Die Zahl der Erdbeben-Toten in Venezuela hat die Marke von 2.000 überschritten. Gleichzeitig verstärken Helfer ihre Arbeit in dem Land. Einige denken dabei bereits über die akute Nothilfe hinaus – und üben Kritik an der Übergangsregierung.
Eine Woche nach den verheerenden Erdbeben im Norden Venezuelas steigt die Zahl der Todesopfer weiter an. Nach Angaben venezolanischer Medien konnten bislang 2.295 Tote geborgen werden, die Regierung spricht zudem von 11.267 Verletzten. Der Hilfsbedarf ist enorm. Noch immer werden vereinzelt schwer verletzte Menschen aus den Trümmern geborgen, doch langsam schwindet die Hoffnung.
„Das Beben trifft die Menschen in der ohnehin sehr schwierigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lage besonders hart“, erklärte die zuständige Länderreferentin beim katholischen Hilfswerk Misereor, Barbara Schirmel, am Mittwoch in Aachen. Schon vor der Katastrophe hätten rund acht Millionen der insgesamt über 28 Millionen Menschen in dem südamerikanischen Land unter der Armutsgrenze gelebt.
Nach den Beben herrscht nun Chaos in den betroffenen Gebieten, berichtet Schirmel. Misereor-Partner vor Ort sprächen inzwischen von mindestens 4.000 Todesopfern und 50.000 weiteren Vermissten. Viele Familien verbrächten die Nächte im Freien, aus Angst vor weiteren Erdstößen. „Die Menschen benötigen also dringend weitere Unterstützung“, so Schirmel.
Misereor hat nach eigenen Angaben bislang 50.000 Euro für die Nothilfe zur Verfügung gestellt. Nötig sei aber eine langfristige Unterstützung der Bevölkerung, um die Not zu lindern und den Wiederaufbau voranzubringen. „Die Menschen in den betroffenen Regionen verlieren die Hoffnung und können nur schwer an eine bessere Zukunft glauben. Wir rechnen damit, dass sehr viele ihren Heimatort verlassen und es zu verstärkten Migrationsbewegungen kommt“, zitiert Misereor die örtliche Caritas.
„Der Bedarf im ganzen Land ist riesig“
Ähnlich schätzt die Situation auch Caritas international ein. Das Hilfswerk mit Sitz in Deutschland hatte seine Hilfe für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Venezuela zuletzt auf eine Million Euro erhöht. Über das landesweite Netz der Caritas Venezuela werden die Überlebenden mit Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischen Gütern versorgt, wie die Hilfsorganisation am Donnerstag in Freiburg mitteilte. Kirchen und Caritas-Einrichtungen seien zu Notunterkünften geworden.
„Der Bedarf im ganzen Land ist riesig“, sagte ein Sprecher. 5,5 Millionen Venezolaner seien betroffen. Zehntausende Gebäude wurden zerstört. Inzwischen steige die Gefahr von Epidemien.
Eindringlich forderte die Hilfsorganisation Schutz für Kinder, die durch die Katastrophe ihre Familie verloren haben. Viele Kinder seien vorerst von Nachbarfamilien aufgenommen worden. „Das ist gut. Doch vielen von ihnen droht die Verschleppung durch Kriminelle oder Missbrauch. Sie muss man jetzt besonders schützen“, forderte der Caritas-Sprecher.
Schon lange engagiert sich auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat vor Ort. „Unsere Partner in Venezuela packen an und helfen, obwohl sie selbst von dem verheerenden Erdbeben betroffen sind“, berichtet Reiner Wilhelm, langjähriger Venezuela-Referent des Hilfswerks. „Die Adveniat-Projekte besonders im Gesundheitsbereich der vergangenen Jahre tragen jetzt Früchte: viele junge Menschen sind als Erst-Helfer ausgebildet, Gesundheitszentren sind aufgebaut und die Struktur von Medikamenten-Lieferungen und -Verteilung durch Fachkräfte funktioniert auch unter diesen schwierigen Bedingungen.“ Für die breite Bevölkerungsmehrheit sei das eine wichtige Hoffnungsquelle. Hart geht Wilhelm mit dem Krisenmanagement der Übergangsregierung unter Präsidentin Delcy Rodriguez ins Gericht. Dieses sei, so Wilhelm, ein Desaster: „Hilfskräfte werden behindert und die Behörden sind überfordert“, kritisiert er.
Naturkatastrophe trifft auf marode Gesundheitsversorgung
50.000 Euro stellte Adveniat dem Erzbistum Caracas für die Opfer des schweren Erdbebens zur Verfügung, weitere 20.000 Euro kommen aus dem Bistum Augsburg. In Caracas koordiniert Erzbischof Raúl Biord Castillo mit seinem Team die kirchlichen Hilfsaktionen. Sein Erzbistum beliefert in der vom Erdbeben besonders betroffenen Küstenregion La Guaira die Menschen mit Trinkwasser aus Tanklastwagen und verteilt Lebensmittel- und Hygienepakete an die Betroffenen. Zudem werden kirchliche Räume als Notunterkünfte bereitgestellt, während kirchliche Gesundheitseinrichtungen Verletzte versorgen.
„Die staatliche Gesundheitsversorgung ist bereits vor Jahren zusammengebrochen infolge der Wirtschafts- und Staatskrise, die das diktatorische Regime des ehemaligen Präsidenten Nicolas Maduro zu verantworten hat“, erläutert Reiner Wilhelm. Nicht erst im aktuellen Katastrophenfall übernähmen die Diözesen und Pfarrgemeinden so die Aufgaben des Staates, der für die breite Mehrheit der Bevölkerung ein Totalausfall ist. Direkt nach dem Erdbeben habe man gemeinsam mit der Aktion Medeor drei Paletten Medikamente ins Land bringen können, so Wilhelm.
Am Mittwochabend, dem 24. Juni 2026, hatten zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 innerhalb von nur einer Minute den Norden des südamerikanischen Landes erschüttert. Die Epizentren lagen nahe der Kleinstadt Yumare im Bundesstaat Yaracuy in einer Tiefe von rund 20 bzw. 10 Kilometern. Betroffen waren vor allem Städte im Norden des Landes wie La Guaira, die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, Puerto Cabello, Catia La Mar, Ocumare de la Costa sowie die Hauptstadt Caracas.
weltkirche.de mit Material von KNA, Misereor, Adveniat und Caritas international | Bild: Rubén Dario Castillo Ugas/Caritas La Guaira/via Adveniat






