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Zwischen Kaiser und Gewissen – Die Freiheit des Glaubens in autoritären Regimen

Wem gilt unsere letzte Loyalität? Erfahrungen von Christinnen und Christen weltweit zeigen, dass die Antwort darauf sogar gefährlich werden kann. Weltkirche-Bischof Meier (Augsburg) über Glauben, Menschenwürde und das christliche Zeugnis im Angesicht politischen Drucks.

Der Autor

Dr. Bertram Meier ist Bischof von Augsburg und Vorsitzender der Konferenz Weltkirche.

Dieser Text ist Teil des Jahresberichts Weltkirche 2025. Den kompletten Bericht finden Sie hier!

Lesungstexte: Apg 5,27-33; Mt 22,15-21

Auf der Jahrestagung „Weltkirche und Mission“ 2026  haben wir viel über kirchliches Leben und Handeln in autoritären Regimen nachgedacht. Im Kern geht es dabei um das Spannungs­verhältnis von Glaube und politischer Macht. Genau hier hinein führen uns zwei biblische Texte, einer aus der Apostelgeschichte und einer aus dem Matthäus-Evangelium.

In der Apostelgeschichte haben wir zunächst die klare Reaktion der Apostel vor dem Hohen Rat. Mit dem Verbot des Hohepriesters konfrontiert, nicht im Namen Jesu zu lehren, antworten sie: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29) Diese Worte sind keine leere Floskel. Sie entstehen in einer konkreten Bedrohungssituation. Die Apostel werden verhört, eingeschüchtert, verfolgt. Wie wir im letzten Vers sehen, hat ihr Zeugnis Konsequenzen: „Als sie das hörten, gerieten sie in Zorn und beschlossen, sie zu töten.“ (Apg 5,33)

Der Gehorsam gegenüber Gott bedeutet hier nicht religiösen Rückzug in eine innerliche Frömmigkeit oder in die eigenen Privaträume, sondern öffentliches Bekenntnis. Die Apostel können nicht schweigen, weil sie Zeugen dessen sind, was sie gesehen, gehört und erfahren haben. Ihre Loyalität gilt zuerst Gott und dem auferstandenen Christus – und gerade deshalb entziehen sie sich einer absoluten Vereinnahmung durch menschliche Autorität.

Im Text von Matthäus begegnet uns eine andere Szene. Jesus wird mit einer Fangfrage konfrontiert: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ (Mt 22,17) Die Frage zielt auf eine politische Festlegung und jede Antwort scheint gefährlich. Entweder stellt sich Jesus gegen die römische Besatzungs­macht – oder er kompromittiert sich vor seinem eigenen Volk. Vor diesem Hintergrund erscheint Jesu Antwort schlicht: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21)

Doch bei genauerer Betrachtung ist diese Antwort sehr tiefgründig. Jesus trennt nicht einfach zwei Bereiche, als gäbe es einen religiösen und einen politischen Raum, die nichts miteinander zu tun hätten. Vielmehr setzt er sie in ein Verhältnis und relativiert damit jede politische Macht. Die Münze trägt das Bild des Kaisers – sie gehört in den Bereich staatlicher Ordnung. Der Mensch aber trägt das Bild Gottes. Er gehört Gott.

Damit wird die Grenze politischer Autorität markiert. Kein Staat, kein Regime, keine Ideologie darf beanspruchen, was Gott allein zusteht: das Gewissen des Menschen, seine letzte Loyalität, seine unverfügbare Würde. In autoritären Systemen wird genau diese Grenze häufig überschritten. Der Staat verlangt nicht nur äußeren Gehorsam, sondern innere Zustimmung. Er duldet keine abweichende Wahrheit, keine unabhängigen Räume, keine konkurrierenden Loyalitäten. Wo Religion in solchen Systemen instrumentalisiert wird, soll sie politische Macht stabilisieren. Wo sie sich entzieht, gerät sie unter Druck.Es ist nicht einfach, unter diesen Bedingungen zu leben, zu handeln und zu glauben. Darum verbietet sich auch ein besserwisserisches Urteil von außen. Wer aber nach Orientierung sucht, kann in den genannten Texten fündig werden, die uns zwei komplementäre Grundhaltungen ans Herz legen: Jesus verweigert die ideologische Vereinnahmung. Die Apostel verweigern den absoluten Gehorsam.

Nah bei den Menschen sein

Aus meiner Sicht ist beides für die Kirche bis heute wegweisend. Kirche ist nicht dazu da, politische Macht zu sakralisieren oder sie selbst für sich zu suchen. Sie ist aber auch nicht dazu berufen, sich aus der Welt zurückzu­ziehen. Ihr Ort ist mitten in der Gesellschaft bei den Menschen – mit einer inneren Freiheit, die aus der Bindung an Gott kommt.

Aber wir müssen klug und umsichtig urteilen und handeln. Das jesuanische Wort: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29) darf nicht leichtfertig missbraucht werden. Es ist kein Vorwand für Beliebigkeit oder für die Missachtung legitimer staatlicher Ordnung. Unser christlicher Glaube stellt staatliche Ordnung nicht grundsätzlich infrage. Recht, Institutionen und politische Verantwortung sind notwendig für ein gutes Zusammenleben.

Doch wenn staatliche Macht die Würde des Menschen verletzt, wenn sie Wahrheit manipuliert, wenn sie Gewalt legitimiert, dann kann unser Zeugnis Widerstand bedeuten – manchmal leise, manchmal öffentlich, manchmal unter großem Risiko.

Für uns, die wir in einer freiheitlich-demokratischen Ordnung leben, klingt das vielleicht fern. Und doch stellt sich auch hier die Frage nach der letzten Loyalität. Wem gehört unser Herz? Wovon lassen wir unser Urteil bestimmen?

Unsere Versuchungen mögen in Bequemlichkeit bestehen, in der Anpassung, vielleicht auch in der stillschweigenden Hinnahme von Unrecht, weil wir es doch so gut haben. Demgegenüber ruft der christliche Glaube uns zur Wach­samkeit. Er erinnert uns daran, dass keine politische Ordnung absolut ist – und dass jede Ordnung am Maß der Menschenwürde gemessen werden muss.

Die weltkirchlichen Erfahrungen, die wir auf der Jahrestagung „Weltkirche und Mission“ 2026 bedacht haben, führen uns die Ernsthaftigkeit dieser Fragen vor Augen. Viele Christinnen und Christen leben unter Bedingungen, in denen ihr Glaube konkrete Risiken birgt. Ihr Zeugnis fordert uns heraus.

Bitten wir darum tagtäglich Gott um die Gabe der Unterscheidung:

  • um Mut, wo ein klares Wort nötig ist;
  • um Klugheit, wo vorschnelle Urteile schaden;
  • um Standhaftigkeit, wo Druck wächst;
  • und um Demut, die eigene Verstrickung zu erkennen.

Jesus hat sich nicht zum politischen Anführer machen lassen. Er hat aber auch nicht geschwiegen, wo Wahrheit auf dem Spiel stand. Sein Weg führte durch Konflikte hindurch – bis ans Kreuz. Gerade dort aber wird deutlich: Gottes Macht ist nicht die Macht der Gewalt, sondern die Macht der Treue. Wenn wir gemeinsam Eucharistie feiern, erinnern wir uns an diese Treue. Wir empfangen die Kraft, Gott mehr zu vertrauen als jeder irdischen Sicherheit. Und wir lassen uns senden in eine Welt, die unser klares, zugleich friedfertiges Zeugnis braucht.


Diese Predigt hielt Dr. Bertram Meier, Bischof der Diözese Augsburg und Vorsitzender der Konferenz Weltkirche, im Rahmen der Jahrestagung „Weltkirche und Mission“ (08.06.-10.06.2026) in Würzburg. Sie ist Teil des Jahresberichts Weltkirche 2025.


Beitragsbild: Julia Steinbrecht/KNA

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