Die Zeugen Jehovas wurden in der NS-Zeit in Konzentrationslager deportiert und ermordet. An ihre Schicksale erinnert nun ein fünf Meter hoher Baum aus Bronze in Berlin. Er steht an einem historischen Ort.
Text und Bild: Daniel Zander/KNA
Es waren Menschen aus dem alltäglichen Leben. Da war Erich Frost, Musiker aus Leipzig. Oder Hildegard Mesch, ebenfalls aus Leipzig, eine Büroangestellte. Oder auch Otto Kours, ein Schlosser aus Niedersachsen. Sie alle eint: Sie wurden als Zeugen Jehovas vom NS-Regime verfolgt und in Konzentrationslager deportiert. Während Frost und Mesch überlebten, starb Kours im KZ Sachsenhausen. An sie und alle von den Nazis verfolgten Zeugen Jehovas erinnert nun ein Mahnmal im Berliner Tiergarten, ein fast fünf Meter hoher Baum aus Bronze.
„Das Denkmal für die Zeugen Jehovas ist eine Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus“, sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei einem Festakt zur Einweihung am Mittwoch. „Das Mahnmal gilt den Menschen, die bitteres Unrecht erlitten haben und dennoch immer wieder Menschlichkeit zeigten“, so die CDU-Politikerin. „Wir schulden allen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, ein Gedenken.“
Der zwölf Tonnen schwere Baum steht dabei an einem historischen Ort, in der Nähe des sogenannten Goldfischteichs im Berliner Tiergarten. Dort diente in der NS-Zeit ein Liegestuhlverleih als geheimer Treffpunkt für die Zeugen Jehovas, die damals noch „Bibelforscher“ genannt wurden und ab 1933 verboten waren. Führende Mitglieder reisten an den Ort, um das Gemeindeleben im Untergrund zu organisieren. Doch im August 1936 verhaftete die Gestapo an jenem Ort einige Mitglieder der Glaubensgemeinschaft.
Auch Frost, Mesch und Kours nahmen an den Treffen am Goldfischteich teil, wurden allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten verhaftet. Sie leisteten wie viele Zeugen Jehovas Widerstand – die Mitglieder der Religionsgemeinschaft verweigerten den Hitlergruß, den Kriegsdienst und ihre Aufnahme in staatliche Organisationen.
Bereits 1933 wurden sie verfolgt, ab der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 noch stärker. Rund 14.000 von ihnen wurden in Deutschland und in den besetzten Gebieten inhaftiert. Etwa 4.200 Zeugen Jehovas waren in Konzentrationslagern, wo sie als Erkennungszeichen einen „lila Winkel“ tragen mussten. Mindestens 1.700 starben.
An das Leid der Zeugen Jehovas soll auch die zerklüftete Oberfläche des neuen Mahnmal-Baums erinnern. Sie soll die Verletzungen und Narben der verfolgten Mitglieder symbolisieren. Der Baum als solcher, der vom Künstler Matthias Leeck entworfen wurde, stehe für die Standfestigkeit der Glaubensgemeinschaft in ihrem Widerstand gegen die NS-Diktatur.
Zum Denkmal aus Bronze soll künftig noch eine Infotafel kommen; auch sollen zehn Bäume um das Mahnmal herum gepflanzt werden. Insgesamt kostet das Denkmal-Ensemble eine Million Euro, es wird vom Bund finanziert.
Dass die Zeugen Jehovas dieses Denkmal bekommen haben, dafür hat sich besonders die Stiftung um Simone Arnold-Liebster, die selbst eine NS-Verfolgung überlebte, eingesetzt. 2019 kam sie auf die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu, die auch für einige andere Gedenkstätten in Berlin verantwortlich ist – etwa das Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen. 2023 hat der Bundestag schließlich die Errichtung eines Mahnmals für die verfolgten Zeugen Jehovas beschlossen.
Das Mahnmal steht zwar für die Leiden, die die Zeugen Jehovas während der NS-Zeit erdulden mussten. Doch auch nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes erlebte die Glaubensgemeinschaft dunkle Zeiten. „Die DDR setzte sogar die staatliche Verfolgung fort“, sagte Klöckner.
Bedrohungen aus der DDR erlebten nach ihrem Leid in der Nazi-Zeit auch Mesch und Frost. Der Musiker Frost engagierte sich zwar nach seiner Befreiung aus dem KZ Sachsenhausen führend in Westdeutschland, wurde aber Opfer einer Verleumdungskampagne der Stasi. Mesch hingegen, die das KZ Ravensbrück überlebt hat, kam in der DDR in Haft. Sie starb 1992 in Berlin, Frost 1987 in Lübeck.
Die Zeugen Jehovas sind eine hierarchisch organisierte Religionsgemeinschaft. Sie versteht sich als christlich, wird von den christlichen Kirchen aber skeptisch gesehen. Ihre Anfänge liegen im 19. Jahrhundert in den USA. Weltweit hat sie nach eigenen Angaben über acht Millionen Mitglieder, in Deutschland rund 178.000.
Die Mitglieder wollen Zeugnis vom biblischen Gott geben, den sie Jehova nennen. Kritiker werfen der Gemeinschaft vor, von ihren Anhängern blinden Gehorsam zu erwarten.






