In Tansania wächst der Druck auf die Massai
Eine Gruppe aus Tansania reist 10.000 Kilometer von Tansania nach Deutschland. Sie wollen auf ihre Sorgen aufmerksam machen. Eine Rolle spielen dabei ein Joint Venture von VW und eine renommierte Organisation aus Frankfurt.
Text: Joachim Heinz (KNA) Bild: MISA/KNA
Im Paradies braut sich etwas zusammen. Und das seit langem schon. Ngorongoro, Serengeti: Allein bei diesen beiden Namen bekommen Afrika-Touristen glänzende Augen. Hier, im Nordosten Tansanias und jenseits der Grenze in Kenia, können sie die „Big Five“ Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn und Büffel beobachten – vor spektakulärer Kulisse und inmitten vermeintlich unberührter Natur.
In Deutschland werden sich die Älteren noch an den die Oscar-gekrönte Dokumentation „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek und seinem Sohn Michael erinnern. Der langjährige Frankfurter Zoodirektor Grzimek war es auch, der sich über die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, kurz ZGF, bis zu seinem Tod 1987 für den Serengeti Nationalpark stark machte.
Das „Problem“: In dem ostafrikanischen Garten Eden lebten und leben Menschen. Vor allem die als Nomaden und Viehzüchter in der Gegend siedelnden Massai geraten inzwischen immer häufiger zwischen die Mühlen von Tourismus, Naturschutz und finanzstarken Investoren. Seit kurzem ist der Druck auf die Dörfer in Ngorongoro und dem Nachbardistrikt Monduli noch einmal gewachsen, wie Hilfsorganisationen und Menschenrechtler berichten.
Im Distrikt Ngorongoro wurde 2022 ein neues Schutzgebiet ausgewiesen. Das Areal namens Pololeti Game Reserve ist mit 1.500 Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie der Stadtstaat Hamburg und soll künftig Großwildjägern offenstehen. Draußen bleiben müssen dagegen die Massai samt ihren Kühen und Ziegen. Eine wichtige Wasserstelle im Reservat ist nun zur verbotenen Zone geworden, beklagt Nkasiogi Lekakeny.
Ihren echten Namen will die Massai-Aktivistin nicht nennen, aus Angst vor Verfolgung in ihrem Heimatland Tansania. Genau wie ihre Mitstreiterin Naipanoi Ntutu. Zusammen mit Anwalt Joseph Oleshangay traten die beiden im vergangenen Herbst die 10.000 Kilometer lange Reise nach Europa an, um auf die Lage der Menschen im Schatten des Serengeti Nationalparks aufmerksam zu machen.
Die Politiker des Landes scherten sich wenig um die Belange der Massai, kritisieren sei. Sie interessierten sich mehr für die Profite, die Touristen und Geschäftsleute dem Land bringen. Wer sich dagegenstelle, werde unter Druck gesetzt.
Beispiel Pololeti Game Reserve: Massai, die aus schierer Not ihre Tiere immer noch an die verbotene Tränke führen, würden mit drakonischen Strafen belegt. Die im Reservat patrouillierenden Ranger setzten Kühe und Ziegen fest und ließen sie nur gegen hohe Kautionen wieder frei, berichtet Nkasiogi Lekakeny. „Die einzige Ressource, die diese Menschen haben, wird ihnen weggenommen“, ergänzt Joseph Oleshangay: Familien rängen um ihre Existenz und verlören ihr Zuhause; Landkonflikte nähmen zu, während der Zugang zu Weideflächen und Wasserstellen immer weiter eingeschränkt werde.
Nach Darstellung der Nichtregierungsorganisation FIAN Deutschland sollte die rechtliche Grundlage zur Einrichtung der Pololeti Game Reserve ein neuer Landnutzungsplan liefern. An der Erstellung dieses Plans hätten sich drei Experten der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt beteiligt, sagt FIAN-Experte Roman Herre, dem entsprechende Dokumente vorliegen.
CO2-Speicherung für VW?
Eine Sprecherin der ZGF wiederum betont, ihre Gesellschaft habe keine Rolle gespielt bei der Zuweisung und Einrichtung des Reservats. Das sei laut Gesetz allein Sache der tansanischen Regierung. „Dass es in den großen und vielfältigen Landschaften, in denen wir arbeiten unterschiedliche Interessengruppen mit teils konträren Ansichten, verschiedenen Ansprüchen und Wünschen gibt, ist uns bewusst“, räumt sie ein. „Unser Ziel ist jedoch immer, dass Naturschutzmaßnahmen auch sinnvoll zur nachhaltigen Entwicklung der lokalen Gemeinden beitragen und dass Benefits gerecht und fair allen zugute kommen.“
Die Massai-Vertreter wünschen sich im Fall der Pololeti Game Reserve, dass einflussreiche Organisation wie die ZGF das Vorgehen der Regierung klar zurückweisen. „Wir wollen einen Naturschutz, der die Rechte der Bevölkerung vor Ort respektiert“, sagt Naipanoi Ntutu. Stattdessen werfen Vorgänge auch im benachbarten Distrikt Monduli Fragen auf. Und auch diesmal führt eine Spur nach Deutschland. Konkret zu dem in München ansässigen Startup Volkswagen ClimatePartner, einem Joint Venture zwischen Volkswagen Kraftwerk und Climate Partner.
Erklärtes Ziel von Volkswagen ClimatePartner: CO2 reduzieren. Ein Weg dorthin: das klimaschädliche Gas im Erdboden lagern. Das soll offenbar auch in Tansania geschehen – im Rahmen des Longido Monduli Rangeland Carbon Project. Dafür planen die Verantwortlichen mit einer Fläche von bis zu 900.000 Hektar. Letztlich hänge das von der Anzahl der teilnehmenden Gemeinden ab, heißt es.
Eine dieser Gemeinden ist das Dorf Eluai. Nach Darstellung von Nkasiogi Lekakeny, Naipanoi Ntutu und Joseph Oleshangay wird auch hier seit Abschluss des Vertrages den Bewohnern der Zugang zu ihrem Land verwehrt. Zudem seien vielen von ihnen die Konsequenzen der über 40 Jahre laufenden Vereinbarung nur unzureichend erläutert worden. Nun wolle Eluai den Vertrag aufkündigen. Bislang jedoch vergeblich.
Zu den Merkwürdigkeiten dieses Vorgangs gehört, dass auf der Website von Volkswagen ClimatePartners zwar das Klima-Projekt selbst vorgestellt wird – aber von einer CO2-Speicherung nirgends die Rede ist. Auf Nachfrage heißt es dazu, es fehle an aussagekräftigen Daten: „Da die Basiswerte derzeit noch gemessen werden, ist es noch zu früh, um Zahlen zum erwarteten Anstieg der CO2-Speicherung zu nennen.“ Für den Dialog mit Eluai sei der Projektentwickler Soils for the Future Tanzania zuständig. Der verweist darauf, dass Eluai und der Distrikt Monduli im Gespräch über das Projekt stünden: „Wir haben derzeit keine weitergehenden Informationen über die Lage.“
Anwalt Joseph Oleshangay hält das Vorhaben aus moralischer Sicht für grundsätzlich fragwürdig. Warum, so fragt er, sollen die Menschen in Tansania für die Klimasünden der Europäer büßen, indem sie nun Land für die Speicherung von deren Kohlenstoffdioxid bereitstellen? „Wenn Du irgendwo einen Schaden anrichtest, dann solltest Du auch dafür verantwortlich sein, ihn zu beheben“, sagt er.
„Die Bundesregierung verfolgt die Entwicklung im Norden Tansanias, einschließlich der Situation der Massai, aufmerksam“, teilt das Entwicklungsministerium mit. Dem Ministerium lägen keine Informationen über eine Beteiligung des Volkswagen-Konzerns an CO2-Speicherungsprojekten vor, „die über öffentlich zugängliche Informationen hinausgehen“, so ein Sprecher. Allerdings müssten solche Projekte höchsten ökologischen und sozialen Standards genügen: „Besonders wichtig sind die Achtung der Rechte lokaler Bevölkerungsgruppen, transparente Verfahren sowie die Einhaltung menschenrechtlicher Prinzipien.“
Unterdessen vertreiben laut Informationen von FIAN Deutschland die Behörden in Tansania weiter Menschen aus ihren Dörfern – während Touristen im Paradies zusehends unter sich bleiben.







