Hunderttausende Menschen halten sich ohne Aufenthaltsgenehmigung in Spanien auf. Viele schlagen sich unter prekären Bedingungen mit Gelegenheitsjobs durch. Nun will die Regierung den Betroffenen helfen.
Text: Manuel Meyer (KNA) | Bild: stock.adobe.com/Mikhail
Während viele Länder ihre Migrationspolitik verschärfen, geht das sozialistisch regierte Spanien einen anderen Weg: Ministerpräsident Pedro Sánchez will Hunderttausenden illegal eingewanderten Migranten durch ein außerordentliches Verfahren Bleiberecht und Arbeitsmarktzugang gewähren.
Profitieren können jedoch nur jene, die nachweisen können, sich schon vor dem Stichtag am 31. Dezember 2025 in Spanien aufgehalten zu haben. Zudem müssen sie bestätigen, keine relevanten Vorstrafen zu haben und zum Zeitpunkt der Antragstellung mindestens fünf Monate im Land gelebt zu haben.
Nach Schätzungen von Migrationsministerin Elma Saiz könnten zwischen 500.000 und 750.000 Personen von der Regelung Gebrauch machen. Bis Ende Juni müssen die Anträge gestellt sein. Die Argentinierin Luna Jayat will keine Zeit verlieren und in den nächsten Tagen ihre Unterlagen einreichen. „Ich lebe schon seit drei Jahren ohne offizielle Papiere in Madrid – und es ist wirklich nicht einfach. Das fängt schon bei der Wohnungssuche und beim Gang zum Arzt an“, sagt die 28-Jährige aus der Provinz Buenos Aires.
„Chance für das Gemeinwohl“
Die Medien- und Filmproduzentin war eigentlich als Touristin nach Spanien gereist. Wegen der besseren Jobchancen entschied sie sich spontan, „einfach zu bleiben“. Sie versuchte dann, auf legalem Wege einen Aufenthaltstitel zu bekommen – scheiterte jedoch wiederholt an bürokratischen Hürden.
Deshalb hat Jayat keine Sozialversicherung und auch sonst keinerlei Absicherung. Mit Schwarzarbeit und Gelegenheitsjobs halte sie sich über Wasser. Was besonders schlimm sei: „Ich kann das Land ohne Papiere nicht verlassen.“ Sonst bestehe das Risiko, nicht wieder einreisen zu dürfen. Seit drei Jahren habe sie Familie und Freunde in Argentinien nicht mehr gesehen.
Wie ihr geht es vielen anderen Betroffenen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Trotz guter Ausbildung müssen sich etliche von ihnen mit prekären Jobs als Putzhilfe oder in der Kranken- und Altenpflege durchschlagen.
Die katholische Kirche begrüßt, dass die Regierung diesen Menschen helfen will. Es sei eine „Chance für das Gemeinwohl“, sie zu integrieren, erklärt Fernando Redondo, Migrationsexperte der Spanischen Bischofskonferenz. „Es sind Menschen, die helfen, dieses Land voranzubringen.“
Zusammen mit einer Vielzahl anderer Organisationen hatten die Bischöfe schon vor Jahren eine entsprechende Petition gestartet. „Und endlich ist es Realität“, sagt Marcela Simonetta, Direktorin der NGO Mujeres Migrantes. „Das wird das Leben vieler Betroffener verbessern. Wir sehen, dass vor allem Frauen ohne Papiere in ihren Jobs ausgebeutet werden. Viele aber haben Angst vor Abschiebung, sollten sie Anzeige erstatten.“
Ministerpräsident: „Kein Problem, sondern eine Notwendigkeit“
In den vergangenen Tagen wandten sich 126 Frauen an ihre Organisation, um Hilfe beim nun beginnenden Antragsverfahren zu bekommen. Bislang geht dies nur online. Doch dafür sei ein digitaler Zugang zur offiziellen Plattform notwendig – den man ohne Personalausweis- oder Aufenthaltsnummer gar nicht bekomme, bemängelt Rechtsanwältin Simonetta. „Hier kommen wir ins Spiel und stellen für die Frauen den Antrag.“
Bei großen Hilfsorganisationen wie der Caritas fragen derzeit täglich Hunderte Migranten an und bitten um Hilfe. Ab 20. April kann man die Anträge auch persönlich stellen. Dafür hat die Regierung landesweit eigens rund 450 Büros eröffnet und ihr Personal um mehr als 550 Fachkräfte verstärkt.
„Migration ist kein Problem, sondern eine Notwendigkeit“, sagte Ministerpräsident Sánchez bereits im Sommer 2025 bei einer Afrika-Reise. Und auch Arbeitsmarktexperte Carlos Victoria meint , tatsächlich brauche Spanien für ein stabiles Wirtschaftswachstum jährlich bis zu 300.000 Einwanderer. Ins Sozialsystem einzahlende Arbeitsmigranten seien wichtiger als je zuvor.
In Gastronomie, Pflege, Landwirtschaft, Fischerei und auf dem Bau könnten viele Jobs wegen harter Arbeitsbedingungen und niedriger Löhne nur schwer mit Spaniern besetzt werden, erklärt der Wirtschaftsprofessor der Comillas-Universität in Madrid. Vize-Regierungschefin Yolanda Díaz schätzt, das Legalisierungsverfahren könnte das Bruttoinlandsprodukt um 2,5 Prozent steigern.
Sie animiert andere EU-Staaten, sich dieser Initiative anzuschließen. Doch in Spanien seien solche Instrumente einfacher anzuwenden als anderswo, gibt der kirchliche Migrationsexperte Redondo zu bedenken. Denn ein Großteil der Migranten in Spanien komme aus Lateinamerika. Wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe gebe es bei der Integration kaum Probleme.





