Als Nahostbeauftragter des Hilfswerks Misereor ist Frank Wiegandt für den Libanon, Jordanien, Syrien und den Irak zuständig. Die neue Eskalation in der Region erlebt er hautnah mit. Warum die Wut im Land wächst.
Text und Bild: Sabine Kleyboldt (KNA)
Dass über Beirut Drohnen kreisen, sind die Menschen gewohnt. Doch seit Montag fallen Bomben, der Libanon befindet sich im Ausnahmezustand. Mitten drin: Frank Wiegandt, Nahostbeauftragter des Bischöflichen Hilfswerks Misereor, das viele Projektpartner in der Region hat und etwa Geflüchteten hilft. Wiegandt spricht im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur über Solidarität zwischen Christen und Muslimen, psychologische Kriegsführung und argwöhnische Blicke für einen Mitteleuropäer.
Frage: Herr Wiegandt, wie erleben Sie derzeit die Situation im Libanon?
Frank Wiegandt: Ich wurde am Montagmorgen gegen 2.30 Uhr in meiner Wohnung in der Innenstadt von Beirut durch Explosionen geweckt, die auf Bombenangriffe der israelischen Armee folgten. Diese reagierte damit auf die kurz zuvor erfolgten Angriffe der schiitischen Miliz Hisbollah auf Ziele in Nordisrael. Seither dauern die Bombenangriffe an, Drohnen kreisen ununterbrochen mit ohrenbetäubendem Getöse über Beirut. Den Lärm der Drohnen kannte ich schon, allerdings nur tagsüber und sporadisch; jetzt hört man die Drohnen auch in der Nacht, und das ist wirklich zermürbend und hat mit psychologischer Kriegsführung zu tun.
Frage: Wie blicken die Menschen auf die neue Eskalation?
Wiegandt: Die libanesische Tageszeitung „L’Orient le Jour“ titelte am Dienstag: „Treibt die Hisbollah den Libanon in den Selbstmord?“ Das resümiert ganz gut die Situation, wie ich finde. Es ist Krieg; die Menschen sind resilient, aber sie sind auch müde. Schon wieder mussten sie ihre Heimat verlassen, wieder wissen sie nicht, wann sie zurückkehren werden und in welchem Zustand sie ihre Häuser vorfinden werden.
Frage: Im Libanon gilt das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen als vorbildlich – jetzt immer noch?
Wiegandt: Es gibt viel Solidarität. Libanesische Christen und Muslime sammeln Spenden und helfen ihren Landsleuten, die getroffen wurden oder flüchten mussten. Auch die Partnerorganisationen von Misereor mobilisieren sich. Es werden Unterkünfte, Nahrungsmittel, Hygieneartikel, aber auch psychosoziale Betreuung für die geflüchteten Menschen angeboten.
Die Schulen sind seit Montag geschlossen und der Verkehr ist deutlich geringer als üblich. Doch die Straßen sind voll von Autos der Menschen aus dem Südlibanon, die nach den Angriffen der israelischen Armee aus ihren Städten und Dörfern mit ihren Familien nach Beirut geflohen sind, um sich einigermaßen in Sicherheit zu bringen. Die Menschen übernachten in ihren Autos, in Schulen, in Moscheen und Kirchen, in Zelten am Meer. Die, die es sich leisten können, wohnen im Hotel.
Das Handeln und Vabanquespiel der Hisbollah wird vielfach als unpatriotisch und eigentlich verräterisch bezeichnet, da es die Interessen einer fremden Macht, des iranischen Regimes, über die Sicherheit und das Gemeinwohl der libanesischen Bevölkerung stellt.
Frank Wiegandt, Misereor-Nahostbeauftragter
Frage: Wer sind „die Schuldigen“ dieses neuen Kriegs?
Wiegandt: Es gibt die Wut auf die israelische Armee und auf die „Zionisten“, aber stärker noch gibt es die Wut auf die eigenen Leute, die Führungsriege der Hisbollah, die offenbar blind ergeben die Befehle der iranischen Mullahs befolgte und Israel angriff. Das gab der israelischen Armee den Vorwand, sofort zurückzuschlagen.
Es war eigentlich allen klar, dass die gegenwärtige israelische Regierung die Hisbollah ein für alle Mal aus dem Weg räumen wollte und auf den richtigen Augenblick dafür wartete. Das Handeln und Vabanquespiel der Hisbollah wird vielfach als unpatriotisch und eigentlich verräterisch bezeichnet, da es die Interessen einer fremden Macht, des iranischen Regimes, über die Sicherheit und das Gemeinwohl der libanesischen Bevölkerung stellt.
Am 26. September 2024 wurde der langjährige Anführer der Hisbollah, Hassan Nasrallah, von einem gezielten Luftschlag der israelischen Armee getötet. Heute ist die Hisbollah zwar geschwächt, aber immer noch da. Trotz vieler Ankündigungen und Versprechungen ist es der libanesischen Regierung bisher nicht gelungen, die Hisbollah zu entwaffnen und zu entmachten.
Frage: Welche Reaktionen erleben Sie derzeit als Mitteleuropäer im Libanon?
Wiegandt: Wenn ich jetzt die Corniche entlang gehe, spüre ich die argwöhnischen Blicke, die sich auf mich richten. Sie scheinen zu sagen: „Was machst du hier, sind wir auch deinetwegen oder wegen deinesgleichen hier gestrandet?“ Das ist natürlich Unsinn, aber ich kann es den Menschen nicht verdenken. Die Wahrheit ist nicht simpel, und im Krieg machen sich alle schuldig. Mein Eindruck ist aber auch der, dass die Hisbollah durch ihr Handeln ihren letzten Kredit bei der Bevölkerung verspielt hat.
Die Menschen verstehen nicht, warum die Hisbollah, trotz besseren Wissens und Warnungen der Regierung, den Libanon in diesen Krieg hineingezogen hat. So sieht das auch der lateinisch-katholische Bischof von Beirut, César Essayan. Als ich ihn am Dienstag traf, rief er mir zu: „Sind die alle verrückt geworden? Wird das jetzt der dritte Weltkrieg?“


