Für den Tourismus vor Ostern und der Fußball-WM ist das keine gute Nachricht: Im Bundesstaat Quintana Roo mit seinen Urlaubszentren rund um Cancún wird eine Seegras-Schwemme erwartet – auch eine Folge des Klimawandels.
Text und Bild: Tobias Käufer (KNA)
In aller Frühe beginnen die Arbeiten an den Stränden rund um Cancún. Traktoren fahren über den noch unberührten Sand und versuchen, die enormen Mengen an Seegras einzuhegen. Es bilden sich kleine Hügel, von denen andere Helfer das Grünzeug in Container bringen. All das passiert, während die Touristen noch schlafen. So war es bei der letzten großen Seegras-Schwemme 2023. Und jetzt scheinen sich die Szenen zu wiederholen, nur dass in diesem Jahr noch mehr „Sargazo“ zu erwarten ist.
Das Marineministerium rechnet zu Ostern und vor der Ankunft der WM-Touristen im Juni mit einem Anstieg der Seegrasmengen um bis zu 75 Prozent. Mit Sorge blicken Experten in den westlichen Teil des Zentralatlantiks, denn dort hat sich laut mexikanischen Medienberichten eine gigantische Menge von schätzungsweise 280.000 Tonnen Seegras auf den Weg in Richtung Westen gemacht. Satellitenbeobachtungen deuten darauf hin, dass der „Große Atlantische Sargazo-Gürtel“ den beispiellosen Umfang von über 38 Millionen Tonnen erreicht hat – mehr als der Rekordwert im Jahr 2022.
Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf das Labor für optische Ozeanographie der Universität von Südflorida, dass die Seegrasmenge in der Karibik ein explosives Wachstum verzeichnete und von 0,45 Millionen Tonnen im Dezember 2025 auf 1,7 Millionen Tonnen im Januar anstieg.
Stimmen die Prognosen, dann wären vor allem touristische Gebiete zwischen Cancún, Playa del Carmen, Tulum und Cozumel betroffen. Hier gehören vor allem Urlauber aus den USA, aber auch aus Europa zu den Gästen.
Das mexikanische Hotel- und Gaststättengewerbe fordert von der Politik, die 400 Kilometer lange Küste von Quintana Roo besser zu schützen. Der Oppositionsabgeordnete Ernesto Sánchez kritisierte: „Was wir bisher gesehen haben, sind vereinzelte Maßnahmen, unzureichende Barrieren, verspätete Sammlungen und mangelnde effektive Koordination zwischen den Behörden.“
Damit das Seegras nicht die Küsten erreicht, haben ebendiese mexikanischen Behörden eine kleine Armada aufgefahren. Hochsee- und Küstenschiffe sind ebenso im Einsatz wie amphibische Seegras-Boote. Zudem sollen die existierenden 9,5 Kilometer Barrieren um weitere 6 Kilometer ergänzt werden.
Ziel der Anstrengungen ist es, die Pflanzen schon auf hoher See oder in seichten Gewässern abzufangen, sodass sie gar nicht erst an die Strände gelangen. Das ist angesichts der enormen Mengen kaum zu schaffen. Deshalb stellen sich die Strandkommandos auf Akkordarbeit ein.
Die mexikanischen Strände könnten aber auch Glück haben. „Dass wir diese enorme Ansammlung im Atlantik haben, bedeutet nicht, dass alles hier ankommen wird. Das hängt vollständig von den Meeresströmungen ab, die wiederum von den Passatwinden dominiert werden. Wenn sich die Bedingungen ändern, ändert sich auch die Bahn der Seegrasansammlungen“, sagte Biologin Brigitta van Tussenbroek dem mexikanischen Portal „La Verdad Noticias“.
Hintergrund des Seegras-Wachstums ist neben nährstoffbelastetem Wasser aus Amazonas-Flüssen, das das Wachstum fördert, auch der Klimawandel. „Der Klimawandel führt zu einer rasanten Zunahme der Seegrasmenge, die im Ozean treibt. Dies erhöht das Risiko von Strandungen an den Küsten von Quintana Roo, und zwar nicht mehr nur in einer bestimmten Jahreszeit, sondern praktisch das ganze Jahr über“, sagt van Tussenbroek. Die Probleme in Mexiko hingen deswegen auch mit globalen Phänomenen zusammen.



