Gut eine halbe Million Sinti und Roma wurden im Nazi-Terror getötet. Doch kaum noch Überlebende könnten davon erzählen und die Erinnerung wachhalten, warnt der Antiziganismusbeauftragte des Bundes bei einer Gedenkveranstaltung in Oswiecim. Auch ein Bischof äußerte sich.
Der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, Michael Brand, hat die Gesellschaft zum Erinnern an die Morde der Nazis an den Sinti und Roma gemahnt. „Die Stimmen der Überlebenden werden über 80 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes weniger. Die Verantwortung aller wird umso größer“, sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete am Sonntag laut Mitteilung im polnischen Oswiecim. „Es liegt jetzt an uns allen, die Erinnerung wachzuhalten, die Geschichte weiterzutragen und jeder Form von Antiziganismus, Rassismus und Menschenverachtung gemeinsam entschieden entgegenzutreten.“
Brand nimmt als Vertreter der Bundesregierung an der internationalen Gedenkveranstaltung zum europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma im früheren NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau teil. Dort wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 rund 4.300 Sinti und Roma von der SS getötet. Sie stünden stellvertretend für die gut eine halbe Million Mitglieder der Minderheit, die von den Nazis ermordet wurden, so Brand.
Das demokratische Deutschland stehe zu dieser historischen Verantwortung, betonte der Beauftragte. „Holocaust und Nazi-Terror zeigen so klar wie brutal, wohin es führen kann, wenn Menschen brutal verfolgt und zu einer Bedrohung stilisiert werden.“ Besonders begrüße er, dass auch in diesem Jahr Jugendliche und junge Erwachsene in das ehemalige KZ gekommen seien, um sich mit der Geschichte der Ermordeten und der Erinnerung an diese zu beschäftigen. „Sie verkörpern das Versprechen, dass wir gemeinsam die Erinnerung wachhalten und gemeinsam für eine bessere Zukunft arbeiten“, betonte Brand.
Weihbischof Heinrich: Unser Platz ist an der Seite der Opfer und ihrer Nachfahren
Neben Brand nahm auch der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich an der Gedenkveranstaltung in Oswiecim teil. Heinrich, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für die Seelsorge für Sinti, Roma und verwandte Gruppen, erklärte nach DBK-Informationen, die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs mahne uns auch heute, sensibel zu sein für alle Formen von Antiziganismus und diesem entschieden entgegenzutreten.
Es schmerze, zu sehen, dass auch die Kirche den Sinti und Roma vieles schuldig geblieben sei, sagte Weihbischof Heinrich. „Unser Platz ist an der Seite der Opfer und ihrer Nachfahren. (…) Die geteilte Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit stärkt und ermutigt uns in unserem Bemühen, unsere heutigen Beziehungen solidarisch und wahrhaftig zu gestalten“, betonte er.
Die Teilnahme Heinrichs an den Gedenkfeierlichkeiten ist Teil eines Prozesses, den die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma begonnen hat, um die schwierige Geschichte der Kirche mit der Minderheit aufzuarbeiten. Im Jahr 2025 veranstalteten die Deutsche Bischofskonferenz und der Zentralrat gemeinsam das wissenschaftliche Symposium „Zwischen Fürsorge und Antiziganismus“ zum Verhältnis der katholischen Kirche in Deutschland zu den Sinti und Roma während des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit.
Auf Grundlage der im Rahmen des Symposiums gewonnenen Erkenntnisse bereitet die Deutsche Bischofskonferenz derzeit eine Erklärung zum Verhältnis zu den Sinti und Roma vor, die sich auch mit der Frage der Schuld der Kirche befassen wird. Die Erklärung soll im kommenden Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Text: KNA, dr/weltkirche.de und DBK | Bild: Harald Oppitz/KNA







