Klimawandel und politische Spannungen zwischen Äthiopien und den Nachbarländern verändern das Leben der marginalisierten halbnomadischen Bevölkerung. Das trifft vor allem die Wüstenregion Afar im Nordosten von Äthiopien.
Text und Bild: Clara Gehrunger/KNA
Der Boden schmatzt unter Hommad Barkats Füßen, bis zu den Knöcheln sinkt er im Matsch ein. Noch ein Schritt, dann kommt er ans Wasser heran und füllt ein Plastikgefäß auf. Zurück im Trockenen nutzt er es, um sich die Schuhe ordentlich sauberzumachen. Schließlich richtet er sich auf und lächelt.
Der 55-Jährige hat kurze, graue Haare. Wie die meisten Halbnomaden in Afar, der Wüstenregion im Nordosten Äthiopiens, hat der Hirte immer einen Holzstock bei sich. Damit kann er bei Bedarf seine Tiere vorantreiben oder sich notdürftig verteidigen. Aktuell ist das selten nötig – im Alltag hat er ganz andere Sorgen.
„Wasser ist knapp hier, aber dieser See staut Regenwasser auf“, sagt Barkat und deutet hinter sich. Den See hat die Zentralregierung ausheben lassen; natürliche Wasserquellen gibt es in der Region kaum noch. Solange Wasser vorhanden ist, lebt der Familienvater mit seinen neun Kindern und zwei Frauen gleich nebenan. Regnet es mehrere Monate lang nicht, trocknet der See aus und die Familie zieht übergangsweise an einen anderen Ort.
In den vergangenen 20 Jahren haben sich lange Dürreperioden gehäuft; im Anschluss kommt es manchmal zu heftigen Überschwemmungen. Dadurch sterben nicht nur massenweise Tiere, sondern auch der Alltag der Menschen ändert sich. „Mein Vater reiste zu seiner Zeit nur für den Handel durch die Gegend“, erzählt Barkat. „Ich mache das für die Suche nach Wasser und Nahrungsmitteln.“
Wie die meisten Menschen in Afar war Barkats Vater Halbnomade. Anders als sein Sohn war er länger und weiter unterwegs, reiste etwa oft in die Region Assab in Eritrea – um mit Salz zu handeln, das er mit seinen Weggefährten in der Salzwüste im Norden von Afar abbaute und auf seinen Dromedaren transportierte.
Noch heute ist Afar bekannt für den traditionellen Salzabbau. Für Hommad Barkat ist die Praxis aber längst keine Option mehr. „Damals konnten sich die Männer unterwegs ernähren, ihre Tiere waren dicker, deswegen hatten sie viel Milch und auch Butter. Ihre Ernährung machte sie stark, es regnete häufiger.“ Barkat zuckt leicht mit den Schultern.
Die Wüste verwandelte sich damals bei Regen in wertvolle Weideflächen. Heutzutage wird die Umgebung immer kahler.
Ausgerechnet eine Pflanze, die ursprünglich gegen die Wüstenbildung helfen sollte, trägt dazu bei: Die dornige Prosopis juliflora verbreitet sich rasant auf weiten Flächen – und trocknet mit ihren tiefen Wurzeln den Boden weiter aus. Tiere können ihre Blätter nur schwer verdauen. Kostspielige Bemühungen der Regierung, unter anderem von Deutschland finanziert, die Ausbreitung der invasiven Sträucher aufzuhalten, erwiesen sich als mühsam und wenig erfolgreich.
Gefahr für die Halbnomaden
Doch es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass sich die Handelsroute nicht mehr anbietet: Heutzutage wäre sie äußerst riskant. Assab liegt im heutigen Eritrea, das sich 1993 von Äthiopien abspaltete. Seitdem hat Äthiopien keinen eigenen Zugang zum Meer – ein entscheidender wirtschaftlicher und geopolitischer Nachteil für das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung Afrikas. Premierminister Abiy Ahmed macht kein Hehl daraus, dass er das ändern will.
Im Februar stationierte Äthiopien Truppen rund um die äthiopische Region Tigray. Nach dem brutalen Bürgerkrieg (2020-2022), in dem Eritrea noch aktiv das äthiopische Militär im Kampf gegen die Aufständischen aus Tigray unterstützte, haben sich die historischen Machthaber der Region, die TPLF, überraschend mit Eritrea verbündet.
Auch der Krieg im angrenzenden Sudan wirkt sich auf die Frontenbildung aus: Während Eritrea mit der nationalen Armee verbündet ist, steht Äthiopien zusammen mit seinem wichtigsten Geldgeber, den Vereinten Arabischen Emiraten, auf der Seite der aufständischen RSF-Miliz. Dazu kommen innerstaatliche Spannungen in Äthiopien und ein schon lange schwelender Konflikt mit Ägypten.
Das Risiko einer überregionalen Eskalation bewerten Beobachterinnen und Beobachter als zunehmend realistisch. Der Zugang zu Wasser spielt dabei am vom Klimawandel gezeichneten Horn von Afrika eine ebenso wichtige Rolle wie internationale Allianzen.
Der Vorsitzende der Hirtenvereinigung von Afar (Afar Pastoralists Development Association, APDA), Ismail Ali Gardo, sieht insbesondere in den geopolitischen Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea eine direkte Gefahr für die halbnomadische Bevölkerung der Wüstenregion. So würde ein erneuter Konflikt mit Tigray und Eritrea laut Ali Gardo die Menschen in Afar mit als Erste treffen.
Schon jetzt gebe es Probleme: „Es gibt keinen Grenzzaun“, sagt er. Einige Hirten würden deswegen weiterhin zum Handeln nach Eritrea ziehen. „Wenn sie erwischt werden, können sie für militärische Zwecke verpflichtet werden. Wir machen uns Sorgen angesichts eines möglichen Krieges.“ Dass dieses Gefühl auch in Afar verbreitet ist, zeigt sich daran, dass viele junge Männer in der Region Waffen mit sich herumtragen.
Auch in Hommad Barkats Umfeld tragen sie etwa Sturmgewehre anstelle der traditionellen Hirtenstöcke – lässig auf den Schultern. „Sie wollen sich verteidigen“, erklärt Ali Gardo, „vor allem in Grenznähe.“ Vor Ort wird man allerdings den Eindruck nicht los, dass Waffen unter jungen Menschen auch als cool gelten.
Im vergangenen Krieg im angrenzenden Tigray wurden laut Welthungerhilfe wichtige Wasserstellen in Afar zerstört, junge Männer vom Militär eingezogen; Binnenvertriebene suchten Schutz – in einer Region, in der immer wieder Menschen vor anhaltenden Dürren fliehen. In Afar profitieren sie von der Gastfreundschaft der Bevölkerung: Selbst in den trockensten Gebieten werden Wasser und Lebensmittel ganz selbstverständlich mit allen geteilt.
Doch die Vereinten Nationen warnen: Anhaltender Wassermangel könne durchaus Konflikte anheizen oder auslösen. So verschärfen die geopolitischen Spannungen die Situation in der Wüstenregion Afar, die durch den Klimawandel bereits seit Jahren äußerst prekär ist.







