Mit dem Verschwinden der Zeitzeugen wächst nach Ansicht europäischer Gedenkstätten ihre Verantwortung. In einer Erklärung fordern sie politische Unabhängigkeit und warnen vor Hass und Demokratiefeindlichkeit.
Europäische Gedenkstätten an ehemaligen Orten nationalsozialistischer Verbrechen haben vor politischen Eingriffen in ihre Arbeit gewarnt und pochen auf ihre Unabhängigkeit. In einer gemeinsamen Grundsatzerklärung betonen die Einrichtungen, ihre wissenschaftliche und inhaltliche Autonomie dürfe weder politischem noch finanziellem Druck ausgesetzt werden. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau veröffentlichte die Grundsatzerklärung am Mittwoch im polnischen Oswiecim. Zu den 32 Unterzeichnern gehören auch 14 deutsche Gedenkstätten.
Die NS-Gedenkstätten bezeichnen sich als sichtbares Erbe der Geschichte, auf der das Nachkriegseuropa gründe. Mit dem allmählichen Verschwinden der Generation der Überlebenden und Zeitzeugen wachse ihre Verantwortung, die Erinnerung an die NS-Verbrechen wachzuhalten und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu fördern. Zugleich müssten sie Entwicklungen wie Entmenschlichung, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit erkennen, benennen und ihnen entgegentreten.
Grundlage ihrer Arbeit seien wissenschaftliche Forschung und historisch gesicherte Erkenntnisse, heißt es in der Erklärung. Deshalb müssten Gedenkstätten unabhängig von privaten Interessen und politischen Vorgaben arbeiten können. Sie seien Orte, an denen auch schwierige Fragen gestellt und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch eingeordnet werden müssten. Dies schließe ein, vor Gefahren für Demokratie und Menschenrechte zu warnen. Die Unterzeichner betonen, dass die Unabhängigkeit der Gedenkstätten nicht nur die jeweiligen Träger betreffe. Als Bewahrer eines gemeinsamen europäischen historischen Erbes liege ihr Schutz im Interesse Europas insgesamt. Angesichts wachsender Herausforderungen für Demokratie und Frieden rufen die Gedenkstätten Politik und Öffentlichkeit dazu auf, ihre Autonomie zu respektieren.
Auch katholische Organisationen wie die Maximilian-Kolbe-Stiftung machen immer wieder auf die Bedeutung von Gedenkstätten wie Auschwitz-Birkenau aufmerksam. So organisiert die katholische Stiftung im polnischen Oświęcim/Auschwitz seit vielen Jahren Workshops zum Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit und lädt dabei auch zum Lernen für die heutige Zeit ein.
Denn: Selbstkritische Reflexion sowie eine treue und praktische Solidarität mit den Opfern von Gewalt seien unabdingbar, wolle man verhindern, dass sich der Begriff der Versöhnung entleert, erklärte Pfarrer Dr. Manfred Deselaers, der seit mehr als 30 Jahren als deutscher Seelsorger in Oświęcim/Auschwitz tätig ist, bei einem Workshop im vergangenen Jahr.
Text: KNA/weltkirche.de | Bild: Harald Oppitz/KNA







