Anlässlich seines 70-jährigen Bestehens widmete das Cusanuswerk seine Jahrestagung 2026 dem Thema Freiheit. Wissenschaftler, Kirchenvertreter und Stipendiaten diskutierten über offene Debattenräume – und gesellschaftliche Verantwortung.
Wie lässt sich Freiheit in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft bewahren? Welche Voraussetzungen braucht ein offener demokratischer Diskurs? Und welche Rolle spielen Bildung, Kunst und Glaube für die Entwicklung freier Persönlichkeiten? Mit diesen Fragen hat sich die Jahrestagung 2026 der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk beschäftigt, die im niederländischen Baarlo stattfand.
Rund 700 Teilnehmende und Gäste sowie weitere 600 Zuschauerinnen und Zuschauer im Livestream kamen zusammen, um über das Thema Freiheit in seinen unterschiedlichen Dimensionen nachzudenken – von seiner ideengeschichtlichen Entwicklung über seine Bedeutung für Demokratie und Gesellschaft bis hin zur persönlichen Erfahrung.
Das Cusanuswerk, das in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert, ist das Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Mit staatlichen, kirchlichen und privaten Mitteln unterstützt es aktuell mehr als 2.400 besonders begabte katholische Auszubildende, Studierende und Promovierende. Ziel ist es, fachliche Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden.
„Freiheit wird reflektiert, kultiviert und verantwortet“
Zum Auftakt würdigte der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das Cusanuswerk, Christoph Hegge, die Bedeutung der Studienförderung für Kirche und Gesellschaft. „Die Bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk ist ein Ort, an dem Freiheit nicht einfach vorausgesetzt, sondern reflektiert, kultiviert und verantwortet wird“, sagte Hegge. Das 70-jährige Bestehen sei ein lebendiges Zeugnis für Vertrauen in junge Menschen und für den Mut, Freiheit als Bildungsaufgabe ernst zu nehmen.
Sorge um die Freiheit des Diskurses
Die Kölner Rechtswissenschaftlerin Frauke Rostalski widmete sich in einem Impulsvortrag den Herausforderungen für die Meinungsfreiheit in demokratischen Gesellschaften. Sie warnte vor einer zunehmenden „Diskursvulnerabilität“, die öffentliche Debatten erschwere. „Die Diskursvulnerabilität ist ein gesellschaftliches Phänomen, wonach Menschen in der Kommunikation immer verletzlicher geworden sind“, sagte Rostalski, die seit 2020 auch dem Deutschen Ethikrat angehört . Dies führe zu Rückzugsbewegungen und einer stärkeren Lagerbildung. „Die Meinungsfreiheit ist das Herzstück unserer freiheitlichen Demokratie. Wenn wir z.B. durch vermehrte Lagerbildung immer mehr Beschränkungen der Meinungsfreiheit zulassen, berauben wir uns der großen Vorteile, die die Demokratie bietet.“
Generalsekretär Thomas Scheidtweiler betonte die Bedeutung von Freiheit für die Persönlichkeitsbildung. Begabtenförderung könne nur dort gelingen, wo es eine Freiheit des Denkens und Streitens gebe, wo unterschiedliche Auffassungen offen vertreten und kontrovers diskutiert werden dürften. „Unsere Gesellschaft braucht solche weiten Debattenräume, frei von unausgesprochenen Sprechverboten – gerade daraus erwächst die Kraft, Brücken zu bauen und Versöhnung zu stiften“, so Scheidtweiler.
Freiheit als Kompetenz
Der Leiter des Cusanuswerks, Georg Braungart, stellte eine kulturelle Referenz über seinen Festvortrag. Er griff ein Zitat von Friedrich Schiller auf: „Freiheit ruft die Vernunft, Freiheit die wilde Begierde“.
Braungart plädierte dafür, Freiheit nicht allein als Recht oder Zustand zu verstehen, sondern als Fähigkeit, die erlernt und eingeübt werden müsse. „Freiheit muss man können“, sagte er. Dabei komme insbesondere der Kunst eine wichtige Rolle zu. Sie eröffne Erfahrungsräume, in denen Menschen lernen könnten, mit Freiheit verantwortungsvoll umzugehen.
Mit Blick auf die Arbeit des Cusanuswerks formulierte Braungart den Anspruch der Begabtenförderung so: „Kompetenz zur Freiheit – das ist ein hoher Anspruch an den einzelnen Menschen, und ganz besonders an begabte junge Menschen.“ Aufgabe der Förderung sei es, „Freiheitsräume zu schaffen, die herausfordernd sind, Erprobungsräume für die Verbesserung der Welt um uns herum – durchaus im Sinne der Utopie Schillers?“
Wissenschaft, Kunst und Musik im Dialog
Die Bandbreite des Themas spiegelte sich auch im weiteren Programm wider. In sogenannten „Science Notes“ beleuchteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Thema Freiheit aus unterschiedlichen Perspektiven – von Philosophie und Theologie über Kunstwissenschaft und Hirnforschung bis hin zu wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen. Darüber hinaus brachten Stipendiatinnen und Stipendiaten der Musikerförderung das Thema in einer Jam Session künstlerisch zum Ausdruck.
Seit Gründung des Cusanuswerks gehört die Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz, persönlicher Entwicklung und gesellschaftlichem Engagement zum Selbstverständnis . Viele ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten übernehmen heute Verantwortung in Kirche, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur.
Freiheit braucht Bindung
Zum Abschluss der Tagung griff Bischof Franz Jung (Würzburg) das Thema in einem Gottesdienst auf. Diese zeige sich im Evangelium darin, dass Gott den ersten Schritt auf die Welt zugehe. Jesus Christus sei hierin ein Vorbild. „Ohne diesen Mut, den ersten Schritt zu tun, wird sich in der Welt nichts verändern. Wir brauchen heute Menschen, die Maß nehmen am Dreifaltigen Gott.“
„Ohne diesen Mut, den ersten Schritt zu tun, wird sich in der Welt nichts verändern“, sagte Jung mit Blick auf das Vorbild Jesu Christi. Freiheit bedeute, sich von inneren und äußeren Begrenzungen lösen zu können, zugleich aber Orientierung und Halt zu finden.
„Jesus Christus fordert und befähigt Menschen, aus ihrer Unfreiheit auszubrechen und die eigenen Freiheitsräume neu zu vermessen und auszuloten“, erklärte der Würzburger Bischof. Zugleich gelte: „Freiheit gelingt nur in Bindung.“
Text: weltkirche.de | Bild: Cusanuswerk







