Der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich ist auch nach 111 Jahren kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis sieht darin vielmehr eine bleibende Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft – mit hoher Aktualität.
Renovabis plädiert dafür, das Gedenken an den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich wach zu halten. „Er ist eine eindringliche Mahnung gegen das Vergessen und ein Auftrag zum Handeln – gerade angesichts heutiger Gewalt und Vertreibung“, betonte Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pfarrer Dr. Thomas Schwartz am Montag in Freising mit Blick auf den Jahrestag des Beginns des Genozids am 24. April 1915.
Erst vor wenigen Tagen hatte Schwartz bei einer Reise nach Armenien die Ewige Flamme der Gedenkstätte Zizernakaberd in Jerewan besucht, wo der Opfer des Genozids gedacht wird. „Die furchtbare und menschenverachtende Vergangenheit zu verschweigen oder gar zu verleugnen, würde neuen Gräueltaten in der Gegenwart den Boden bereiten“, sagte er anschließend. Die Anerkennung historischer Verbrechen sei eine unverzichtbare Grundlage für eine stabile und gerechte Friedensordnung – in der Region wie weltweit. Ähnlich hatte sich 2016 der damalige Papst Franziskus bei einem Besuch Genozid-Gedenkstätte geäußert: „Sich daran zu erinnern ist notwendig, besser noch: eine Pflicht. Denn wo es kein Gedenken gibt, hält das Böse die Wunde weiter offen.“
Bereits vor 1915 waren viele Armenier, damals zweitgrößte christliche Minderheit im Osmanischen Reich, verfolgt und vertrieben worden. Die aus dem Osmanischen Reich hervorgegangene Türkei bestreitet den Genozid bis heute – was immer wieder zu diplomatischen Spannungen geführt hat und führt.
Integration der Vertrieben aus Bergkarabach bleibt Herausforderung
Renovabis-Chef Schwartz macht vor diesem Hintergrund auch auf die aktuelle Situation in Armenien aufmerksam. Dort leben rund 100.000 Armenierinnen und Armenier, die aus der armenisch geprägten Region Bergkarabach im Nachbarland Aserbaidschan gewaltsam vertrieben wurden. Mit Blick darauf fordert Schwartz eine klare Ächtung ethnischer Vertreibungen. Zugleich wirbt er für eine politische und gesellschaftliche Integration der Betroffenen sowie für die Fortsetzung eines ernsthaften und glaubwürdigen Aussöhnungsprozesses zwischen Armenien und Aserbaidschan. Armenien stehe vor enormen gesellschaftlichen Herausforderungen, so Schwartz.
Renovabis selbst engagiert sich seit langem in Armenien – zuletzt mit einer verstärkten Förderung von Projekten, die auf eine nachhaltige Integration der aus Bergkarabach Vertriebenen abzielen. Es gehe dort längst nicht mehr nur um das nackte Überleben, so Schwartz. „Es geht um Würde, um Perspektiven und um ein neues Zuhause. Diese Menschen haben unter Gewaltandrohung alles verloren – wir dürfen sie beim mühsamen Aufbau einer neuen Existenz nicht alleine lassen.“
Daher betont Schwartz auch die Bedeutung der Integration der Vertriebenen in der armenischen Gesellschaft. „Integration bedeutet, dass Geflüchtete und Einheimische gemeinsam an einer Zukunft bauen. Wenn wir das Schicksal der Vertriebenen in Armenien taten- und kommentarlos hinnehmen würden, verlöre Europa sein menschliches Antlitz.“ Wer das Gedenken an 1915 ernst nehme, müsse auch heute für die Vertriebenen von Bergkarabach einstehen.
Armenien in der Renovabis-Pfingstaktion 2026
Die Unterstützung der Vertriebenen in Armenien ist auch ein Schwerpunkt der Renovabis-Pfingstaktion 2026, die im Mai unter dem Leitwort „zusammen_wachsen. damit Europa menschlich bleibt“ stattfindet. Laut Renovabis ist ein Ziel der Kampagne, die Schicksale der Menschen aus Bergkarabach stärker in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit zu rücken. Im Rahmen der Pfingstaktion wird Renovabis bundesweit in Gemeinden und Schulen über die aktuelle Lage in Armenien informieren und um Unterstützung für die Integrationsprojekte werben.
Text: weltkirche.de mit Information von Renovabis und bpb/Bild: Thomas Schumann/Renovabis







