Janna verlor erst ihre Heimat, dann ihren Mann. So wie sie flohen hunderttausende Menschen aus Bergkarabach nach Armenien. Seit knapp drei Jahren leben sie nun dort. Kraft geben Janna ihre acht Kinder.
Text und Bild: Nicola Trenz
In einem kleinen Dorf im Süden von Armenien lebt Janna Petrosyan. Die 42-Jährige ist Mutter von acht Kindern; die älteste Tochter ist verheiratet und aus dem Haus, das jüngste Kind vier Jahre alt. Es war im September 2023, als Janna entscheiden musste, so schnell wie möglich aus ihrer Heimat zu fliehen. Wie fast alle Bewohner der Region Bergkarabach verließ die Familie Hals über Kopf ihr Zuhause.
Bergkarabach wurde in der Sowjet-Ära Aserbaidschan angegliedert, obwohl dort damals vor allem Armenierinnen und Armenier lebten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion riefen sie 1991 ihren eigenen Staat aus, völkerrechtlich war das aber nie anerkannt. Immer wieder kam es zu Kampfhandlungen. Im Herbst 2023 griffen aserbaidschanische Truppen das Gebiet an, um die aus ihrer Sicht illegale Besetzung zu beenden.
Janna wurde gewarnt, dass die aserbaidschanische Armee ihr Haus überrennen könnte. Eine Tochter war zu diesem Zeitpunkt in der Schule, ihr Mann saß in der Goldmine fest, in der er arbeitete – mit sieben Kindern lief sie los. Nur Dokumente nahm sie mit. Auto, Tiere und ihr altes Leben blieben in Bergkarabach zurück.
So wie Janna flohen damals etwa 115.000 Menschen nach Armenien. Das Land im Südkaukasus hat etwa 3 Millionen Einwohner und die Größe Brandenburgs. Die Menschen aus Bergkarabach sind Teil des armenischen Volkes, ihre Sprache klinge ein wenig anders als das Armenisch, das im Kerngebiet gesprochen wird, sagt man dort. Die Gesellschaft nahm sie auf.
Auf politischer Ebene unterzeichneten die Nachbarstaaten im vergangenen Jahr ein Friedensabkommen. Armenien verzichtete damit offiziell auf Bergkarabach. Manchen Armeniern ist dieser Preis des Friedens zu hoch. So nährt beispielsweise die armenisch-apostolische Kirche Hoffnung auf eine Rückkehr nach Bergkarabach – und steht damit im Gegensatz zur Regierung.
Janna und ihre Kinder lebten nach ihrer Flucht zunächst in einem Flüchtlingscamp, nun zur Miete in einem Haus im Dorf Getap. Die Besitzer sind nach Frankreich ausgewandert.
Vor einer unverputzten Wand sitzt sie in grauer Wollhose und schwarzem Spitzenoberteil auf einer Liege und erzählt, dass ihr Mann damals Glück im Unglück hatte und aus der von aserbaidschanischen Truppen umstellten Mine freikam. Er konnte der Familie folgen, ebenso die Tochter.
Janna kommen die Tränen. An der Wand hängt, mit bunten Kunstblumen umstellt, ein schwarz gerahmtes Foto ihres Mannes. Im November starb er mit 45 Jahren an Lungenkrebs.
In der Mitte des Raums steht ein Holzofen. Es gebe diesen einen Ofen für das Haus, zeigt sie. Vor den Fenstern hängen Stoffe und Tücher. Im Winter sind die Temperaturen in der Region oft unter dem Gefrierpunkt. Das Haus hat vier Zimmer, im Keller zeigt sie die Küche und die Waschmaschine. Im Treppenhaus türmen sich Kinderschuhe.
„Ich hätte Angst, zurückzukehren“
Im Dorf gehen die älteren Kinder zur Schule, sie fühlten sich wohl dort trotz der schwierigen Situation. Auch sie sei im Dorf angekommen und kennt viele. Die Nachbarschaft unterstütze sich gegenseitig.
Hilfe bekommen Janna und ihre Familie seit ihrer Ankunft auch von der lokalen Organisation „Community Development NGO“. Das katholische Hilfswerk Renovabis unterstützt deren Arbeit für Geflüchtete aus Bergkarabach in der eher armen Region Armeniens. Für den Anfang stellte die Organisation ein Notquartier. Janna nahm an einem Seminar teil, in dem den psychischen Folgen der Flucht begegnet wurde. Auch mit Essen, Windeln und Angeboten für die Kinder habe die Hilfsorganisation geholfen, sagt Janna.
Sie und ihre Familie leben von Kindergeld, das der armenische Staat zahlt. Früher arbeitete Janna als Friseurin. Gerade arbeitet sie nicht – weil sie erstmal die armenische Staatsbürgerschaft brauche. Die hatte nur ihr Mann. Aus sowjetischer Zeit hat sie selbst eine russische Staatsbürgerschaft. Und sie sei als Friseurin aus der Übung, sagt sie.
An einem ähnlichen Punkt stehen viele Geflüchtete in Armenien. Das erste Ankommen ist geschafft, Grundbedürfnisse sind erfüllt, weiter bleiben aber große wirtschaftliche Herausforderungen. Hier setzt ein neues Projekt der Community Development NGO gemeinsam mit Renovabis an: Es soll Geflüchteten helfen, ihren Weg in eine wirtschaftliche Eigenständigkeit zu gehen.
„Viele der in diese Region Geflüchteten waren schon in Bergkarabach eher arm“, erläutert Renovabis-Länderreferent Sebastian Hisch. Armenien hat eine große Diaspora im Ausland. Wohlhabende konnten eher dorthin weiterziehen als die ländliche, weniger gebildete Bevölkerung. Der Projektreferent betont, dass die Integration der Kinder wichtig ist, um die ganzen Familien zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft vor Ort zu machen.
Die lokale Nichtregierungsorganisation macht daher auch Angebote für Kinder und Jugendliche, von denen es außer schlecht ausgestatteten Schulen wenig in der strukturschwachen, bergigen Region rund um die Stadt Jeghegnadsor gibt. Einheimische und Geflüchtete lernen am Wochenende beispielsweise zusammen Englisch. Andere Kurse bereiten Jugendliche auf Aufnahmeprüfungen an den Universitäten vor. Reiche Familien bezahlen ihren Kindern dafür einen Tutor.
In Jeghegnadsor besuchen Mane und Goharik jeden Samstag und Sonntag den Zeichenkurs. Die beiden wollen Innenarchitektinnen werden. Für die 18-jährige Goharik steht im Juni die Prüfung an. Sie wäre gerne Designerin und würde gern mal reisen, nach Italien, Madrid und nach Amerika, erzählt sie. Auswandern möchte sie aber nicht. „Ich mag mein Land“, sagt sie, „meine Freunde, meine Familie, meine Zukunft sind hier“.
Auch Janna denkt nicht darüber nach, Getap zu verlassen. Eine Rückkehr nach Bergkarabach kann sie sich nicht vorstellen – sollte dies überhaupt jemals möglich sein. „Ich hätte Angst, zurückzukehren“, sagt sie, „und mein Mann ist hier“. Sie schaut zum Foto. Außerdem sollen ihre Söhne den Militärdienst für Armenien leisten müssen, nicht für Russland. Während sie erzählt, läuft ein Sohn durchs Zimmer. Im Schlepptau ein Freund; kurzes Gespräch mit Mama, dann sind die beiden die Treppe runter und raus.
Was sich Janna wünscht? Dass ihre Kinder glücklich sind, sagt sie. Und gesund. Zwei ihrer Söhne hätten gesundheitliche Probleme und es drohten Operationen. Und für sich selbst? Dass sie gesund bleibt, sagt sie. Um sich um ihre Kinder zu kümmern.






