Abschlusspodium der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2026 Bild: DR/weltkirche.de

Kirche in autoritären Regimen – Jahrestagung zu Spielräumen, Grenzen und Verantwortung

In Würzburg ist heute (10. Juni 2026) die Jahrestagung „Weltkirche und Mission“ zu Ende gegangen. Seit dem 8. Juni 2026 hatten sich Fachleute aus Kirche, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über Handlungsspielräume, Risiken und Verantwortung der Kirchen in politischen Kontexten ausgetauscht, in denen Freiheitsrechte eingeschränkt werden und zivilgesellschaftliche Räume unter Druck geraten.

Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Bertram Meier (Augsburg), betonte die Relevanz des Themas: „Kirche lebt nie im luftleeren Raum. Sie lebt in konkreten Gesellschaften, unter konkreten politischen Bedingungen – in Demokratien ebenso wie in autoritären Systemen.“ Die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und politischer Macht gehöre deshalb zum Kern weltkirchlicher Verantwortung. In vielen Regionen der Welt schränkten die Regierungen politische Partizipation ein, schwächten unabhängige Institutionen und begrenzten die Freiheitsrechte systematisch. Unter solchen Umständen gerieten auch Religionsfreiheit und zivilgesellschaftliches Engagement unter Druck. Zugleich verwies Bischof Meier auf die bleibende normative Orientierung christlichen Handelns: „Der Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Daraus erwächst seine unverfügbare Würde – und mit ihr Rechte und Pflichten, die nicht zur Disposition stehen.“ Keine politische Macht könne diese Würde verleihen oder relativieren.

Die Tagung nahm diese Grundfragen aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Michael Zürn (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Freie Universität Berlin) ordnete autoritäre Regierungsformen im internationalen Kontext ein und analysierte ihre zunehmende Bedeutung. Er betonte, dass demokratische Systeme ihre Legitimität langfristig nur sichern können, wenn sie allen Menschen einen gerechten Zugang zu zentralen öffentlichen Gütern wie Gesundheit, Bildung, Wohnen und Mobilität ermöglichen.

Die Theologin Prof. Dr. Regina Elsner (Universität Münster) ging der Frage nach, wie Kirchen in autoritären Systemen zwischen Anpassung, Kooperation und Widerstand agieren. Kirchliches Handeln müsse unter autoritären Bedingungen häufig zwischen Anpassung, Kooperation und Widerstand vermitteln. Vereinfachende moralische Urteile würden dieser Realität oft nicht gerecht. Anpassungstendenzen seien nicht per se als kirchliches Versagen zu werten; in manchen Kontexten seien sie überlebensnotwendig.

Eine weitere Perspektive eröffnete Prof. Dr. Hille Haker (Loyola University Chicago), die sich mit christlichem Nationalismus in den USA auseinandersetzte. Sie analysierte die Verbindungen zwischen christlich-nationalistischen Strömungen und politischen Machtzentren. Aus ihrer Perspektive gebe es seitens der Kirche und Theologie hierauf bisher nur unzureichende Antworten, weshalb es dringend geboten sei, neue Ansätze einer politischen Ethik zu entwickeln.

Ein Gespräch zwischen Bischof Wolfgang Ipolt (Görlitz), Sr. Margareta Hutnyk OSBM (Ukraine) und Dr. Peter Ceľuch (Slowakei) beleuchtete historische Erfahrungen und gegenwärtige Herausforderungen im Umgang mit autoritären politischen Systemen in Mittel- und Osteuropa. Es zeigte sich, wie stark kirchliche Handlungsmöglichkeiten von politischen Rahmenbedingungen geprägt sind und wie langfristig die Folgen autoritärer Herrschaft nachwirken. Dennoch gelinge es der Kirche und gläubigen Menschen immer wieder, auch unter schwierigen Bedingungen den Glauben zu leben und weiterzugeben.

Die Diskussionen wurden durch Workshops vertieft, in denen Fragen der Entwicklungszusammenarbeit unter autoritären Bedingungen, von Religionsfreiheit und Christenverfolgung, religiöse Aspekte neurechter Ideologie sowie die Situation von Kirchen in China, Nicaragua, Belarus und dem Sudan behandelt wurden.

Zum Abschluss richtete sich der Blick auf politische und kirchliche Perspektiven im Umgang mit autoritären Regimen. Neben Bischof Meier diskutierten Barbara Lochbihler (ehem. Vizepräsidentin des UN-Ausschusses gegen das Verschwindenlassen) und Dr. Jörg Lüer (Geschäftsführer der Deutschen Kommission Justitia et Pax) über Verantwortung, Handlungsmöglichkeiten und Grenzen internationaler Politik sowie kirchlicher Akteure. Dabei verdeutlichte Frau Lochbihler die Herausforderungen: „Autoritäre Regierungen, aber auch demokratisch strukturierte Regierungen versuchen heute wie auch in der Vergangenheit, die universelle Gültigkeit der Menschenrechte zu relativieren und stellen sie als ihren Kulturen zutiefst fremd dar. Bürgerinnen und Bürger mit abweichenden Meinungen, Dissidenten, kritische Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, die auf Probleme und Fehlentwicklungen hinweisen, werden als dekadent, als Kriminelle, als Terroristen, als Staatsfeinde und Verräter dargestellt. Dadurch wird gerechtfertigt, sie zu diskreditieren, sie mundtot zu machen, zu verfolgen und letztlich auch zu töten. Es gilt heute mehr denn je, diejenigen solidarisch und konkret zu unterstützen, die vor Ort für Menschenrechtsschutz eintreten und Menschenrechtsverletzungen aufdecken und anprangern.“ Angesichts der Gefahren wies Dr. Lüer darauf hin, dass es „in den Auseinandersetzungen mit den Autoritären und Rechtsextremen darauf ankommen wird, dass wir unseren ethischen Kompass sowie unsere solidarische Geschlossenheit klar haben. Der Gegner wird immer wieder versuchen, uns zu spalten und in falsche Abwägungssituationen zu bringen. Das Einzige, was hilft, sind Wahrhaftigkeit, Klugheit und Solidarität.“ Ergänzend betonte Bischof Meier, dass die Auseinandersetzung mit autoritären Vorstellungen auch für Deutschland relevant sei: „Auch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung steht unter Druck, was uns zu Wachsamkeit und klaren Positionierungen verpflichtet. Wir wissen, dass die Demokratie von Vertrauen, von Verantwortung und von der Bereitschaft, Konflikte gewaltfrei auszutragen, lebt. Wo diese Grundlagen erodieren, ist auch die Kirche gefordert, ihre Stimme zu erheben. Schweigen wäre in solchen Situationen kein Zeichen von Neutralität, sondern von Gleichgültigkeit. Dazu gehört auch die klare Feststellung, die die deutschen Bischöfe 2024 getroffen haben: Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar.“

Hintergrund

Veranstalter der Jahrestagung Weltkirche ist die „Konferenz Weltkirche“, in der die Deutsche Bischofskonferenz, die deutschen (Erz-)Bistümer, die Hilfswerke, die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK), die katholischen Verbände, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und andere weltkirchlich tätige Einrichtungen zusammenarbeiten.


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Text: DBK | Bild: dr/weltkirche.de

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