Das Beduinendorf Khan al-Ahmar im Westjordanland ist zum Symbol für die Zwei-Staaten-Lösung geworden. Für 3.000 Bewohner und 130 Schüler ist es mehr als das – und seit Dienstag ist es erneut in größter Gefahr.
Text und Bild: Andrea Krogmann/KNA
Seit der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich in dieser Woche die drohende Zwangsräumung von Khan al-Ahmar einen Schritt weiter vorangetrieben hat, steht das Telefon von Eid Jahalin nicht mehr still. Der 60-jährige Beduine ist die Stimme des Dorfes und Sprecher der bedrohten Beduinen östlich von Jerusalem. Unterstützer, Freunde, Journalisten wollen auf den neuesten Stand gebracht werden. „Unser Anwalt sagt, die Lage ist sehr ernst“, sagt Eid Jahalin. Jeden Moment könnten die Bulldozer anrollen.
Der Beduinenstamm der Jahalin, dem Eid angehört, siedelte 1952 nach der Vertreibung durch die israelische Armee aus ihrem ursprünglichen Stammesgebiet in der Negevwüste in Khan al-Ahmar an. „Auf Privatland“, betont Eid Jahalin, und meint palästinensisches Land. Unter jordanischer Herrschaft habe es keine Probleme gegeben. Die kamen mit dem Sechstagekrieg 1967 und der israelischen Eroberung des Westjordanlands.
Seit Jahrzehnten kämpfen sie um ihr Bleiben. Mit der Siedlung Maaleh Adumim wurde das Land in den 1970er Jahren von Israel enteignet und als Staatsland deklariert. Heute umgeben vier Siedlungen und mehrere neue Siedlungsaußenposten Khan al-Ahmar. „Die Siedler werden immer mehr, der Druck auf uns immer größer“, sagt Eid Jahalin. „Siedler kennen keine Grenzen. Ihre Grenzen sind ihre Waffen. Wir haben einzig unseren Mut, auf unserem Land zu bleiben“, so der Beduinensprecher.
Der Bau einer mit Geldern einer italienischen Hilfsorganisation finanzierten Schule in dem Beduinendorf 2009 führte zu israelischen Räumungs- und Abrissverfügungen, die ein Urteil des obersten Gerichts 2018 endgültig bestätigte. Nur durch internationalen und lokalen Druck wurden sie bisher nicht umgesetzt. Trotzdem fühlen sie sich von der Welt allein gelassen in Khan al-Ahmar. „Wo bleibt seit den Oslo-Abkommen die Welt? Warum sagt niemand etwas? Warum fordert niemand, die Siedler von unserem Land zu entfernen?“, fragt Eid Jahalin.
„Wenn uns täglich die Siedler angreifen und Polizei und Armee zusehen oder uns festnehmen, wenn wir uns verteidigen, sind wir allein“, ergänzt Hassan Saraja. Auch der 65-Jährige stammt aus einer aus der Negev vertriebenen Beduinenfamilie, die sich oberhalb von Jericho niederließ. In Sarajas Großfamilie zeigen israelische Siedlungspolitik und Siedlerterror, die sich seit dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 dramatisch verschärft haben, erste Erfolge. „Vier Familien sind gegangen, aus Angst vor den Siedlern und weil sie durch die israelischen Einschränkungen kein Einkommen mehr haben.“
Auch die Schule bekommt die schwierige Lage zu spüren. „Israel hält palästinensische Gelder zurück, es fehlt Geld für Lehrergehälter und der Unterricht wurde auf drei Tage die Woche reduziert. Auch die Straßen sind nicht sicher, Soldaten stoppen uns. Es wird mit jedem Tag härter“, sagt Hela. Die Mathematik- und Naturwissenschaftslehrerin aus Jerusalem hat Angst vor Konsequenzen und möchte nicht mit vollem Namen genannt werden. „In der aktuellen Situation haben wir Lehrerinnen das Gefühl, unsere Arbeit nicht zu machen – nicht machen zu können!“
Ende der Zwei-Staaten-Lösung?
Die drohende Zwangsräumung lastet schwer auf der Schule, sagt auch Schulleiterin Halime Zahaike. In Khan al-Ahmar gehen 130 Jungen und Mädchen zwischen fünf und 14 Jahren aus fünf verschiedenen Beduinengemeinden der Gegend zur Schule. Eine erreichbare Alternative gibt es für sie nicht. „Wenn die Schule geräumt oder abgerissen wird, landen diese Kinder auf der Straße“, sagt Halime Zahaike. Dabei brauche doch jedes Kind die Chance, für die Zukunft zu lernen.
Die Zukunftsaussichten für die Lern- und Dorfgemeinschaft von Khan al-Ahmar haben sich diese Woche erneut verdüstert. Am Dienstag wies der rechtsradikale Politiker Smotrich die auch als Zivilverwaltung bezeichnete israelische Koordinationsstelle für Regierungsaktivitäten in den besetzten Gebieten (Cogat) an, Khan al-Ahmar schnellstmöglich zu räumen. Zusätzlich Minister im Verteidigungsministerium, hat Smotrich die Hoheit über zivile Angelegenheiten im von Israel besetzten Westjordanland. Den Siedlungsbau zum Beispiel.
Die jüngste Anweisung ist seine persönliche Rache gegen Den Haag – der Chefankläger des dortigen Internationalen Strafgerichtshofs hat einen Strafbefehl unter anderem gegen Smotrich beantragt. Dass die Wahl auf das Beduinendorf mit 42 Familien – rund 3.000 Bewohnern – fiel, passt wiederum in das größere Ganze der Annektierungsbestrebungen der aktuellen israelischen Regierung.
Das wichtigste Stichwort heißt E1, nach der Bezeichnung „East 1“ aus britischer Mandatszeit: der Korridor östlich von Jerusalem in Richtung Totes Meer und Jordangraben – und Israels umstrittenstes Siedlungsprojekt genau dort. Mit E1 steht und fällt eine Zwei-Staaten-Lösung, in diesem Punkt sind sich Vertreter des gesamten politischen Spektrums einig.
Den Plan, einen Keil zwischen den Norden und den Süden des besetzten Westjordanlands zu treiben, hatten alle israelischen Regierungen, nicht erst diese, sagt Eid Jahalin. „Aber jetzt ist die perfekte Zeit für sie, ihn umzusetzen. Sie profitieren von den Kriegen, um das Gebiet palästinenserfrei zu machen.“







