Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, am 26. August 2026 in der Hafenstadt Tel Aviv-Jaffa (Israel). Bild: Andrea Krogmann/KNA

Kardinal Woelki im Heiligen Land: „Es muss ein Weg der Versöhnung gefunden werden“

Seit Dienstag reist der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki durch Israel und die Palästinensergebiete. Eindrücke aus einer von Konflikten zerrissenen Region.

Text und Bild: Andrea Krogmann (KNA)

Im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern muss nach Worten des Erzbischofs von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, ein Weg gefunden werden, wie die beiden Konfliktparteien aufeinander zugehen können. „Alles andere hat keine Zukunft, sondern wird zu weiterer Gewalt führen“, sagte er am Donnerstag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Tel Aviv-Jaffa. Der Präsident des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) hält sich seit Dienstag zu einem Solidaritätsbesuch in der Region auf, wo er unter anderem Christen im Westjordanland traf.

Frage: Kardinal Woelki, Sie sind seit zwei Tagen im Heiligen Land, was ist Ihr erster Eindruck?

Kardinal Rainer Maria Woelki: Wir haben christliche Gemeinden im besetzten Westjordanland besucht, in Nablus, Aboud, Ein Arik und heute in Taibeh. An allen Orten war es erschütternd wahrzunehmen, dass die Christen sagen, sie haben keine Zukunft im Heiligen Land. Einige gehen davon aus, dass es in zehn Jahren keine Christen mehr im Heiligen Land geben wird, wenn sich die politische Situation nicht ändert. Insbesondere die jungen Leute sehen für sich keine Zukunft hier. Sie haben oft ein Studium absolviert, aber ihnen werden keine Arbeitsmöglichkeiten geboten.

Frage: Wie sehen die Christen die politische Situation im Westjordanland?

Woelki: Besonders beängstigend erleben sie die aggressive Besatzung durch israelische Siedler. Familien berichteten uns von Zusammenstößen mit Siedlern. Lebensgrundlagen werden zerstört. Die Christen haben versucht, mit den Siedlern zu sprechen und ihnen zu sagen: „Wir sind Christen. Das oberste Gebot für uns ist es, die Menschen zu lieben. Wir hassen niemanden, wir wollen in Frieden leben.“

Frage: Wurden sie gehört?

Woelki: Als Antwort haben sie erhalten: „Für euch keinen Frieden und keine Liebe.“ Einer der Christen hat eine Zementfirma und einen Steinbruch. Siedler haben Maschinen und Infrastruktur zerstört und halten das Unternehmen besetzt. Der Eigentümer steht de facto vor dem Nichts. Er überlegt nun, ein Café für die einheimische Bevölkerung zu eröffnen, als Alternative. 40 weitere Familien, die dort gearbeitet haben, haben ihren Lebensunterhalt verloren.

Frage: Hat man Ihnen mitgegeben, was Sie als Kirchenvertreter, als Deutscher, als Außenstehender tun können?

Woelki: Sie erwarten natürlich, dass wir ihre Situation öffentlich machen. Sehr dankbar hat man in Taibeh den Besuch des Bundesaußenministers wahrgenommen, der sich sehr klar positioniert hat. Anschließend gab es zwei Monate lang keine Siedlerangriffe mehr auf Taibeh. Das heißt für die Christen im Umkehrschluss: Besuche sind wichtig. Sie bewirken etwas, wenn die Realität, so wie sie sich dort darstellt, ins Wort gebracht wird.

Frage: Was haben Sie sonst noch gesehen?

Woelki: Je weiter man ins Westjordanland hineinfährt, desto mehr israelische Fahnen sind an allen Straßen aufgestellt, beidseitig in Abständen von 20 oder 50 Metern. Auch die Kreisverkehre sind ein Meer aus israelischen Fahnen, ebenso entlang von Feldwegen in Siedlergebiete. Die Botschaft ist eindeutig: „Das hier ist unser Land. Ihr habt hier keinen Ort und kein Recht zu leben.“ Das belastet die Christen sehr und führt zu einer großen Verunsicherung.

Frage: Eine Klage, die man von Palästinensern oft hört, ist, dass den Worten selten Taten folgen. Was können und würden Sie machen, damit sich das ändert?

Woelki: Das ist nicht so einfach. Wir haben als Bundesrepublik Deutschland aufgrund unserer Geschichte eine besondere Verantwortung für Israel. Es ist wichtig, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Gleichzeitig sehen wir gegenwärtig eine Politik der Nadelstiche und der Provokation, die die Palästinenser mehr und mehr in ihrem Recht auf Selbstbestimmung und in ihren Menschenrechten einschränkt. Das muss thematisiert werden.

„Gewalt und Krieg lösen keine Probleme“

Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln

Frage: Braucht es Sanktionen?

Woelki: Die Frage vermag ich nicht zu beantworten. Ich bin kein Politiker. Dass sich die Menschen hier vor Ort das wünschen, haben wir wahrgenommen. Umgekehrt muss man fragen, wem das nützt und ob nicht Sanktionen eine indirekte Wahlkampfhilfe darstellen, weil sie rechte Parteien aufwerten.

Frage: Umgekehrt hat das Ausbleiben von Sanktionen seit Antritt dieser Regierung Ende 2022 nicht zu einer Besserung der Lage geführt hat. Müsste man nicht aus kirchlicher Sicht eine andere Tonart anstreben, selbst wenn Vollzugsmechanismen fehlen?

Woelki: Ich verstehe, dass Israel sich nach dem 7. Oktober traumatisiert fühlt. Aber es ist ganz klar: Gewalt und Krieg lösen keine Probleme. Deshalb muss ein Weg gefunden werden, der Versöhnung möglich macht, der das Existenzrecht der Palästinenser anerkennt und Palästinensern erlaubt, die eigene Identität in einem eigenen Staat zu gestalten und zu leben. Genauso dürfen das Recht und das Sicherheitsbedürfnis Israels nicht eingeschränkt werden.

Frage: Sie besuchen auch israelische Orte entlang der Grenze zum Gazastreifen. Mit welcher Botschaft?

Woelki: Es wird fürchterlich sein, zu hören, was dieser 7. Oktober 2023 in den Menschen bewirkt hat, welche Traumata er ausgelöst hat und mit wie vielen Verwundungen er verbunden ist. Kaum eine Familie in Israel ist von diesem Ereignis verschont. Ich habe großen Respekt vor diesen Begegnungen, aber ich will mich dem aussetzen und hören, was diese Menschen bewegt. Ich möchte verstehen, ob es aus einem solchen Trauma heraus doch Wege aufeinander zu geben kann. Ich bin überzeugt, dass das sowohl für die Zukunft Israels als auch der Palästinenser die einzige Möglichkeit ist. Am Ende des Weges muss ein versöhntes Miteinander stehen. Alles andere hat keine Zukunft, sondern wird zu weiterer Gewalt führen.

Frage: Wie kann Kirche dabei helfen?

Woelki: Als Deutscher Verein vom Heiligen Lande (DVHL) und als Erzbistum von Köln unterstützen wir alle Projekte des Lateinischen Patriarchats, aber auch verschiedener jüdischer Menschenrechtsorganisationen, wie etwa der „Rabbis for Human Rights“. Damit wollen wir dazu beitragen, dass das Verständnis füreinander und für die jeweils eigenen Sicherheitsbedürfnisse wächst, damit am Ende tatsächlich ein versöhntes Miteinander stehen kann. Und natürlich das Gebet: Wo Menschen nicht mehr weiterkönnen und zu Waffen greifen, haben wir mit dem Gebet vielleicht andere Möglichkeiten, dazu beizutragen, dass Friede gelingen kann.

Frage: Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, hat Sie mit der höchsten Ehrung des Ritterordens für Geistliche ausgezeichnet. Was bedeutet es für Sie?

Woelki: Ich fühle mich sehr geehrt und es bewegt mich persönlich sehr, weil mein Herz für die Christen im Heiligen Land und auch für die Institutionen des DVHL schlägt. Ich weiß mich hier mit den Menschen im Heiligen Land sehr verbunden. Es ist ein Ansporn, in unserer Arbeit nicht nachzulassen.

Frage: Wie steht es um den DVHL?

Woelki: Wir sind natürlich dankbar, wenn sich die Situation hier im Heiligen Land wieder so gestaltet, dass Pilger nach Israel kommen können und so die Solidarität mit den Christen im Heiligen Land erfahrbar und gestärkt wird. Die Christen im Heiligen Land sollen spüren, dass sie nicht alleingelassen und nicht vergessen sind. Auch wenn die vielen Mitarbeitenden in den Institutionen des DVHL wieder vollumfänglich ihrer Arbeit nachgehen können und wir unseren Angestellten wirtschaftliche Sicherheit schenken können, ist das wichtig. Aber trotz der anhaltenden Krise steht der Verein auf stabilen Füßen.

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