Catechist Nicholas Black Elk with congregation at St. Paul's MissionNotes by Archivist: Catechist Nick Black Elk on porch with cap; related image published in The Calumet, June 1929, p. 2. Bild: Holy Rosary Mission - Red Cloud Indian School Collection, , MUA_HRM_RCIS_02046, Archival Collections, Raynor Library, Marquette University.

Nicholas Black Elk – Auf der Suche nach Erfüllung einer Vision

Katholik, indigener Traditionalist, Heiliger Mann: Dem Oglala-Lakota Heȟáka Sápa werden bis heute viele Stempel aufgedrückt. Die Suche nach einem Mann mit tiefer Spiritualität – und einer Vision.


Die Serie

Teil 10 der Missionskeulen-Serie. Die vergangenen Beiträge beleuchteten die komplexe Aufarbeitung der Missionsgeschichte im kolonialen Kontext, das Forschungsprojekt Missionsgeschichtliche Sammlungen, die Herkunft der Keule, die Arbeit deutscher Jesuiten bei den Lakota-Sioux, die Erinnerungen an den Jesuiten Eugen Büchel, zwei sehr unterschiedliche Lakota-Kunstsammlungen, die Suche der Red Cloud Indian School nach der Wahrheit, die überraschenden Erfahrungen eines Jesuiten bei diesem Prozess sowie die Spiritualität der Lakota.


Von Markus H. Lindner

Das Zentrum der Erde

Die Black Hills im Südwesten des US-Bundesstaats South Dakota sind für die Lakota von besonderer spiritueller Bedeutung (Witkin-New Holy 2000). Ihr höchster Berg, der von den Lakota wegen seiner Felsformation Hiŋháŋ Káǧa (Eulen-Macher) genannt wird und als Zentrum der Erde gilt, ist seit 2016 offiziell nach dem bekannten Oglala-Lakota Heȟáka Sápa (Black Elk, 1863-1950) benannt, der als Neunjähriger eine Vision hatte, in der er dort erfuhr, dass er sein Volk retten müsse (DeMallie 1984: 167).

Black Elk [auf dem Bild oben vor der Kirchentür mit Mütze in der Hand, Anm. d. Red.] hatte seine Vision in einer Zeit des Wandels. 1868 war der sogenannte Red-Cloud-Krieg beendet worden, in dem sich Teile der Lakota zusammen mit anderen Stämmen gegen die Landnahme durch die Amerikaner gewehrt hatten. Der folgende Vertrag von Laramie bedeutete zwar den Verlust von Landansprüchen, doch garantierte er die Große-Sioux-Reservation. Zugleich versprach die US-Regierung, für die Lakota zu sorgen, da durch den Eisenbahnbau die Bisonherden und andere Wildtiere als zentrale Nahrungsressource der Lakota schon stark dezimiert waren.

Nur vier Jahre nach seiner Vision nahm Black Elk an der berühmten Schlacht am Little Bighorn teil, bei der die Lakota und andere Stämme das 7. US-Kavallerieregiment vernichtend schlugen. Als Erwachsener wurde er, auch auf Grund seiner Vision, zu einem Wicasa Wakan, einem heiligen Mann, der auf religiöse Zeremonien spezialisiert ist und heilt. Tief verwurzelt in den Lakota-Traditionen passte er sich dem Reservationsleben an, das von Elend und Perspektivlosigkeit geprägt war. Wie andere Lakota nahm er an Buffalo Bill’s Wild West und ähnlichen Shows teil, in denen die Teilnehmer den mythischen Wilden Westen nachspielten. Für die Lakota war dies nicht nur eine Beschäftigungs-, sondern auch eine wichtige Verdienstmöglichkeit. Darüber hinaus erlebten sie – insbesondere bei Auftritten in Europa – die Wertschätzung des Publikums und lernten die Welt außerhalb ihrer Reservation kennen. Als Black Elk 1887 mit Buffalo Bill alias William F. Cody nach London aufbrach, verband er dies mit seiner Vision und hoffte, dadurch einen Weg zu finden, die Situation seines Volkes zu verbessern. Doch er wurde enttäuscht:

„… ich war wie ein Mann, der nie eine Vision gehabt hatte. Ich fühlte mich tot, und meine Leute schienen verloren, und ich dachte, ich würde sie nie wieder finden. Ich sah nichts, was meinem Volk helfen konnte. Ich konnte sehen, dass die Wašíčus (die Weißen) sich nicht so umeinander kümmerten, wie unsere Leute es taten bevor der [Lebens-]Kreis der Nation zerbrochen war.“
(nach Neihardt 1988: 217; Übersetzung des Verfassers)

Als er zwei Jahre später nach Aufenthalten in mehreren europäischen Ländern zurückkehrte, hatte sich die Situation auf der inzwischen in mehrere Teile zerschlagenen Reservation noch verschlechtert. Hoffnung machte die Geistertanzbewegung, die sich auf Grundlage einer Vision des Paiute-Propheten Wovoka auch bei den Lakota ausbreitete. Sie versprach nicht nur das Verschwinden der Weißen, sondern auch die Rückkehr der Bisons. Nach anfänglicher Skepsis beteiligte sich Black Elk daran, da er viele Parallelen zu seiner Vision erkannte. Erscheinungen, die er während der Tänze hatte, schienen das zu bestätigen. Nachdem jedoch am 29. Dezember 1890 US-Soldaten mehrere hundert friedliche Geistertänzer getötet hatten, war auch Black Elks erneute Hoffnung, die Vision seiner Kindheit erfüllen zu können, zerstört.

Literarische Aufarbeitung und Rezeption

Anfang der 1930er Jahre wurde der Autor John Neihardt auf Black Elk aufmerksam. Auf der Grundlage mehrerer Gespräche entstanden mehrere Bücher, darunter die Biografie Black Elk Speaks (Neihardt 1932; dt. Ich rufe mein Volk). Die Bücher wurden besonders ab den 1970er Jahren populär, als das Interesse an indianischem Aktivismus und Spiritualismus wuchs. Damals gab es keinen Zweifel an den Ausführungen. Der bekannte Oglala Frank Fools Crow, ebenfalls ein hochrespektierter religiöser Spezialist, betrachtete seinen Onkel Black Elk sogar als den größten aller Heiligen Männer der Lakota (Mails 1979:53).

Zweifel kamen erst auf, als klar wurde, dass die Bücher freie literarische Verarbeitungen der Gespräche waren, die Neihardt mit Black Elk geführt hatte, und deshalb mit Vorsicht betrachtet werden mussten. Zudem warf die Erkenntnis, dass Black Elk 1904 römisch-katholisch auf den Namen Nicholas getauft worden und dann sogar als Katechet tätig war, neue Fragen zur Interpretation der Werke auf. An dieser Stelle ist kein Raum, die vielfältige Diskussion zu analysieren, doch gibt es einerseits Kritiker, die alles als Erfindung von Neihardt  betrachten und andere, die Black Elk als Traditionalisten sehen, der nur formal zum Katholizismus konvertiert war (Holler 2000: xiv).

Aus Sicht der Diözese von Rapid City dagegen hat sich Black Elk bewusst für das Christentum entschieden, weshalb sie 2018 das Verfahren zu seiner Seligsprechung eingeleitet und im Juni 2019 abgeschlossen hat, sodass er seitdem den Titel ‚Diener Gottes‘ innehat. Der amerikanische Ethnologe Raymond J. DeMallie (1984: 14, 71) steht zwischen diesen Positionen. Er sieht in Black Elk einen ehrlichen Konvertiten, der nach seiner Taufe keine traditionellen Zeremonien mehr durchgeführt hat, aber durch die Gespräche mit Neihardt und Brown wieder Interesse an seiner alten Religion bekommen hat.

Nicholas Black Elk, Sr., 1940 (Medizinmann und Missionar)
Bild: Holy Rosary Mission - Red Cloud Indian School Collection, , MUA_HRM_RCIS_00039, Archival Collections, Raynor Library, Marquette University.
Nicholas Black Elk, Sr., 1940 (Medizinmann und Missionar) | Bild: Holy Rosary Mission – Red Cloud Indian School Collection, , MUA_HRM_RCIS_00039, Archival Collections, Raynor Library, Marquette University.

Tatsächlich lassen sich die scheinbaren Widersprüche auflösen, wenn man die komplexe Lebenswirklichkeit von Black Elk betrachtet. Sein Leben lang hatte er versucht, seine Vision innerhalb eines schwierigen, sich stetig wandelnden Umfelds wahr werden zu lassen und seinem Volk zu helfen. Dafür war er sogar nach Europa gegangen und hatte sich der Geistertanzbewegung angeschlossen. Während seines Europaaufenthaltes hatte er begonnen, sich mit dem Christentum zu beschäftigen. Dieses Interesse ist nicht überraschend, da Priester auch als eine Art Wicasa Wakan betrachtet wurden und die Kirchen sehr mächtig waren. Der bekannte Hunkpapa-Anführer Sitting Bull kaufte in Montreal sogar einen Bischofsring, um seinem Auftritt einen klerikalen Anstrich zu geben (Smith 1943: 197-198), und namhafte Lakota wie Red Cloud hatten ausdrücklich gewünscht, dass Jesuiten zu ihnen kommen sollten (DeMallie 1984:12).

Der Katholik

Als Black Elk 1889 aus Europa zurückgekehrte, war gerade die Holy Rosary Mission bei Pine Ridge eröffnet worden. 1892 heiratete er zudem die katholische Katie War Bonnetr (DeMallie 1994:12-13), so dass davon ausgegangen werden kann, dass Black Elks Taufe ein langer Prozess vorausgegangen war. Zwar lebte er zunächst wieder als Heiler und religiöser Spezialist, aber er war mit den Lehren der katholischen Kirche vertraut und kannte die sozialen und politischen Möglichkeiten, die sie bot (DeMallie 1984:15). Deshalb scheint es keineswegs unwahrscheinlich, dass Black Elk im Christentum eine neue Möglichkeit sah, seine Vision zu erfüllen und das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen, wie Frank Fools Crow beschreibt:

„Black Elk war sehr an den Lehren der Römisch-katholischen Kirche interessiert und verbrauchte Stunden damit, mit Priestern darüber zu sprechen … Black Elk hat mir gesagt, dass er entschieden habe, dass der religiöse Lebensweg im Großen und Ganzen das gleiche war wie der der christlichen Kirchen, und dass es keinen Grund gäbe, zu verändern was die Sioux getan haben. Wir könnten einige der christlichen Wege und Lehren annehmen und mit unseren zusammenbringen, so wären am Ende beide besser.“

(in Mails 1979:45; Übersetzung des Verfassers)

Black Elk widmete sich neben der Tätigkeit als Katechet aber auch anderen Verdienstmöglichkeiten. Ab 1934 führte er mehrfach Zeremonien für Touristen in den Black Hills durch – unter anderem auch während der Entstehung von Mt. Rushmore (DeMallie 1984: 63-66) –, die das Ziel hatten, „das weiße Publikum zu lehren, dass die alte Lakota-Religion eine echte Religion war, keine Anbetung des Teufels, wie die Missionare behaupteten“ (DeMallie 1984:66; Übersetzung des Verfassers). Diese touristischen Aufführungen werden ihm von einigen Lakota bis heute übelgenommen, und schon in den 1970er Jahren bezeichnete ihn der Miniconjou-Lakota John Fire Lame Deer als „Zigarrenindianer“ und „Katechismuslehrer“ (nach Matthiessen 1983: xxxvii; Übersetzung des Verfassers) – ein deutlicher Vorwurf, seine Rolle als Heiliger Mann der Lakota nur gespielt zu haben.

Zurück im Zentrum der Erde

Mit den Aufführungen bei Mount Rushmore befand sich Black Elk knapp fünf Kilometer vom Berg Hiŋháŋ Káǧa entfernt. 1923 hatte er diesen zum ersten Mal seit Jahrzehnten zusammen mit Neihardt bestiegen und war so ins Zentrum der Erde zurückgekehrt (DeMallie 1984 47-49). Er sah dies als Teil der Erfüllung seiner Vision, für die er sein Leben lang gekämpft hatte, sei es auf traditionelle Weise, durch die Teilnahme an Buffalo Bill’s Wild West, den Geistertanz, den Katholizismus – oder auch durch seine Gespräche mit John Neihardt, wie DeMallie es interpretiert (2014: 56).

Black Elks Geschichte ist die von Kulturwandel durch Kolonialisierung und die der Anpassung an eine neue Lebensrealität. Sie zeigt, wie indigene Individuen mit den Herausforderungen umgehen und offen sind für Veränderungen, wenn sie ihnen helfen, diese zu bewältigen – sei es im profanen oder religiösen Leben.


Über den Autor

Dr. Markus Lindner ist Ethnologe an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er beschäftigt sich insbesondere mit der Selbst- und Fremdrepräsentation des indigenen Nordamerika (insbes. Lakota) in historischen Fotografien, Tourismus, materieller Kultur, zeitgenössischer Kunst und Museen.


Hinweis zum Titelbild

Das Beitragsbild, Archiv-Nr. Holy Rosary Mission – Red Cloud Indian School Collection, , MUA_HRM_RCIS_02046, Archival Collections, Raynor Library, Marquette University, stammt aus der Sammlung Holy Rosary Mission – Red Cloud Indian School Records 6-1 G 70750 der Raynor Library der Marquette-University.

Nicholas Black Elk steht auf der Stufe vor der Kirchentür und hält eine Mütze in seiner Hand.

Im Original ist es folgendermaßen beschriftet:

Black Elk with congregation at church, undated 1920-1930

Catechist Nicholas Black Elk with congregation at St. Paul’s Mission

Notes by Archivist: Catechist Nick Black Elk on porch with cap; related image published in The Calumet, June 1929, p. 2.

Location Depicted
South Dakota — Pine Ridge Indian Reservation — Porcupine — St. Paul’s Mission


Die Missionskeule. Eine internationale Spurensuche Bild: IWM/Montage weltkirche.de

Die Missionskeule. Eine Serie.

  1. Die Missionskeule: Eine internationale Spurensuche
  2. „Wie kommt die Indianer-Keule zu den Jesuiten?“ und andere Fragen der Projektstelle Missionsgeschichtliche Sammlungen
  3. Der Weg der Sioux-Steinhammerkeule: Wo sie angefertigt wurde – und wozu
  4. Deutsche Jesuiten bei den Lakota-Sioux – Eine vielschichtige Beziehung
  5. Respekt für Respekt: Eugen Büchel in Pine Ridge
  6. Sammeln und Ausstellen für die Lakota
  7. Die Suche nach der Wahrheit an der Red Cloud Indian School
  8. People Are More Important Than Ideas: Catholicism, Colonialism, and Historical Reckoning
  9. Indigene Spiritualität und christlicher Kontext – eine Schieflage?
  10. Nicholas Black Elk: Auf der Suche nach Erfüllung einer Vision
  11. „Er ließ nie zu, dass sein Katholizismus sein Lakota-Sein abschwächte“
  12. tbd

Diese Serie entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Weltkirche und Mission der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen.

Inhaltliche Planung und Mitarbeit: Dr. Markus Scholz, IWM | Redaktion: Damian Raiser, weltkirche.de

Der Inhalt der Beiträge dieser Serie spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorinnen und Autoren wieder.

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