Krieg ist schlimm – auf allen Seiten. Was aber, wenn man auf beiden Familie hat? Im nordisraelischen Jisch erzählen libanesischstämmige Christinnen von der Zerrissenheit und der Sehnsucht nach einer besseren Welt.
Text und Bild: Andrea Krogmann (KNA)
Eva Hashoul (1. v. rechts)hebt die Hand in den Abendhimmel. Dahinten, verdeckt durch eine letzte Bergkuppe, liegt ihr Geburtsort Rmeisch. Acht Kilometer Luftlinie entfernt, „sieben, vielleicht zehn Minuten, wenn sie die Grenze öffnen würden“ – doch seit mehr als einem Vierteljahrhundert in unerreichbarer Ferne. Ein Vierteljahrhundert, in dem Hashouls Eltern in Rmeisch gestorben sind, ohne dass sie sich verabschieden konnte.
45 libanesische Christinnen haben wie Eva nach Jisch eingeheiratet. Rund zwei Drittel der 2.500 Einwohner des nordisraelischen Dorfs unweit der libanesischen Grenze sind Christen, die Mehrheit Maroniten: „Die Grenzen waren offen. Wir sind zum Arbeiten nach Israel gekommen. Hier habe ich Yousef, meinen Mann, kennengelernt und blieb.“
Das war vor 43 Jahren, vier Kindern und sieben Enkeln. Eva holt einen Stapel alter Fotos hervor. Sie erzählen von friedlicheren Zeiten. Taufen, Hochzeiten, Familienfeste und Ausflüge mit der Familie auf die andere Seite gehörten für die Hashouls zum Alltag. Dann zog sich Israel 2000 aus dem Libanon zurück. Das Tor zu Eva Hashouls Kindheit und ihren Verwandten jenseits der Demarkationslinie schloss sich. Bis heute.
Jetzt sind beide Seiten unter Beschuss: das Jisch der Hashouls durch die Hisbollah, die seit dem 8. Oktober 2023 in den Gazakrieg eingestiegen ist, und das Rmeisch ihrer libanesischen Familie durch die israelische Armee, die der Hisbollah den Kampf angesagt hat.
„Ich habe ein doppeltes Problem. Ich habe Familie auf beiden Seiten, und ich habe Angst um sie“
Eva Hashoul
Auch wenn Rmeisch kein direktes Ziel der israelischen Angriffe sei, mache die Nähe zur Hisbollah-Hochburg Bint Jbeil einige Kilometer weiter nordöstlich die Lage extrem gefährlich. „Ich habe ein doppeltes Problem. Ich habe Familie auf beiden Seiten, und ich habe Angst um sie“, sagt die Maronitin. Und ergänzt, dass sie seit dem massiven Wiederaufflammen der Kämpfe vor sechs Wochen Jisch aus Angst fast nicht mehr verlässt.
Nicht so Rania Suleiman (Mitte), deren Geschichte ansonsten jener von Eva und den anderen so sehr ähnelt. „Ich habe Angst vor nichts, es fehlt mir an nichts. Ich lebe in Freiheit“, sagt sie. Die Lage auf der anderen Seite, im Libanon, die sei richtig schlimm: „Meine Familie in Rmeisch hat nichts mehr. Die Medikamente reichen noch für eine Woche, die Konserven und die Babymilch vielleicht noch für zwei.“
Was dann sein wird, will sich die 49-jährige Maronitin nicht ausmalen. Nichts komme in das abgeriegelte Gebiet hinein, und niemand raus. 23 war Suleiman, als sie nach Israel heiratete. Vor zwei Jahren fiel ihr Mann, ein Polizist, im Dienst. „Als Witwe wünsche ich mir so sehr meine Verwandten um mich“, sagt Rania.
Amra Magsal (links) kommt aus Debel, einem christlichen Nachbardorf von Rmeisch. Als sie vor 37 Jahren nach Jisch heiratete, gab es Schwierigkeiten mit ihrem Aufenthaltstitel. Ihre Heimat hat sie seither nicht mehr gesehen. Zwar hat sie inzwischen einen israelischen Pass. Aber das Zeitfenster der freien Grenzübertritte war da längst geschlossen. Heute ist auch sie Witwe, das Leben beinahe in Sichtweite der Verwandten und doch ohne eigene Familie schwer. „Ich bin Israelin. Aber mein Herz ist im Libanon bei meiner Familie.“
Die Lage ist kompliziert
Dann klingelt Evas Handy. Der Bruder aus Rmeisch ist dran. Whatsapp, Instagram und Co sind die einzigen Verbindungswege zur Familie im Libanon, sagen die Frauen. Strenggenommen ist auch diese Kommunikation mit „dem Feind“ verboten und kann für die Angehörigen im Libanon Konsequenzen haben.
Mehrfach seien ihre Verwandten zu Behörden zitiert worden, weil sie miteinander gesprochen hätten. Eva Hashoul ist froh, dass sie wenigstens diese Kommunikationswege haben: „Als mein Vater starb, gab es das noch nicht. Ich habe an der Beerdigung gefehlt. Als meine Mutter starb, konnte ich am Bildschirm dabei sein.“
Sie wünschen sich nichts mehr als den Frieden mit dem nördlichen Nachbarn, aber den Krieg Israels gegen die Hisbollah unterstützen sie trotzdem. „Es braucht diesen Krieg“, sagt Rania Suleiman. Amra Maslag und Eva Hashoul stimmen zu: „Wir und alle Christen im Südlibanon wollen diesen Krieg gegen die Hisbollah, für Frieden.“ Die Zukunft ihrer Familien hänge davon ab: „Wenn es keinen Frieden gibt und die Hisbollah zurückkehrt, werden sie den Libanon verlassen“, so Suleiman.
Eva und Yousef waren 2017 ein letztes Mal im Libanon – eine Pilgerreise, organisiert von der maronitischen Kirche mit diplomatischer Unterstützung aus dem Vatikan. „Damals habe ich zum letzten Mal einen Teil meiner Familie umarmt“, erzählt Eva und kämpft mit den Tränen. „Ich lebe sehr glücklich hier mit meinem Mann, meinen Kindern und meinen Enkeln. Das Land ist gut und uns geht es gut“, sagt sie ohne Zögern. Doch das Glück hat einen hohen Preis: „Die Sehnsucht nach meiner Familie ist immer da.“ Jetzt ist es Yousef, der sich die Tränen von der Wange wischt.
Die ersten direkten Gespräche zwischen den beiden verfeindeten Ländern seit 1983 haben begonnen. „Jetzt kommt Frieden“, gibt sich Rania Suleiman optimistisch. Nach einem Tag und einer Nacht heftiger Kampfhandlungen in dem Gebiet ist es seit ein paar Stunden ungewöhnlich ruhig. Bei der Christin schürt das Hoffnung: „Vielleicht beginnt der Frieden ja schon heute.“






