Der Traum vom großen Gewinn und die Hoffnung auf das schnelle Geld: Das treibt in Afrika viele junge Menschen zum Glücksspiel – auch im Senegal. Sie nutzen Handy-Apps und setzen während der Fußball-WM auf ihre Favoriten.
Text und Bild: Frida Nsonde/KNA
Anpfiff. Wie viele seiner Landsleute sitzt Souleymane Mbaye an diesem WM-Abend gebannt vor dem Fernseher. Die grünen Trikots der senegalesischen Nationalmannschaft flitzen über den Bildschirm, Spannung liegt in der Luft.
1.000 CFA – umgerechnet 1,50 Euro – hat Souleymane Mbaye, der eigentlich anders heißt, auf das Spiel gesetzt. Sollte die Partie tatsächlich 2:1 für den Senegal ausgehen, könnte er ein Vielfaches an Gewinn machen – durch eine kleine, blaue App auf seinem Handy. Der 32-Jährige wettet in der Regel täglich, „mit nur wenig Geld“, wie er sagt. Im Monat summiert sich das für den Lieferanten jedoch auf rund ein Viertel seiner monatlichen Einnahmen.
Seit einigen Jahren boomt das Glücksspielgeschäft auf dem afrikanischen Kontinent. Besonders Handy-Apps, vorwiegend für Sportwetten genutzt, verbreiten sich unter einer großen jungen Bevölkerung, die zunehmend online ist.
Unter Berufung auf Prognosen von H2 Gambling Capital, einer britischen Marktforschungs- und Beratungsfirma für die Glücksspielbranche, sprach Bloomberg im Mai von einem voraussichtlichen Bruttospielertrag in Afrika von rund 13,5 Milliarden US-Dollar (11,85 Milliarden Euro) für das Jahr 2026 – mehr als doppelt so viel wie 2023.
Die Motivation der Spieler sei vielschichtig, erklärt Seydina Mohamed Gueye, Leiter der Initiative SOS Parieurs im Senegal. Finanzielle Not spiele jedoch eine große Rolle – sowie die Hoffnung auf einen schnellen sozialen Aufstieg. „Die Leute sehen im Glücksspiel die Hoffnung, heute das große Los zu ziehen.“
Gueye hat das Anschauungsmaterial noch unterm Arm, als er die Tür zum Büro aufschließt. Heute hat er einen Workshop an einer Schule veranstaltet, um Jugendliche für die Risiken von Glücksspiel zu sensibilisieren.
Seit 2024 besteht die Initiative SOS Parieurs, was auf Deutsch etwa SOS Glücksspieler bedeutet. Die Idee dazu kam Gründer Gueye, als einer seiner Freunde in die Abhängigkeit gerutscht sei: Mit der Zeit sei er nicht mehr wiederzuerkennen gewesen, erzählt er. „Ich habe gesehen, dass er Hilfe braucht. Und gleichzeitig, dass im Senegal keinerlei spezifische Strukturen dafür vorhanden waren.“ In der Bevölkerung gebe es die Tendenz, Betroffene zu verurteilen. „Aber Sucht ist eine Erkrankung.“
Jeden zweiten Sonntag im Monat kommt in den Räumlichkeiten des Vereins eine Selbsthilfegruppe zusammen. Die Hürde, trotz des gesellschaftlichen Stigmas an einer solchen Sitzung teilzunehmen, sei hoch, sagt Gueye. Doch es habe einen positiven Effekt auf diejenigen, die kämen. „Sie sehen, dass sie damit nicht alleine sind.“
Daneben arbeitet SOS Parieurs mit Ärzten zusammen und ist an Schulen und in Sozialen Netzwerken aktiv. „Gerade junge Männer im Alter von etwa 17 bis 35 Jahren kontaktieren uns“, erklärt Gueye. „Sie schildern uns ihre Verzweiflung. Jedes Mal, wenn sie die App gelöscht haben, laden sie sie wenig später doch wieder herunter.“ Aber auch Frauen wendeten sich an die Organisation.
Premier Bet, 1XBet oder Sunubet heißen die Glücksspiel-Apps, die Passanten von Großplakaten auf den Straßen des Senegals anspringen. Preisgelder von umgerechnet teils Hunderttausenden Euro werden durch Onlinewerbung in Aussicht gestellt. Auch Influencer und Stars stehen bereit für Werbekampagnen, die „Träume verkaufen“, wie Gueye es nennt.
Influencer bringen Jugendliche mit Glücksspiel in Kontakt
Die Kampagnen fallen auf fruchtbaren Boden. Viele Löhne sind knapp, der Arbeitsmarkt angespannt. Die Arbeitslosenquote der 16- bis 24-Jährigen, außerhalb von Bildungs- oder Ausbildungsprogrammen, lag nach Angaben der nationalen Statistikbehörde ANSD Ende 2025 bei 33,5 Prozent.
Das Risiko, das von der Verbreitung des Glücksspiels ausgeht, wird jedoch auch in der Öffentlichkeit zunehmend Thema. 2024 ging die senegalesische Nationallotterie LONASE deshalb eine Partnerschaft mit dem Zentrum für integrierte Suchtbehandlung in Dakar (CEPIAD) ein.
Laut H2 Capital Gambling ist Glücksspiel in 40 der 54 afrikanischen Länder legal. Lediglich 15 verfügten über Vorschriften zur Regulierung von Online-Glücksspiel. In Ländern wie Guinea-Bissau, einem Nachbarland des Senegals, operiert die Branche in einer Grauzone. Die Regulierung ist hier besonders schwach.
Gabú, eine Stadt im Osten Guinea-Bissaus. An den Wänden des Wettbüros der Firma Bissau Games hängen Fotos von Personen, die ihren Jackpot präsentieren. Den Boden zieren lauter kleine weiße Papierchen: die Belege von heute.
Marcelino Na Sautuk arbeitet seit fünf Jahren für die Gesellschaft. Er hat vieles gesehen: Menschen, die wegen der Wetten ihr Auto verkaufen, Geld, das für Essen fehlt, oder Leute, die in die Kleinkriminalität hineinrutschen. Bestimmt rund 40 Prozent der Kunden seien minderjährig, so seine erfahrungsbasierte Schätzung. „Von behördlicher Überwachung keine Spur.“
Eine Abhängigkeit überwindet man nicht durch eine Steuer.
Seydina Mohamed Gueye
Dass vor allem Sportwetten den afrikanischen Markt erobern, zeigen Statistiken aus Südafrika. Dort macht das dort sogenannte „Betting“ gemäß der nationalen Glücksspielbehörde inzwischen 70 Prozent des Marktanteils aus. Seit 2020/2021 haben Wetten die Casinos überholt, die zuletzt für 2024/25 noch bei 22 Prozent lagen.
Im Gegensatz dazu ist die statistische Datenlage im Senegal weniger gut erfasst. Seit November 2025 erhebt der hochverschuldete Staat jedoch 20 Prozent Steuern auf Glücksspielgewinne für Spieler und weitere Steuern für Anbieter.
Das sei zu begrüßen, findet Seydina Mohamed Gueye von SOS Parieurs. Allerdings sei das nicht genug, um dem Problem zu begegnen. Es brauche mehr Regulierung, zudem müsse gleichzeitig in Strukturen für Prävention und Begleitung von Betroffenen und Angehörigen investiert werden. „Eine Abhängigkeit überwindet man nicht durch eine Steuer.“
Abpfiff. Das Spiel ist vorbei. Der Senegal hat das Spiel gewonnen, Souleymane Mbaye seine Wette jedoch nicht. Auch wenn ihm gelegentliche Gewinne einen kurzen finanziellen Aufwind verschafften, sei ihm die Dynamik durchaus bewusst, sagt er. „Ich verliere wahrscheinlich mehr, als dass ich gewinne.“ Allerdings sei es schwer, die Gewohnheit loszulassen. Es könnte ja beim nächsten Mal klappen: „Man will einfach sein Glück versuchen.“






