In der Ukraine gelten offiziell mehr als 80.000 Personen als vermisst, inoffiziell bis zu 200.000. Für Angehörige ist es ein banges Warten zwischen Angst und Hoffnung. Hinter jeder Ziffer steckt ein Einzelschicksal.
Text und Bild: Bernhard Clasen (KNA)
Ljudmilla Kolpakowa ist eine angenehme Gesprächspartnerin, stets gut aufgelegt, freundlich und hilfsbereit. Die 45-Jährige ist Versicherungskauffrau (Bild oben), betreut derzeit aber das Kind einer Familie in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Immer wieder lächelt sie. Dahinter verbirgt sich jedoch ein enormer innerer Schmerz, der sie seit dem 14. Juni 2025, ihrem 19. Hochzeitstag, begleitet. Nur wenige wissen davon.
Das Leben in sicheren, stabilen Verhältnissen endete bereits am 24. Februar 2022 mit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Ljudmilla und ihr Mann Wladimir flohen mit Tochter Jana aus ihrer Heimatstadt Konstantinowka im Osten des Landes nach Kiew und richteten sich ein, so gut es ging – bis zum 14. März 2025. An dieses Datum erinnert sich Ljudmilla Kolpakowa noch genau, weil sie ihren Wladimir den ganzen Tag über nicht telefonisch erreichen konnte. Erst am Abend kam der erhoffte Anruf; erlösend war er aber nicht. Ljudmilla Kolpakowa erzählt: „Er sagte mir: ‚Ljudmilla, die Militäragentur TZK hat mich auf der Straße aufgegriffen.‘„ Und dann fiel der Satz, der alles veränderte: Wladimir sagte, er komme nicht mehr nach Hause.
Seit Jahren gibt es Berichte über die Methoden der TZK. Weil es an Freiwilligen fehlt, steht die Behörde in der Kritik, Männer gegen ihren Willen zu rekrutieren. Berichten zufolge werden sie mitunter auch auf der Straße aufgegriffen und verschleppt.
Einmal rief Ljudmilla Kolpakowas Mann noch an, am 2. Juni, um ihr mitzuteilen: „Die Ausbildung ist beendet.“ Nun müsse er an die Front. Seitdem klingelt das Telefon nicht mehr, auch am 14. Juni, dem Hochzeitstag, nicht. Dabei hatte er das Datum nie vergessen, betont Ljudmilla Kolpakowa. Umso mehr stieg ihre innere Unruhe. Sie rief die Geschäftsstelle seiner Einheit an, suchte Behörden auf und kam schließlich mit der Internationalen Kommission für Vermisste (ICMP) in Kontakt, die bei der Suche nach Vermissten und deren Identifizierung hilft.
Mehr als 80.000 Vermisste
Der Bedarf ist groß: Nach Informationen des ukrainischen Innenministeriums gelten mehr als 80.000 Personen als vermisst. Inoffizielle Schätzungen gehen sogar von bis zu 200.000 Betroffenen aus, die seit Beginn des russischen Angriffskrieges verschwunden sind.
Einen Hinweis erhielt Kolpakowa bei ihrer Suche immerhin: Am 29. Juni sei eine russische Drohne in der Einheit ihres Mannes eingeschlagen. In der Folge gelten sechs Männer als vermisst. Wenige Tage danach teilte ihr ein Militärsprecher mit, dass ihr Mann darunter sei. „Meine Tochter Jana und meine Schwiegereltern haben geweint, als ich ihnen davon berichtet habe.“
Regelmäßig durchforstet Ljudmilla seitdem ukrainische und russische Telegrammkanäle in der Hoffnung, dort etwas von ukrainischen Kriegsgefangenen zu finden. Und Tochter Jana, die inzwischen 19 Jahre ist und in Kiew Fotografie studiert, hat bei der ICMP ihre DNA-Probe abgegeben.
Die ICMP spielt neben dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz eine Schlüsselrolle bei der Suche nach Vermissten in der Ukraine. Besonders wichtig bei dieser Arbeit ist die genetische Identifizierung. Von Blutsverwandten werden DNA-Proben entnommen, in staatlichen Labors analysiert und in einem elektronischen Genomregister gespeichert, sagt Kathryne Bomberger, Generaldirektorin der Organisation, im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Dabei unterstützt die ICMP die ukrainische Regierung bei DNA-basierten Identifizierungen, während die rechtliche und technische Verantwortung für diese Verfahren bei der Ukraine selbst liegt. Die Profile werden mit DNA-Daten geborgener oder überführter Leichen abgeglichen.

Häufig seien diese Leichen in sehr schlechtem Zustand. Mitunter seien die Körper verbrannt, nicht mehr identifizierbar oder wiesen Spuren schwerer Misshandlungen auf, erklärt Bomberger.
Für Verschleppungen bekannt ist auch Russland. Tausende Kinder und Jugendliche aus den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten wurden nach Russland verschleppt und in russischen Familien untergebracht. Nichtregierungsorganisationen berichten von mindestens 19.000 Betroffenen. Mitte März sprachen UN-Vertreter von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Ewgen Sacharow, Vorsitzender der Charkiwer Menschenrechtsgruppe, verurteilt das scharf. Gleichwohl, so Sacharow, gebe es auch Erfolgsmeldungen. In manchen Fällen sei es gelungen, ukrainische Kinder aus Russland zurückzuholen. „Ich weiß von Fällen, in denen sich Angehörige vermisster ukrainischer Kinder an den ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten gewandt haben. Dieser hat dann die Daten der vermissten Kinder an die russische Menschenrechtsbeauftragte übermittelt. Und so konnte einigen Dutzend Kindern die Rückkehr in die Ukraine ermöglicht werden“, sagt Sacharow der KNA.
Eine Ende der Verschleppungen ist nach Einschätzungen von Experten aber nicht in Sicht. Die Zahl der Vermissten wachse weiter, solange der Krieg andauere.






