Kaufen Sie Tomaten aus Marokko? Vielleicht stammen diese aus Afrikas letzter Kolonie, der Westsahara. Dabei erklärte die Befreiungsbewegung Frente Polisario das Gebiet vor 50 Jahren für unabhängig – bislang erfolglos.
Text: Katrin Gänsler | Bild: marcel/stock.adobe.com
Die Bilder sind traumhaft: hellgelbe Sandstrände, der blaue Atlantik, weiße Schaumkronen auf Wellen. Die Westsahara ist mehr als nur ein Geheimtipp für Surfer, der sich längst bequem erreichen lässt. Der irische Billiganbieter Ryanair fliegt Dakhla von Spanien aus an. Urlaubshomepages empfehlen Hotels, Restaurants und Ausflüge in die Wüste.
Das nationale marokkanische Fremdenverkehrsbüro schreibt: „Dakhla ist ein kleines Stück Paradies im Süden Marokkos, verloren zwischen den Gewässern des Atlantiks und dem Sand der Sahara.“ Marokko? Das Königreich im Nordwesten Afrikas sieht das 266.000 Quadratkilometer große Gebiet als seine Südprovinz an; das sahrauische Volk – die indigene Bevölkerung der Westsahara – fühlt sich jedoch als die „letzte Kolonie Afrikas“. Denn die Unabhängigkeitserklärung der Befreiungsbewegung Frente Polisario wurde bis heute nicht umgesetzt. Am 27. Februar 1976 rief sie die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus.
Somit ist die Westsahara seit 50 Jahren Spielball in einem Konflikt, der seine Ursprünge in der Kolonialzeit hat. Die Westsahara war ab 1885 spanische Kolonie, und erst 1974 – später als fast überall in Afrika – kündigte Spanien ein Referendum über die Unabhängigkeit an. Im selben Jahr erhoben Marokko wie das im Süden liegende Mauretanien Gebietsansprüche. Ein Jahr zuvor hatte sich bereits mit Unterstützung Algeriens die Befreiungsbewegung Frente Polisario gegründet, die seitdem eine Abstimmung der Sahrauis über ihre Zukunft fordert. Vor dem 50. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung hat sie die Forderungen erneut bekräftigt.
Bodenschätze wecken Begierden
Vorausgegangen waren im Oktober und November 1975 eine Reihe an Ereignissen. Ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs stellte am 16. Oktober 1975 fest, in der Vergangenheit hätten zwar rechtliche Bindungen von Marokko und Mauretanien zur Westsahara bestanden; es wies jedoch die Territorialansprüche beider Staaten zurück.
Es folgte der „grüne Marsch“, eine Machtdemonstration Marokkos auf dem Boden der Westsahara, und am 14. November der Vertrag von Madrid, in dem Spanien erklärte, Marokko und Mauretanien bis zum endgültigen Ende der spanischen Kolonialherrschaft an der Verwaltung der Westsahara zu beteiligen. Spanien zog sich tatsächlich ein Jahr später komplett zurück. „Das Abkommen war eine Katastrophe für die gesamte Region“, sagt Mohamed El Mamun Ahmed, Vertreter von Frente Polisario in Deutschland.
Denn eine Entkolonialisierung gab es nicht, sondern einen Kampf um Unabhängigkeit und ein Tauziehen um eine Fläche, die reich an Bodenschätzen und fruchtbarem Land ist. Während sich Mauretanien 1979 zurückzog, weitete sich der Konflikt zwischen Marokko und Frente Polisario aus. 1991 vermittelten die Vereinten Nationen schließlich ein Waffenstillstandsabkommen, mit einem Punkt, der für Frente Polisario und Menschenrechtsorganisationen zentral bleibt: die Organisation und Durchführung eines Referendums.
Doch dazu kam es nie. Stattdessen ist seit Jahrzehnten eine UN-Beobachtermission vor Ort. Am 31. Oktober 2025 stimmten im Weltsicherheitsrat 11 von 15 Delegierten zu, dass die Westsahara künftig autonomes Gebiet von Marokko werden soll. Marokko erklärte das Datum daraufhin zum Feiertag.
Die Abstimmung der Sahrauis ist damit weiter denn je entfernt. Mohamed El Mamun Ahmed hält jedoch daran fest. Es müsse drei Optionen geben: „Eingliederung, Unabhängigkeit oder Autonomie. Wir müssen das selbst bestimmen.“
Kein Referendum in Sicht
Heute machen unterschiedlichen Angaben zufolge die Sahrauis in den besetzten Gebieten allerdings nur 15 Prozent aus, der Rest sind Marokkaner, sagt Laura Mahler, Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker. Das Gebiet ist wirtschaftlich interessant, nicht nur als Tourismusstandort. „Marokko besetzt die Gewässer. Sardinen in deutschen Supermärkten, die als marokkanische Produkte deklariert sind, kommen oft aus der Westsahara.“
Ein wichtiger Schritt dagegen sei immerhin ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Oktober 2024 gewesen. Die Richter betonten, dass die Westsahara nicht Teil des Handels- und Fischereiabkommens zwischen der EU und Marokko sein dürfe. Trotzdem wird auf dem Gebiet weiter Obst und Gemüse angebaut und als marokkanische Ware deklariert. An den Phosphatvorkommen seien wiederum Länder weltweit interessiert, darunter auch China und die USA.
„Das Recht auf Selbstbestimmung muss den Sahrauis gewährt werden“, sagt Mahler. Das beinhalte die Wahrung der kulturellen Identität, ein eigenes Justizsystem, die Aufnahme internationaler Beziehungen wie eine eigene Ressourcenverwaltung.
Mahler betont auch die Menschenrechtsverletzungen. Demonstrationen und freie Meinungsäußerung würden verboten, Aktivisten verschleppt. Nicht nur in der Westsahara sei der Alltag schwierig, sondern auch in Flüchtlingscamps in Algerien, in denen bis zu 200.000 Sahrauis leben. „Wasser ist immer wieder knapp, Elektrizität nicht zuverlässig.
Kritik richten sie und das Westsahara-Netzwerk nun auch in Richtung Bundesregierung: „Seit fünf Jahrzehnten dauert die völkerrechtswidrige Besatzung an. Bis jetzt hat es die internationale Gemeinschaft versäumt, ein Referendum zu ermöglichen.“ Das sei ein Armutszeugnis.







