Während Europa noch über den Verbrennungsmotor diskutiert, ist er in Äthiopien seit 2024 Vergangenheit. Das hängt viele Menschen ab – und eröffnet zugleich enorme Chancen. Deutsche Autobauer zeigen sich desinteressiert.
Text und Bild: Tycho Schildbach (KNA)
In einer Produktionshalle im Süden von Addis Abeba soll ein zweites Tesla entstehen – das hoffen zumindest die Investoren von Dodai. Das Startup produziert elektrische Motorroller für das 130-Millionen-Einwohner-Land Äthiopien. Doch im vergangenen Jahr verkaufte Dodai nur 1.300 Fahrzeuge – umgerechnet eines pro 100.000 Menschen.
Gegen Erwartungsdruck scheint Geschäftsführer Yuma Sasaki resistent. „Ich denke nicht darüber nach, profitabel zu sein, sondern darüber, den Markt zu gewinnen. Du musst ein Produkt entwickeln, das die Menschen lieben – koste es, was es wolle“, sagt der 39-jährige Japaner.
Sein Kapuzenpullover leuchtet im selben Orange wie die Streben der Hallenwände; sein Haar erinnert an die Pilzfrisur der Beatles. Auf seinem LinkedIn-Profil gibt Sasaki an, freiwillig zwei Monate lang obdachlos auf den Straßen von Paris gelebt zu haben – inspiriert durch einen Artikel über Wohnungslosigkeit. Später leitete er den Vertrieb von Uber für ganz Japan. Wer sich an den äthiopischen Markt wagt, braucht offenbar eine besondere Mischung aus Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen.
Seit Januar 2024 hat die äthiopische Regierung unter Premierminister Abiy Ahmed den Import von Verbrennerfahrzeugen verboten. Im Mai 2025 folgte das Importverbot für Einzelteile; auch die inländische Montage ist somit illegal.
Wer sich hier – wie Dodai-Chef Sasaki – als Produzent behaupten will, sieht sich jedoch zahlreichen Herausforderungen gegenüber: allen voran dem allgegenwärtigen Mangel an Devisen. Ausländische Währungen werden dringend benötigt, um Waren aus dem Ausland zu bezahlen. Auch die Teile der Dodai-Motorroller werden überwiegend aus China importiert.
Zwar nennt Dhenge Boru, Staatsminister für Transport und Logistik, den Umweltschutz als große Motivation hinter dem Verbrenner-Aus. Eher beiläufig weist er aber auch auf den Devisenmangel hin: „Wir geben jedes Jahr mehr als 4,5 Milliarden US-Dollar für Benzin- und Dieselkraftstoffe aus. Diese Ausgaben in Fremdwährung müssen wir einsparen und die Milliarden von US-Dollar stattdessen in andere Entwicklungsprioritäten lenken.“
Samson Berhane, äthiopischer Wirtschaftsanalyst, hält den Devisenmangel für den ausschlaggebenden Grund für das Verbrenner-Aus. „Unsere Devisenreserven reichten nicht einmal aus, um einen Monat der Importe zu decken“, sagt er. „Es war ein Alles-oder-nichts-Moment für Äthiopien. Automobile sind schließlich nicht lebensnotwendig. Zumal es nicht einmal genügend Devisen gab, um Medikamente zu kaufen.“
Seither setzt die Regierung die Mobilitätswende mit voller Härte durch. Die Streichung von Treibstoffsubventionen trug dazu bei, dass der Literpreis für Benzin seit Oktober 2024 um die Hälfte stieg. Die Kostenexplosion trifft viele Bürger hart, denn nur wenige können sich bisher elektrische Fahrzeuge leisten. Ein Problem für Dodai-Chef Sasaki und die äthiopische Regierung.
Radikale Mobilitätsreform
Noch deutet in den Straßen von Addis Abeba nichts darauf hin, dass sie das Zentrum einer der radikalsten Mobilitätsreformen des Planeten sind. Über weiten Teilen der Stadt liegt eine beißende Smog-Wolke. Die Auspuffe der vielen alten Autos und Busse spucken dunkelgraue Rauchfahnen aus. In den dichten Verkehr mischen sich vereinzelt E-Autos. Fast alle stammen aus China – von der etablierten Marke BYD bis zu Billigmodellen.
Landesweit besitzt etwa ein Prozent der Bevölkerung ein Auto oder motorisiertes Zweirad, so die Angaben des Transportministeriums von 2020. Architekt Samson Mitiku kann sich kein Auto leisten – weder Verbrenner- noch E-Auto. Er trägt einen Vollbart, unter dem weißen Poloshirt schaut eine silberne Kette hervor. Mitiku wartet im Licht der Straßenlaternen in einer langen Schlange auf seinen Bus. Gegenüber E-Autos ist er skeptisch: „Man sagt nicht viel Gutes über sie. Sie entsprechen nicht dem europäischen Standard. Sie kommen aus China, daher ist man nicht so zufrieden mit der Qualität der Batterien und der Motoren.“
Zudem hemmt das unzureichende Stromnetz die Mobilitätswende. Die Hälfte der Bevölkerung hat bisher keinen Zugang zu Elektrizität – besonders in den ländlichen Regionen eines Landes, das dreimal so groß ist wie Deutschland.
Dabei ist das Energiepotenzial Äthiopiens gewaltig und Strom günstig. Weil die Wasserkraftanlagen – allen voran der neue Megastaudamm GERD – zu viel Strom für das spärliche Netz produzieren, exportiert Äthiopien Strom an seine Nachbarländer. 97 Prozent der Erzeugungskapazität kommen aus Wasser-, zwei Prozent aus Windkraft. Seit Jahren wächst die äthiopische Wirtschaft so schnell wie kaum eine andere in Afrika. Für das laufende Geschäftsjahr verkündete Premierminister Abiy Ahmed Anfang Februar ein voraussichtliches Wachstum von 10,2 Prozent.
Zu den Profiteuren dieses Aufschwungs gehört Ayele Sirga. Der Verwaltungsangestellte steht an einer Ladesäule im Zentrum von Addis Abeba und zahlt per App. Sirga trägt einen blauen Anzug, das weiße Hemd ist faltenfrei. Er ist zufrieden mit seinem Umstieg auf ein E-Auto: „Ich fahre von zu Hause ins Büro und bezahle jetzt nur etwa 600 Birr pro Woche“, umgerechnet rund 3,30 Euro. Mit seinem Verbrennerauto habe er zuvor das Sechsfache bezahlt. Er sei sich aber bewusst, dass nur Menschen mit mittlerem und hohem Einkommen die Anschaffungskosten für ein E-Auto stemmen könnten.
Neben dem Kaufpreis müsse auch die Infrastruktur verbessert werden. „Wir bräuchten mehr Ladestationen, dann würden mehr Menschen elektrische Autos kaufen wollen“, findet Sirga. Google Maps weist in Addis Abeba, dessen Ballungsraum laut UN-Schätzung etwa 6,7 Millionen Menschen bewohnen, nur elf elektrische Ladestationen aus.
Die äthiopische Regierung setzt mit dem abrupten Verbrenner-Aus alles auf eine Karte – genau wie Dodai-Chef Sasaki mit seinem Startup. Seit der Gründung vor zweieinhalb Jahren hat er sieben Millionen Euro bei Investoren gesammelt, 15 weitere Millionen sollen bald folgen. Seine Wette geht nur auf, wenn Äthiopiens Elektromobilität sehr schnell vom Luxusgut zum Grundbedarf wird.






