Dimona ist Israels Atomstadt – und ansonsten eine Entwicklungsstadt am Rand der Wüste. In der Nacht zu Sonntag schlug eine iranische Rakete dort ein. Getötet wurde niemand, trotz fehlender Schutzräume.
Text und Bild: Andrea Krogmann (KNA)
Israelische Abfangraketen stiegen in den Nachthimmel über der Negev-Wüste im Süden Israels – und verfehlten ihr Ziel. Irans Raketen schlugen ein in Arad und in Dimona, Israels Atomstadt. Fast 200 Menschen wurden nach Angaben der Rettungsdienste verletzt, darunter 11 schwer. „Wenn jemand eine Erklärung dafür brauchte, warum der Iran der Feind der Zivilisation und der Feind und die Gefahr für die ganze Welt ist, dann hat er sie in den vergangenen 48 Stunden bekommen“, sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu am Sonntag am Einschlagsort in Dimona.
Ein Kindergarten liegt in Schutt und Asche, die umliegenden Gebäude wurden schwer beschädigt. Ganze Straßenzüge weiter sind Fensterscheiben zerborsten, Türen durch die Wucht der Detonation aus den Angeln gerissen. Während Rettungs- und Sicherheitskräfte mit Dutzenden Freiwillige mit dem Aufräumen angefangen haben, gibt sich die Polit-Elite rund um den Einschlagskrater die Klinke in die Hand. Dimona sei der Beweis dafür, dass niemandem etwas passiere, wenn er sich an die Anordnungen des Heimatfrontkommandos halte, sagt Netanyahu. „Man hört einen Alarm. Man begibt sich in einen geschützten Raum. Ihm passiert nichts (…) Hier ist jedem, der einen Schutzraum oder einen Schutzbunker betreten hat, nichts passiert.“
Die Wohnung der Azulays hat keinen solchen Schutzraum, ebenso wie meisten Wohnungen in dem Viertel. Die Stadt, die vor allem für den Kernreaktor des Nuklearforschungszentrums bekannt ist, gilt als überdurchschnittlich arm und steht auch ohne Krieg vor großen sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen. „Die Häuser hier sind mehr als 50 Jahre alt“, sagt Kobi Azulay. „Zum Glück haben wir es zum öffentlichen Schutzraum geschafft.“ Sein älterer Nachbar hatte weniger Glück. Er gehöre zu den Schwerverletzten, so Azulay. Ein anderer Nachbar, im Rollstuhl, will nicht über das reden, was er in der vergangenen Nacht erlebt hat. „Ich habe Raketen im Kopf, mir tut alles weh“, sagt er und betrachtet die Trümmer seiner Bleibe.
Wer eben konnte, hat die öffentlichen Bunker aufgesucht. Jener, in dem die Azulays mit ihren Kindern und Enkeln Schutz suchten, liegt nur wenige Meter vom Treffer der Rakete entfernt. „Es war so eng und voll, dass wir kaum Luft bekamen. Und dann schlug die Rakete fast über uns ein“, sagt Kobis Frau Anat. Der Schock der Nacht ist ihr anzumerken. In ihrer beschädigten Wohnung packt sie ein paar Sachen. Die Familie wird mit Hunderten anderen Betroffenen in ein Hotel am Toten Meer evakuiert.
Der Preis ist hoch
Die Disziplin der Bewohner habe Leben gerettet, sagt Tomer Segev. Tote gab es trotz der enormen Explosion nicht in Dimona. Als Rettungssanitäter war Segev einer der ersten an der Einschlagsstelle, hat „Babys, Kinder, alte Menschen“ aus den Häusern gerettet. Menschen, die den nächsten öffentlichen Schutzraum nicht rechtzeitig erreichen.
Eineinhalb Minuten hat man in Dimona, um sich in Sicherheit zu bringen, wenn die Luftalarm-Sirene ertönt. Frühwarnungen über mögliche Luftalarme erhöhen den Zeitraum auf mehrere Minuten. 15 Minuten brauche sie zu Fuß, sagt Dimona-Bewohnerin Oschrat. Die alleinerziehende Mutter fühlt sich alleingelassen. Ihre Wut gilt vor allem Bürgermeister Benjamin Biton. „Warum haben wir immer noch keine Schutzräume, nicht mal für die Schulen der Stadt?“, fragt sie.
Bei vielen Bewohnern ist der Rückhalt für den Krieg trotzdem hoch. „Der Krieg muss unterstützt werden, von der ganzen Welt“, sagt Kobi Azulay. Iran sei eine Bedrohung nicht nur für Israel, sondern für die ganze freie Welt. Worte, wie sie auch die Politiker ein paar hundert Meter von Azulays Wohnung predigen.
„Ich frage die Führer der freien Welt (…): Worauf wartet ihr noch?“, ruft Netanjahu die Welt auf, sich am Krieg Israels und der USA zu beteiligen. Und Präsident Isaac Herzog beteuert aus den Trümmern Dimonas: „Wir sind hier, um Europa und die freie Welt zu schützen.“ Der Krieg gegen den Iran, gegen das „Reich des Bösen, das keine Grenzen kennt“, sei entscheidend für die Zukunft der Welt.
In Dimona sei man bereit, den Preis zu zahlen; auch wenn er hoch sei, sagt Kobi Azulay – „wenn Israel es bis zum Ende durchzieht und die Bedrohung beseitigt, damit unsere Kinder und Enkel diesen Preis nicht zahlen müssen“.


