Zwischen Nationalismus, Identität und Friedensauftrag: Kirchen prägen gesellschaftliche Debatten im Osten Europas stärker, als oft angenommen. Eine Renovabis-Veranstaltung zeigt Konfliktlinien auf – und Chancen für Verständigung.
Text: Geraldo Hoffmann/Bistum Eichstätt | Symbolbild: Paula Konersmann/KNA
Kirchen können Menschen miteinander verbinden, Vertrauen fördern und Solidarität stärken. Gleichzeitig sind sie selbst von Spaltungen betroffen und wirken teilweise als deren Verstärker. Beispiele aus verschiedenen Ländern Europas zeigen, wo die Konfliktlinien verlaufen und welche Rolle die Kirchen dabei spielen. Darum geht es auch bei der Renovabis-Pfingstaktion.
Unter dem Motto „zusammen_wachsen. damit Europa menschlich bleibt“ greift Renovabis, das Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche, in seiner Pfingstaktion 2026 die wachsende Polarisierung und Zerrissenheit auf – in den Partnerländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas ebenso wie in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten. Gleichzeitig fördert das Hilfswerk Projekte für Dialog und Versöhnung. Eine Veranstaltung dazu befasste sich mit dem Thema „Zwischen Brückenbau und Brandbeschleunigung: Zur Rolle der Kirchen in Europa in Zeiten der Polarisierung“.
Dabei betonte die Theologin Regina Elsner vom Ökumenischen Institut der Universität Münster, dass zwischen Polarisierung als gesellschaftlicher Diagnose und als politischer Strategie unterschieden werden müsse. Multiple Krisen schwächten den gesellschaftlichen Zusammenhalt und spielten mit Verlustängsten sowie den Erfahrungen von „Verlierern“ wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, so Elsner. Menschen unterschätzten häufig, wie gut andere mit Diversität, Widersprüchen und Konflikten konstruktiv umgehen können. Das eigentliche Problem liege daher nicht in der Polarisierung selbst, sondern in ihrer gezielten politischen Instrumentalisierung durch autoritäre Kräfte. Als zentrale Gegenmittel nannte Elsner mehr Begegnung, offenen Dialog sowie den Aufbau von Glaubwürdigkeit und Vertrauen.
Feindbilder religiös überhöht
Die christlichen Kirchen hätten im Verlauf ihrer Geschichte eine widersprüchliche Rolle eingenommen, die auch in der spannungsreichen Grundbotschaft des Christentums selbst angelegt sei: dem Anspruch, Versöhnung zu ermöglichen und zugleich „fest in der Wahrheit“ zu stehen. Exklusion und „Othering“ gehörten dabei immer wieder zum kirchlichen Selbstverständnis, so Elsner. „Othering“ bedeutet, Gruppen oder Personen als „fremd“ oder „anders“ zu definieren und von einer vermeintlichen „Wir“-Gruppe als Norm abzugrenzen. Historisch seien Kirchen zudem nicht nur Beobachter, sondern auch aktive Akteure gewaltsamer Verfolgungen von „Anderen“ gewesen.
„Die Kirchen haben in ihrer Theologie Feindbilder religiös überhöht, so dass weltliche Verfolgung legitimiert werden konnte. Die versöhnende Botschaft wird nur glaubwürdig, wenn eine Aufarbeitung dieser gewaltbelasteten Vergangenheit passiert“, sagte Elsner. Polarisierungen innerhalb der Kirchen wirkten weit über den kirchlichen Raum hinaus in die Gesellschaften hinein, so Elsner.
Dies zeige sich insbesondere in Auseinandersetzungen um ethische Fragen wie Gender, Frauenrechte, reproduktive Rechte, Migration oder Nationalismus, aber auch im Ringen um das Verhältnis von Politik und Reich Gottes. Weitere Konfliktlinien ergäben sich im Umgang mit Säkularisierung und Post-Säkularisierung sowie in Fragen kirchlicher Strukturen und Synodalität. Die Verunsicherung durch den Verlust alter Ordnungen könne Bedrohungsgefühle erzeugen, die leicht in aktiven Widerstand umschlagen. Politische wie kirchliche Machtakteure nutzten diese Polarisierungsdynamiken teilweise gezielt aus, erklärte die Theologin.
Das Versöhnungspotenzial der Kirchen hänge wesentlich von ihrer gesellschaftlichen Glaubwürdigkeit ab – auch in Zeiten abnehmender Religiosität, betonte Elsner. Kirchen seien weiterhin wichtige Partner aller Akteure, die sich für den Schutz und die Verteidigung der Menschenwürde einsetzten. Geschätzt würden sie insbesondere für ihr soziales Engagement sowie für einen uneigennützigen Humanismus. „Kirchen können Dialogräume öffnen und Begegnungen mit den Anderen ermöglichen, wo die Gräben eigentlich zu tief scheinen“, so Elsner.
Ressentiments gegen den Westen
In Bezug auf Ost- und Westeuropa stellte Elsner die Frage, ob auch hier von einer Polarisierung gesprochen werden könne. Ihrer Ansicht nach seien Kirchen „entscheidende Akteure der europäischen Versöhnung durch zahlreiche Kontakte über die Mauern hinweg während des Kalten Kriegs“ gewesen. Zugleich hätten Nationalisierungsprozesse in Osteuropa religiöse Identitäten gestärkt und damit auch die gesellschaftliche Relevanz der Kirchen erhöht. Die Integration in das säkulare Europa gehe jedoch häufig mit Bedrohungsszenarien des „Fremden“ und Verlustängsten des „Eigenen“ einher, was an ältere Formen eines religiös geprägten „Anti-Westernismus“ anknüpfen könne. In dieser Gemengelage drohe das Versöhnungspotenzial der Kirchen von gleichzeitigen Verlustängsten überlagert zu werden. Auch die ökumenische Bewegung, ursprünglich als Ausdruck der Überzeugung einer möglichen versöhnten Verschiedenheit gedacht, werde dadurch zunehmend selbst zu einem Raum der Polarisierung.
Anhand von fünf Ländern zeigte Elsner, die Ostkirchenkunde und Ökumenik lehrt, dass es eine Art Grundmuster gibt: Religiöse Institutionen werden in gesellschaftliche und geopolitische Konflikte hineingezogen und teilweise selbst zu politischen oder identitätsstiftenden Akteuren. In Polen zum Beispiel ist die katholische Kirche historisch eng mit nationaler Identität und Widerstand gegen Fremdherrschaft verbunden. Die konservative PiS hat diese Verbindung genutzt, und Teile der Kirche unterstützen Positionen dieser Partei etwa zur Abtreibung oder zu LGBTQ-Rechte. Gleichzeitig gibt es innerkirchliche Spannungen: Einige Bischöfe und Priester warnen vor zu enger politischer Bindung.
In Russland ist die Russische Orthodoxe Kirche eng mit dem Staat verflochten. Patriarch Kirill unterstützt die Politik des Kremls. Der Krieg gegen die Ukraine wird teils religiös legitimiert. Innerkirchliche Opposition ist politisch riskant oder wird unterdrückt. In Georgien vertritt die Georgische Orthodoxe Kirche häufig konservative gesellschaftliche Positionen und kritisiert westliche liberalen Normen (zum Beispiel LGBTQ-Rechte, Säkularisierung). Sie wird zum Symbol kultureller Identität gegen „westlichen Einfluss“, obwohl die Gesellschaft – und die Kirche selbst – zwischen EU-Nähe und kultureller Abgrenzung schwankt.
In Estland kam es während der Corona-Pandemie zu Spannungen zwischen staatlichen Maßnahmen und religiöser Praxis. Insbesondere orthodoxe Gemeinden mit Verbindung zum Moskauer Patriarchat standen eher in Opposition zu staatlichen Regeln oder waren intern gespalten. Besonders komplex ist die Lage in der Ukraine: Dort gibt es mehrere orthodoxe Kirchen. Der Krieg hat die religiöse Zugehörigkeit noch stärker politisiert: Während Religion bereits zuvor als eine Frage nationaler Identität zwischen „europäisch-ukrainisch“ versus „russisch beeinflusst“ diskutiert wurde, ist es im Krieg zu einer Frage der nationalen Sicherheit geworden. Seit 2018/2019 wird die von Russland unabhängige orthodoxe Kirche stärker anerkannt. Viele Gemeinden haben sich vom Moskauer Patriarchat distanziert.
Katholischer Nationalismus in Kroatien
Die kroatische Theologin, Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Ana Marija Raffai zeichnete ein ambivalentes Bild der katholischen Kirche in ihrem Heimatland: Sie bewege sich „zwischen Brückenbau und Brandbeschleunigung“, also zwischen ihrem Anspruch, gesellschaftliche Versöhnung zu fördern, und ihrer tatsächlichen Rolle in politischen und kulturellen Konflikten. In den Medien und auch in Gesprächen werde der katholischen Kirche als Institution oft vorgeworfen, sie sei zu nationalistisch, unterstütze stillschweigend faschistische und militaristische Tendenzen, sei frauenfeindlich und zeige zu wenig Empathie gegenüber Flüchtlingen sowie Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter.
Besonders kritisch sieht Raffai die enge Verflechtung von katholischer und nationaler Identität, die dazu beitrage, gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. „Nationalismus wird im katholischen Kontext in Kroatien oft als Patriotismus verteidigt, als Liebe zur Heimat, zum eigenen Volk. Die Verschmelzung von Nationalem und Katholischem kann zu Missverständnissen beitragen“, sagte sie. Statt konsequent für Dialog, Minderheitenschutz und soziale Gerechtigkeit einzutreten, erscheine die Kirche häufig zu nah an politischen und nationalistischen Positionen. Zugleich betonte Raffai auch ein ungenutztes Potenzial der Kirche: Sie könnte eine stärkere Kraft für Verständigung sein, wenn sie sich klarer an den Werten des Dialogs und der Offenheit orientiert – und sich damit tatsächlich als „Brückenbauerin“ statt als „Brandbeschleuniger“ positioniert. Zudem müsse auch eine neue Konfliktkultur in der Kirche entwickelt werden.
Dieser Beitrag ist Teil eines Textes, der zuerst auf bistum-eichstätt.de erschien. Wir danken für die Erlaubnis zur Übernahme.






