2. Ökumenischer Kirchentag vom 12. bis 16. Mai 2010 in München unter dem Motto "Damit ihr Hoffnung habt". Podium "Globale Welt ohne Respekt vor den Armen - Ist Entwicklungshilfe sinnvoll?" am 14. Mai Bild: Jean Ziegler, Politiker und Soziologe. Bild: KNA-Bild

Jean Ziegler ist tot – Ein Streiter für eine bessere Welt

„Wenn man das Bewusstsein verändern will, muss man eine klare Sprache wählen.“ Immer wieder prangerte Jean Ziegler Ausbeutung und Ungerechtigkeit an. Über einen Globalisierungskritiker, dessen Stimme fehlen wird.

Bis zuletzt trieb ihn die Frage um, wie eine gerechte Welt aussehen könnte. „Trotz alledem: Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe“, lautete der Titel des Buches von Jean Ziegler, das vor gut einem Jahr erschien. Am Mittwoch ist der Buchautor und langjähriger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung im Alter von 92 Jahren gestorben.

Der Spross einer bürgerlichen deutschsprachigen protestantischen Familie in der Region Thun ging zum Studium nach Frankreich. In Paris wurde er Mitglied des kommunistischen Studentenbundes „Clarté“ und lernte dadurch das Philosophenpaar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kennen. „Sartre hat mir das Rüstzeug gegeben, um die Welt zu verstehen“, sagte er einmal in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Als junger UN-Angestellter im afrikanischen Kongo zur Zeit von Diktator Mobutu Sese Seko kam er in Kontakt mit einer von Jesuiten betriebenen Station für Leprakranke. Die Ordensmänner waren „unglaublich bewundernswerte Menschen“, wie Ziegler der Plattform domradio.de erzählte. „Sie haben ihr Leben hingegeben für die Ärmsten. Die Imperialismustheorie, wie ich sie von Sartre gelernt hatte, zersprang und ich war ratlos. Und da hat mich die Begegnung mit dem Jesuiten Michel Riquer, der gegen die deutsche Besatzung gekämpft hat und deportiert worden ist, wieder auf einen gangbaren, vernünftigen Weg gebracht.“

Der konvertierte Katholik blieb seinem Engagement für die Entwicklungsländer treu. Daneben stieg er zu einem der bedeutendsten Schweizer Soziologen auf und saß für die Sozialdemokratische Partei der Schweiz lange im Parlament. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, von 2009 bis 2019 Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates.

Kritische Auseinandersetzung auch mit seinem Heimatland

In seinen Büchern setzte er sich immer wieder kritisch auch mit seinem Heimatland auseinander. Seine Publikationen wie „Die Schweiz wäscht weißer“ (1992) und „Die Schweiz, das Gold und die Toten“ (1998) lösten erbitterte Kontroversen aus. Im KNA-Interview verteidigte Ziegler seinen Einsatz, der ihm laut eigenem Bekunden unter anderem Prozesskosten in Höhe von mehreren Millionen Franken abverlangte. „Wenn man das Bewusstsein verändern will, muss man eine klare Sprache wählen, ohne Selbstzensur.“ Er lebe in einem Land mit freier Meinungsäußerung. „Das verpflichtet uns, dieses Recht auch wahrzunehmen.“

Der streitbare Publizist und Politiker prangerte nicht nur Missstände an, sondern auch jene, die er dafür für verantwortlich hielt. Tunesiens Präsidenten Kais Saied bezeichne er als „Rassisten übelster Sorte“, Sergej Lawrow als Wladimir Putins „gewissenlosen Außenminister“. Zugleich räumte er im hohen Alter ein: „Manche Leute, mit denen ich zusammengekommen bin, habe ich viel zu spät als Halunken erkannt. Muammar al-Ghaddafi zum Beispiel.“

Dass alle paar Sekunden ein Kind unter zehn Jahren am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen stirbt – „und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt“, machte Ziegler wütend. Hoffnung setzte er auf die jüngere Generation. „Die Jüngeren wissen, dass der freie Markt den Hunger nicht beenden wird“, sagte er der KNA. „Sie wissen: Wer an Hunger stirbt, wird ermordet – weil es bei einer anderen Gesellschaftsform möglich wäre, allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.“ Auf die Frage, ob er Angst habe vor dem Tod, antwortete Ziegler vor zwei Jahren: „Ich glaube an die Wiederauferstehung. Kurz bevor die Nazis ihn 1945 hingerichtet haben, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt: ‚Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.‘ Er wusste: ‚Ich werde erwartet.‘ Darauf baue auch ich: dass wir erwartet werden.“

Missio München: Welt verliert mutigen Fürsprecher der Armen

Auch das katholische Hilfswerk Missio München kondolierte zum Tod von Jean Ziegler. „Die Welt verliert einen mutigen Fürsprecher der Armen und Ausgegrenzten. Jean Ziegler verstand es wie kaum ein zweiter, weltweite Ungerechtigkeiten klar und deutlich zu benennen“, erklärte Missio-Präsident Msgr. Wolfgang Huber. Er habe die Europäer an ihre Verantwortung als ehemalige Kolonialmächte erinnert und Strukturen der Ausbeutung durch internationale Großkonzerne offengelegt – auch gegen große Widerstände.

Text: KNA Bild: KNA-Bild

12.06.2026: Statement Msgr. Huber

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