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Chile: Colonia Dignidad-Enteignung gestoppt – Sozialer Wohnungsbau statt Gedenkstätte?

In der von einem Deutschen gegründeten Colonia Dignidad in Chile wurden Menschen gefoltert und missbraucht. Die neue Rechtsregierung in dem Land stoppt nun Pläne für eine Enteignung und Errichtung einer Gedenkstätte.

Text: KNA | Bild: Toniflap/stock.adobe.com

Der Streit um den Umgang mit dem Gelände der ehemaligen Sekte Colonia Dignidad in Chile geht in eine neue Runde. Auf dem Gelände wurden unter dem deutschen Sektengründer Paul Schäfer (1921-2010) schwerste Menschenrechtsverletzungen begangen. Zudem wurden auf dem Gelände auch Opfer der chilenischen Militärdiktatur gefoltert.

Die neue Regierung des konservativen Präsidenten Jose Antonio Kast hat nun angekündigt, die Pläne der linken Vorgängerregierung nicht umzusetzen. Es ging darum, das Gelände zu enteignen und darauf eine Gedenkstätte zu errichten. „Das werden wir nicht tun, denn wir verfügen nicht über die entsprechenden Mittel“, sagte Wohnungsbauminister Iván Poduje der Zeitung „La Tercera“ von Sonntag.

Eine Enteignung würde einen kompletten Ort mit Häusern und Wohnungen betreffen, wie es hieß. So etwas habe es bislang noch nie gegeben, betonte Poduje. Nach seinen Angaben würde allein die Enteignung der urbanisierten Zone von Colonia Dignidad umgerechnet etwa 44,2 Millionen Euro kosten. Diese Summe würde dann für andere Projekte fehlen. „Mit diesem Geld könnte ich 1.500 Wohnungen sanieren, die in einem schlechten Zustand sind. Ich könnte 60, 70 Sportplätze sanieren, die heute brachliegen und auf denen die Kinder nicht spielen können“, rechnete Poduje in dem Zeitungsinterview vor.

Hinter der Entscheidung stecke eine soziale Prioritätensetzung. Das Wohnungsbauministerium widme sich dem Bau von Häusern, der Verbesserung der Stadt und der Gestaltung von Stadtvierteln. „Die Menschenrechte, die heute verletzt werden, sind die Menschenrechte der Kinder, die unter beengten Verhältnissen leben und deshalb unter häuslicher Gewalt leiden“, sagte Poduje. Menschenrechtler, die das kritisierten, könnten sich an internationale Organisationen oder an andere Ministerien wenden, um die Mittel anderweitig zu organisieren.

Kritik von der Opposition

Die linke Opposition kritisierte die Entscheidung scharf. „Das ist ein direkter Schlag ins Gesicht des Andenkens an die Opfer der schweren Menschenrechtsverletzungen, die in der ehemaligen Colonia Dignidad begangen wurden“, sagte der ehemalige Justizminister Jaime Gajardo (Kommunistische Partei) von der Vorgängerregierung unter Präsident Gabriel Boric. Kast-Kritiker werfen dem amtierenden Konservativen vor, die chilenische Militärdiktatur zu verharmlosen.

Die Colonia Dignidad wurde Anfang der 1960er Jahre von dem gebürtigen Bonner Paul Schäfer in Chile gegründet. Auf der Anlage rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago versprach der aus einem freikirchlichen Umfeld stammende Laienprediger seinen Anhängern ein „urchristliches Leben im Gelobten Land“. Tatsächlich führte Schäfer ein diktatorisches Regime und schottete die Sektenmitglieder von der Außenwelt ab. Schwere Verbrechen wie Freiheitsberaubung, Zwangsarbeit, Sklaverei, Kindesmissbrauch, Körperverletzung, Folter und Verabreichung von Psychopharmaka ohne medizinische Indikation sind inzwischen dokumentiert.

Nachdem sich 1973 Augusto Pinochet in Chile an die Macht geputscht hatte, wurden in der bis 1990 dauernden Militärdiktatur in der Colonia Dignidad zudem hunderte Regimegegner vom chilenischen Geheimdienst gefoltert und Dutzende ermordet. Die Pinochet-Diktatur zählte zu den brutalsten des 20. Jahrhunderts in Lateinamerika.

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