Spanische Flagge in Schwarz-Weiß. Spanien. Trauer. Bild: Cristian Gennari/Romano Siciliani/KNA

Spanien debattiert über Kolonialverbrechen in Mexiko

Weder Schuldeingeständnis noch Entschuldigung – Trotzdem kommt Bewegung in die Debatte um die Kolonialisierung und Missionierung Mexikos vor 500 Jahren durch Spanien. Ausgelöst hat sie König Felipe VI. persönlich.

Text: Manuel Meyer (KNA) | Bild: Cristian Gennari/Romano Siciliani/KNA

Es waren Worte, mit denen niemand gerechnet hatte. Im März gab Spaniens König Felipe VI. beim Besuch einer Ausstellung über indigene Frauen in Mexiko zu, bei der Inbesitznahme des mittelamerikanischen Landes im 15. und 16. Jahrhundert sei es zu Verbrechen und Übergriffen gekommen. Das war zwar weder eine formale Entschuldigung, noch ein offizielles Schuldeingeständnis. Doch zum ersten Mal in der Geschichte sprach ein spanischer Monarch von Fehlern während der Kolonisierung durch die spanische Krone. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum lobte die Worte des Königs als eine „Geste der Annäherung“.

Seit Jahren befeuert die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte diplomatische Spannungen zwischen den beiden Ländern. So forderte Sheinbaums Vorgänger Andrés Manuel López Obrador 2019 von Spanien und dem Vatikan schriftlich eine Entschuldigung für die Gräueltaten und den „Völkermord“, die während der Inbesitznahme und der christlichen Missionierung begangen worden seien.

„Im Namen Gottes“ seien „viele und schwere Sünden“ gegen die indigenen Völker Amerikas begangen worden, gab bereits der verstorbene Papst Franziskus zu. Im November 2025 sprach Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez von „Licht und Schatten“ während der Kolonisierung Mexikos.

Die gewaltsame Inbesitznahme und Evangelisierung des Aztekenreichs (1519-1521) führte zur Vernichtung großer Teile der indigenen Bevölkerung durch Kriege, Krankheiten und Zwangsarbeit. „Wir wissen mittlerweile Dinge, auf die wir mit unseren heutigen ethischen Maßstäben nicht stolz sein können, denn es gab viel Missbrauch“, so Felipe VI. Allerdings seien auch Gesetze zum Schutz der Bevölkerung erlassen worden; beachtet wurden diese, sagte der Monarch, aber oft nicht.

Spanien hat jedenfalls eine neue Geschichtsdebatte. Die Linksparteien Podemos und Sumar kritisierten die Worte des Königs als „nicht ausreichend“ und „zu spät“ und forderten eine offizielle Entschuldigung. Genau das bezeichnete der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo als absurd. Die Dinge seien vor 500 Jahren passiert. Eine völlig andere Perspektive vertrat Pepa Millán von der rechtspopulistischen Vox, der sagte: Die Inbesitznahme sei die „größte evangelisierende und zivilisatorische Leistung der Weltgeschichte, und das hat die spanische Krone vollbracht“.

Historiker: „Licht und Schatten“

José Manuel Sáenz Rotko bleibt lieber bei der Formel „Licht und Schatten“. Bereits wenige Jahre nach der Landung von Kolumbus im Jahr 1492 vertrat Königin Isabella – die Katholische – eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Position. „Sie bezeichnete die indigene Bevölkerung als freie Menschen und Untertanen der Krone, die nicht versklavt werden dürften“, erklärt der Historiker von der Päpstlichen Universität Comillas in Madrid der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sie sollten zwar christlich missioniert, aber nicht misshandelt werden.

Nach ihrem Tod erließ ihr Mann, König Ferdinand II., als Reaktion auf Missstände nach der Inbesitznahme 1512 die sogenannten „Gesetze von Burgos“; Versklavung wurde offiziell verboten; Indigene konnten aber zur Arbeit verpflichtet werden. Diese mussten zudem christlich unterrichtet werden, und die Missionierung galt als Rechtfertigung der Kolonisierung. Eine wirkliche Wahl hatten die Indigenen dabei nicht.

Die Wirklichkeit in den weit entfernten Kolonien sah häufig anders aus, gibt Historiker Rotko zu. Die Spanier setzten auf Gewalt und Zwangsarbeit. Auch die Evangelisierung im 16. Jahrhundert sei selten ein freiwilliger spiritueller Prozess gewesen. Allerdings gab es auch Geistliche, die Kritik äußerten; etwa der spanische Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas (1484-1566).

Gleichwohl entstand ebenfalls im 16. Jahrhundert der Begriff der „Schwarzen Legenden“, der zum Ziel hatte, ein brutales, dem religiösen Fanatismus verfallenes Spanien zu zeigen. Vor allem konkurrierende Kolonialmächte wie England und die Niederlande, die ebenfalls Kolonialverbrechen begingen, verbreiteten die „Leyendas Negras“.

Diese einseitig negative Sicht der „Schwarzen Legenden“ werde heute wieder von der linkspopulistischen mexikanischen Regierung bemüht, so Historiker Rotko. Deshalb würden sich sowohl die spanische Regierung als auch die spanische Kirche in der Kolonialdebatte eher zurückhalten oder gar nicht erst Stellung beziehen.

Auch auf Anfrage der KNA wollte sich die Spanische Bischofskonferenz nicht zur aktuellen Debatte äußern. Wie König Felipe warnen die Bischöfe davor, die Kolonialgeschichte aus der moralischen Perspektive von heute zu bewerten. Aus kirchlicher Perspektive müsse eine differenzierte Analyse Vorrang vor einfachen Schuldzuweisungen haben.

Fidel García, Vorsitzender der katholischen Menschenrechtsorganisation „Gerechtigkeit und Frieden“, meint jedoch, Spaniens Bischöfe sollten dem Beispiel von Papst Franziskus folgen: „Um Vergebung zu bitten, Bedauern auszudrücken und die Taten als Teil der Geschichte zu begreifen, trägt zur Heilung bei und ist keineswegs demütigend“, sagt der Geistliche der KNA. „Wir sollten aus der Geschichte lernen und schauen, wie wir uns auch heute noch gegenüber anderen Ländern verhalten.“

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