Blick auf Potes (Spanien), Ort am Pilgerpfad Camino Lebaniego, am 18. Juli 2025. Bild: Manuel Meyer/KNA

Rausgeputzt – der Pilgerweg Camino Lebaniego im Norden Spaniens wird noch grüner

Zwischen Kreuzreliquie und Braunbär: Entlang des Camino Lebaniego in Kantabrien verbindet ein EU-Projekt Wallfahrt und Naturschutz. Auf 70 Kilometern entstehen Teiche, Hecken und neue Lebensräume für bedrohte Arten.

Text und Bilder: Manuel Meyer/KNA

Das größte erhaltene Holzstück vom Kreuz Jesu macht das Kloster Santo Toribio de Liébana im Kantabrinischen Gebirge zu einem wichtigen Wallfahrtsort Spaniens. Neben Rom, Jerusalem, Santiago de Compostela und Caravaca de la Cruz zählt das Kloster zu den fünf Orten des Christentums, der ein Heiliges Jahr feiern darf; seit 1512 immer dann, wenn der Gedenktag des heiligen Turibius am 16. April auf einen Sonntag fällt. 2028 ist es wieder soweit – und bis dahin soll der Weg auch umweltbewusste Pilger nach Nordspanien locken.

Das wissen bislang aber nur wenige; noch wird es rasch sehr still auf dem Lebaniego-Weg. Der rund 70 Kilometer lange Pilgerpfad verläuft malerisch am Ufer des Nansa-Flusses entlang. Klar und schnell fließt das Wasser über helle Kiesbänke. Erlen, Weiden und Eichen geben Pilgern Schatten. Moose überziehen die Steine, Farne säumen den Weg. Außer Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Wassers ist nichts zu hören. Doch nach einem Kilometer knackt und raschelt es plötzlich im Unterholz. Stimmen sind zu hören.

Eine integrative Arbeiter-Gruppe entfernt mit Spaten, Heckenscheren und bloßen Händen Sträuche. Mit dem Projekt möchte man die berufliche Integration und Ausbildung von Menschen mit Startschwierigkeiten fördern. Sie ist eine von mehreren Gruppen, die sich im EU-Umweltschutzprojekt „Steps for Life“ (Schritte für das Leben) engagieren.

„Steps for Life“ wurde von der kantabrischen Stiftung Camino Lebaniego ins Leben gerufen. Die Idee: „Durch die Wiederherstellung von Lebensräumen, den Schutz bedrohter Arten, Umweltbildung und der Förderung der Biodiversität verwandeln wir den Pilgerweg in eine Art ökologischen Korridor für Tiere und Pflanzen“, erklärt Stiftungs-Direktorin Pilar Gómez Bahamonde.

„Wir sind dabei, den Waldboden von Tradescantia-Pflanzen zu befreien. Das ist eine schnell wachsende, invasive Bodendecker-Pflanze aus Mittel- und Südamerika, die sowohl die lokale Fauna als auch Flora vertreibt“, sagt Antonio Urchaga Fernández. Der Naturschutzexperte koordiniert seit vier Jahren verschiedene Arbeitsgruppen und Organisationen, die an dem noch bis Ende des Jahres mit EU-Geldern finanzierten Umweltschutzprojekt teilnehmen.

Auf dem knapp 70 Kilometer langen Pilgerweg befinden sich gleich zehn Naturschutzgebiete, die zum europäischen Natura-2000-Netzwerk gehören, weil hier viele gefährdete Pflanzen- und Tierarten vorkommen. Dazu zählen laut Marta Valle Agudo, Koordinierungsleiterin des Projekts, Iberische Buntfrösche, Höhlenfledermäuse, Langschwanzsalamander, Iberische Smaragd-Eidechsen und im Gebirge sogar Braunbären.

Inspiriert von Laudato Si‘

Viele der natürlichen Lebensräume sind durch Straßen, die Landwirtschaft und durch invasive Tier- und Pflanzenarten bedroht und oft fragmentiert. Dadurch können sich die Arten nicht frei bewegen und sind damit vom Aussterben bedroht. „Um dem entgegenzuwirken, schaffen wir im Rahmen unseres Projekts neue Mikrohabitate, legen beispielsweise Teiche an oder entfernen invasive Pflanzen und tauschen sie gegen heimische Arten aus“, erklärt Valle Agudo.

In den vergangenen vier Jahren pflanzten Helfer am Ufer der Nansa heimische Baumarten, legten für Amphibien Teiche und Tümpel an, restaurierten wichtige Feuchtgebiete. In den Wäldern entlang des Pilgerwegs bauten sie aus Totholz und Steinen Lebensräume für Käfer und andere Insekten. Sie sperrten Höhlen zum Schutz lokaler Fledermauskolonien, präparierten Hohlräume alter Bäume als Brut- und Nistplätze. „Alte Bäume sind in solchen Landschaften extrem wichtig für die Biodiversität“, erläutert Biologin Marta Valle Agudo.

Um die Mobilität der Tiere durch diese „grünen Korridore“ zu erhöhen, legte man sogar Hecken an oder baute an den Wegen eingestürzte Trockenmauern wieder auf. Diese seien wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Zwischen den Steinen lebten aber nicht nur viele Reptilien und Insekten. „Sie nutzen die geschützte Konstruktion auch, um sich sicher fortzubewegen“, erklärt Naturschutzexperte Urchaga Fernández.

Mit diesem Pilotprojekt verwandeln sich in Kantabrien historische Glaubenswege in neue Lebensräume. Sie greifen damit das zentrale Anliegen von Papst Franziskus‘ Enzyklika „Laudato Si“ auf – die Verantwortung für Umwelt und Tiere.

Doch beim Projekt „Schritte fürs Leben“ geht es um mehr als reine Renaturierungsmaßnahmen. Projekt-Koordinatorin Valle Agudo sieht es auch als Gelegenheit, Anwohner wie Pilger aufzuklären, dass sie durch ein sensibles Ökosystem laufen. Mit Infotafeln für Wanderer oder Schulprojekten werde versucht, die Menschen für dessen Schutz zu sensibilisieren.

Natur und Naturerlebnis: „Die Spiritualität jüngerer Pilgergenerationen hat sich seit der Corona-Pandemie verändert und ist enger denn je mit der Natur verbunden“, beobachtet Stiftungsleiterin Gómez. „Hier kann der Camino Lebaniego mit seinen dramatischen Naturlandschaften punkten.“ Dafür sprächen auch die Zahlen: 42 Prozent aller Liebana-Pilger seien zwischen 18 und 30 Jahre alt.

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