Mit dem „War on Terror“ wollten die USA die Welt sicherer machen. Stattdessen hinterließen die Kriege zerstörte Staaten, Millionen Opfer und tiefe Zweifel an der moralischen Glaubwürdigkeit des Westens. Der Terror selbst ist nicht besiegt.
Text: Christoph Schmidt (KNA) | Bild: Tobias Käufer/KNA
Neun Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 proklamierte US-Präsident George W. Bush vor dem Kongress den „globalen Krieg gegen den Terror“. An der künftigen Weltordnung ließ der Texaner keinen Zweifel: „Jede Nation, in jeder Region der Welt, hat eine Entscheidung zu treffen: Entweder sind sie auf unserer Seite, oder sie sind auf der Seite der Terroristen.“
Seit 25 Jahren führt die Supermacht USA, unterstützt von Verbündeten, den „Global War on Terror“ nach der simplen Logik „Freund gegen Feind“. Teils als asymmetrischen Krieg neuen Typs gegen reine Terrororganisationen wie Al-Kaida oder den „Islamischen Staat“ und deren weltweite Ableger, teils gegen halbstaatliche Akteure wie Hamas und Hisbollah, die Anschläge zu taktischen Zwecken verüben, teils auch gegen ganze Staaten, denen Terror-Unterstützung vorgeworfen wurde.
Washington führte diesen Krieg mit Armeen und Flugzeugträgern, mit Spezialeinheiten und Drohnen, mit Cyber-Spionage und massenhafter Datenüberwachung auch im eigenen Land – und oft unter Verletzung völkerrechtlicher und menschenrechtlicher Standards. Währenddessen verübten terroristische Gruppen weiter furchtbare Anschläge mit Hunderten Toten, auch in Europa: 2004 Madrid, 2005 London, 2015 Paris, 2016 Berlin sind nur die bekanntesten.
Zum Synonym dieses Krieges wurde das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba. Dort sperrten die USA Hunderte Terrorverdächtige als „ungesetzliche Kombattanten“ oft über Jahrzehnte ohne Anklage ein, teils bis heute. Berichte über systematische Misshandlungen und sogenannte erweiterte Verhörmethoden wie das Waterboarding, die auch in geheimen CIA-Gefängnissen weltweit, sogar in europäischen Ländern, praktiziert wurden, beschädigten die moralische Glaubwürdigkeit des Westens nachhaltig.
Wiederholt kritisierten Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch außergerichtliche Tötungen, Straffreiheit und Entführungen von Verdächtigen sowie die Zusammenarbeit der USA mit autoritären Staaten wie Ägypten oder Pakistan, wo Folter und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Zudem forderten vermeintlich präzise Drohnenangriffe, die unter Bushs Nachfolger Barak Obama zunahmen, wohl Tausende Opfer unter der Zivilbevölkerung – von Somalia und Jemen bis Afghanistan und Pakistan.
Geopolitisch gilt der „War on Terror“ nach einem Vierteljahrhundert vielen Analysten als gescheitert. Der Islam- und Politikwissenschaftler Ronald Ofteringer beschreibt die US-Kampagne in seinem soeben erschienenen Buch „Die Welt in Trümmern“ schlüssig als eine Spirale aus Gewalt und Vergeltung. Sie führte zur Erosion der internationalen Ordnung und stürzte weite Teile des Nahen und Mittleren Ostens ins Chaos.
In Afghanistan zerschlugen US-Truppen 2001/2 zwar die Basis von Al-Kaida, vertrieben die Taliban von der Macht und starteten, auch unter deutscher Beteiligung, den längsten Militäreinsatz ihrer Geschichte. Doch 20 Jahre später endete das „Nation Building“ im chaotischen Abzug der westlichen Truppen und dem Rückfall des Landes unter die Taliban-Herrschaft.
Der „War on Terror“ belastet das Verhältnis mit der islamischen Welt
Noch folgenschwerer war der völkerrechtswidrige Irak-Krieg, den die USA 2003 unter konstruierten Behauptungen anzettelten, Diktator Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen und arbeite mit den Terroristen zusammen. In den Trümmern des zerschlagenen irakischen Staates entstand die brutalste Terrorgruppe der Moderne: der „Islamische Staat“ (IS).
Im Zuge des syrischen Bürgerkriegs ab 2011 breitete sich der IS rasant aus und errichtete ein grenzübergreifendes „Kalifat“ des Schreckens. Zwar wurden die Terroristen von einer US-Koalition besiegt. Doch mit dem Segen von US-Präsident Joe Biden und seines Nachfolgers Donald Trump stürzte der einstige Top-Dschihadist Ahmed al-Scharaa die Assad-Diktatur in Syrien und etablierte ein islamistisches System. Die Zukunft des Landes und seiner religiösen Minderheiten ist mehr als ungewiss.
Als letzte Glieder in der Kette moralisch zweifelhafter Antiterrorkriege sieht Ofteringer den Krieg Israels im Gazastreifen nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 sowie den amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran.
Das „Costs of War Project der Brown University“ schätzte für die Feldzüge und Anti-Terror-Operationen der USA von 2001 bis 2023 allein 940.000 direkte Kriegstote und Kosten von etwa 8 Billionen US-Dollar. Hinzu kommen Millionen Vertriebene, von denen viele nach Europa flohen. Damit trug der „War on Terror“ erheblich zur polarisierenden Migrationsdebatte und zum Aufstieg rechtspopulistischer Strömungen in den hiesigen Gesellschaften bei.
Auch wenn US-Kommandotruppen Osama bin Laden, den einstigen Chef von Al-Kaida, 2011 in Pakistan töteten, seine Terrororganisation wie auch den „Islamischen Staat“ militärisch weitgehend zurückdrängten, prägt der Terror weiter das 21. Jahrhundert. Nach Ansicht vieler Experten ist er heute nur dezentralisierter und noch unberechenbarer.
Insbesondere der IS setzt zunehmend auf die Mobilisierung von Einzeltätern, gerade in Europa. Zugleich hat der „War on Terror“ das Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt nachhaltig belastet. Bushs frühe Rede von einem „Kreuzzug“ verstärkte ebenso wie Folter, zivile Opfer und die Kriege im Nahen Osten den Eindruck einer Kampagne gegen den Islam. Das trug zur Radikalisierung und zum Hass auf den Westen bei.
Neue dschihadistische Netzwerke haben sich vor allem in der Sahelzone ausgebreitet, vielfach angetrieben und überlagert von lokalen Konflikten und Armut. Der Terrorismus ist damit 25 Jahre nach Beginn des „Global War on Terror“ zwar verändert, aber keineswegs besiegt.







