Die globalen Krisen haben große Auswirkungen auf die Länder des globalen Südens. Eine Delegation der katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat konnte die Folgen nun in Kolumbien vor Ort erleben.
Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck (Essen) weist auf die Auswirkungen globaler Krisen im Globalen Süden hin. „Hierzulande steigen infolge der weltweiten Kriege und Krisen die Spritpreise – im globalen Süden die Zahl der Menschen, die hungern“, erklärte Overbeck nach seiner Rückkehr von einer einwöchigen Delegations-Reise ins südamerikanische Kolumbien.
In Kolumbien leben nach aktuellen Angaben mehr als 21 Millionen Menschen in Armut, rund 7,5 Millionen davon in extremer Armut. Insgesamt hat das Land etwa 54 Millionen Einwohner. An der Reise nahmen neben Overbeck auch Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Martin Maier SJ sowie die Weihbischöfe Rolf Steinhäuser aus Köln, Jörg Michael Peters aus Trier und Reinhard Hauke aus Erfurt und Mitglieder der bischöflichen Kommission des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat teil.
Ein Schwerpunkt der Reise lag auf dem Besuch sozialer Projekte. In Cartagena besuchte die Delegation unter anderem die Einrichtung „Talitha Qum“, die von Ordensschwestern getragen wird. Dort erhalten Mädchen und junge Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, Unterstützung und Perspektiven für ein eigenständiges Leben. „Ordensschwestern ermöglichen hier Mädchen und jungen Frauen eine gute Zukunft, die vergewaltigt und missbraucht wurden und als junge Mütter ein schwieriges Leben führen“, berichtet Overbeck vom Besuch der Hafenstadt im Norden Kolumbiens am Atlantik.
Vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen verwies Overbeck zudem auf die Bedeutung kirchlicher Hilfswerke. Nach Einschnitten bei internationalen Hilfsstrukturen wie der Abwicklung der vormals weltweit größten Hilfsorganisation USAID durch US-Präsident Trump und anhaltender Unterfinanzierung multilateraler Organisationen sei es wichtig, die Verwendung von Spendengeldern in konkreten Projekten nachvollziehen zu können.
In der Hauptstadt Bogotá führte die Delegation Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern von Kirche und Politik. Dabei stand der derzeit stagnierende Friedensprozess im Mittelpunkt. Trotz eines 2016 geschlossenen Abkommens zwischen der Regierung und der Guerillagruppe FARC kommt die Umsetzung zentraler Reformen nur schleppend voran. Dazu zählen insbesondere Maßnahmen zur Entwicklung ländlicher Regionen, zur politischen Teilhabe und zur Beendigung bewaffneter Konflikte.
In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá führte die Delegation Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern von Kirche und Politik. Dabei stand der aktuell eingefrorene, aber nicht abgebrochene Friedensprozess im Mittelpunkt. „Die Leiterin der Verhandlungsdelegation der Regierung mit der Rebellengruppe ELN Vera Grabe hat betont, wie notwendig die Unterstützung aus Deutschland und insbesondere von Adveniat ist“, berichtet der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks, Pater Martin Maier. „Wir haben den langen Atem, den es braucht, damit nach mehr als 60 Jahren Krieg und Gewalt mit fast einer halben Million Toten und acht Millionen Vertriebenen Versöhnung gelingen kann“, so Maier.
Friedensarbeit, Frauenrechte, Sozialpastoral
Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und der größten Guerillagruppe FARC im Jahr 2016 wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um die vereinbarten Punkte umzusetzen. Dazu zählen insbesondere die strukturelle Transformation des ländlichen Raums, die Förderung politischer Teilhabe sowie die Beendigung des bewaffneten Konflikts. Die Umsetzung stößt jedoch weiterhin auf Widerstände, die den Friedensprozess bremsen. Adveniat unterstützt seit Jahren Projekte, die sich für Versöhnung und Frieden einsetzen.
Neben dem Engagement als Vermittlerin im Friedensprozess unterhält die katholische Kirche in Kolumbien zahlreiche soziale und caritative Projekte im Land, die teils Adveniat unterstützt werden. Der Trierer Weihbischof Jörg Michael Peters zeigte sich dabei erschrocken über die extremen Gegensätze im Land: „Unermesslicher Reichtum weniger und extreme Armut der Bevölkerungsmehrheit sind buchstäblich in nächster Nachbarschaft erlebbar.“
Doch zahlreiche Initiativen setzen sich für benachteiligte Menschen ein. So begleitet beispielsweise die Sozialpastoral des Erzbistums Bogotá Geflüchtete, insbesondere aus dem Nachbarland Venezuela. Und mitten in einem sozialen Brennpunkt im Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt hat das Erzbistum eine Anlaufstelle für Menschen eingerichtet, die auf der Straße leben. Sie finden hier eine Auszeit vom oft gewaltsamen Alltag. Im Vorraum müssen mitgebrachte Waffen abgegeben werden – ein erster Schritt hin zu einem sicheren Rahmen im doppelten Sinne: Zum einen entsteht so ein waffenfreier Raum, zum anderen ein geschützter Ort, an dem die Menschen offen über ihren Alltag ins Gespräch kommen können. Im Mittelpunkt steht dabei nach Adveniat-Angaben die Würde jedes einzelnen Menschen.
Zudem informierten sich die Delegationsmitglieder über die Situation der Frauen im Land. Nach einem Besuch in einer Einrichtung des „Red Tamar“-Netzwerks (Artikelbild) erklärte Weihbischof Reinhard Hauke von Erfurt: „Frauen geben vor Ort vielfach Hoffnung, damit die Menschen zu einem besseren Leben kommen.“ Frauen zählten zu den besonders vulnerablen Gruppen. In der Einrichtung erhalten Frauen, die Opfer von sexuellem Missbrauch und Menschenhandel geworden sind, psychosoziale Unterstützung, um das Erlebte gemeinsam mit anderen Betroffenen zu verarbeiten. Außerdem können die Frauen hier Ausbildungen absolvieren, etwa in der Schneiderei oder im Bäckerhandwerk, um sich ein selbestbestimmtes Leben aufzubauen.
Daneben begleitet die kolumbianische Kirche vielerorts Menschen, die vom Sammeln von Abfällen und vom Recycling leben. In einigen Einrichtungen erhalten sie nicht nur Zugang zu Nahrung und sanitären Einrichtungen, sondern auch die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erfahren. Eine Gesprächspartnerin berichtete eindrücklich, wie sie sich Tag für Tag mit ihrer neunjährigen Tochter nachmittags auf den Weg macht, um bis tief in die Nacht unter unermesslichen Gefahren im Abfall nach verwertbarem Material zu suchen.
Adveniat ist das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland.
Text: weltkirche.de mit Information von Adveniat | Johannes Duwe/Adveniat
Transparenzhinweis: Der Redakteur hat einige Jahre in einer Organisation mitgearbeitet, die zeitweise Mittel von Adveniat erhalten hat.







