen Land leiden?

Sr. Hildegard Enzenhofer: Die sichtbarste Wunde ist die Mauer zwischen Israel und dem palästinensischen Westjordanland. Als ich 2002 nach Beit Emmaus kam, gab es sie noch nicht. Israelis und Palästinenser begegneten sich selten, aber es war möglich. Dann wurde die Mauer gebaut: Beton, Stacheldraht, Wachtürme, Checkpoints. Die Menschen sahen einander nicht mehr. Und wenn man sich nicht sieht, wird es leicht, den anderen nicht mehr als Mensch zu erkennen, sondern als Feind. Der Gaza-Krieg reißt ebenfalls tiefe Wunden. Weil er Begegnung unmöglich macht.

Sr. Hildegard Enzenhofer in Beit Emmaus / Blick ins Westjordanland. Bilder: Salvatorianerinnen weltweit
„Fang damit an, gut über den anderen zu reden“: Sr. Hildegard Enzenhofer in Beit Emmaus / Blick ins Westjordanland. Bilder: Salvatorianerinnen weltweit

Frage: Trotzdem geben Sie die Hoffnung auf Heilung nicht auf. Warum?

Enzenhofer: Weil ich mich als Salvatorianerin bewusst dafür entschieden habe, ein heilender Mensch zu sein. Ich will keinen Hass weitergeben. Ich will Brücke sein. Ich will jemand sein, an dem andere sich wärmen können. Deshalb sage ich: Gerade weil die Wunden so offensichtlich sind, können wir sie heilen. Und zwar im Alltag.

Ich will keinen Hass weitergeben. Ich will Brücke sein.
Sr. Hildegard Enzenhofer

Frage: Wie meinen Sie das konkret?

Enzenhofer: Mit einer einfachen Frage: Wie geht es dir? Ich stelle sie jedem, bei dem ich spüre, dass etwas nicht stimmt. Ich frage ernsthaft. Ich höre zu. Wenn jemand traurig ist, tröstet das Zuhören. Wenn jemand voller Hass ist, nimmt es ihm den Nährboden. Ich habe das auf beiden Seiten erlebt – bei Soldaten, die ihre Menschlichkeit verloren haben, und bei radikalisierten Palästinensern mit einem für mich fremden Weltbild. Alle waren verletzt, hart, innerlich leer. Und zugleich voller Sehnsucht. Einmal fragte ich einen Soldaten an einem Checkpoint im heißen Jordantal: „Wie geht es dir?“ Er war sprachlos. Dann sagte er: „Niemand fragt uns das.“ Das verändert etwas.

Ein schwer bewachter Checkpoint. Ein Bus mit arabischen Schriftzeichen wartet auf die Abfertigung.
Bild: Salvatorianerinnen weltweit.
Checkpoint zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten. Bild: Salvatorianerinnen weltweit

Frage: Sie haben viele schwierige Situationen erlebt. Was gibt Ihnen Kraft?

Enzenhofer: Ich bete. Das klingt einfach, ist aber mein Fundament. Mein Gebet ist kein Reden mit Gott. Ich lasse das Evangelium in mich einsinken. Ich sitze still. Ich lese ein Wort. Ich lasse es wirken. Für mich ist „Heil“ kein abstrakter Begriff. Es ist mein Auftrag. Mein Weg. Ich frage mich: Wie würde Jesus heute leben? In Jerusalem, im Westjordanland, in Israel – mitten unter den Menschen. Und wie würde er handeln?

Frage: Glauben Sie, dass Heilung wirklich zu Frieden führen kann?

Enzenhofer: Frieden ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Wenn ich mich dafür entscheide, im Alltag das Gute zu tun, kann Heil möglich werden. Es ist das tägliche Tun, das Heil schafft. Ich erinnere mich an einen Moment in Jerusalem, am Damaskustor. Ein Palästinenser lag verletzt auf der Straße. Dann kam ein orthodoxer Jude, kniete sich hin, reichte ihm Wasser, half ihm auf. In diesem Moment war da Menschlichkeit. Mitgefühl. Das war Heil. Davon brauchen wir mehr. Wenn ich mich dafür entscheide, im Alltag heilend zu wirken, kann alles möglich werden – sogar das, was kaum jemand für denkbar hält

Frage: Was kann jeder Einzelne tun?

Enzenhofer: Der Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, sagte einmal: „Fang damit an, gut über den anderen zu reden.“ Jeder Mensch kann so leben, dass Frieden spürbar wird. Vielleicht nur für einen Moment. Aber manchmal reicht genau dieser Moment.

Das Interview führte Burkhard Redeski. Es erschien zuerst in der Zeitschrift Salvator weltweit, Ausgabe 2025/2026. Wir danken für die Erlaubnis zur Übernahme! | Bilder: Salvatorianerinnen weltweit

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