Proteste in Bangladesh. Nahidhasan027 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Protest_in_Bangladesh_01.jpg), „Protest in Bangladesh 01“, Zuschnitt von dr/weltkirche.de, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

Autoritäre Zeiten – warum zivilgesellschaftliche Freiräume für Entwicklung unverzichtbar sind

Schrumpfende Freiräume für die Zivilgesellschaft stellen auch die weltkirchliche Arbeit vor große Herausforderungen. Misereor-Experte Elmar Noé zeigt, warum Entwicklungszusammenarbeit ohne zivilgesellschaftliche Teilhabe kaum denkbar ist – und welche Antworten kirchliche Akteure geben können.

Der Autor

Elmar Noé leitet die Abteilung Asien-Ozeanien beim bischöflichen Hilfswerk Misereor. Er arbeitet seit Ende der 1990er Jahre im Bereich humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechte und hat zwischen 2018 und 2024 den Arbeitsbereich zivilgesellschaftliche Handlungsräume bei Misereor aufgebaut.

Dieser Text ist Teil des Jahresberichts Weltkirche 2025. Den kompletten Bericht finden Sie hier!

Weltweit geraten demokratische Werte und zivilgesellschaftliche Freiräume zunehmend unter Druck. Was lange Zeit vor allem als Problem einzelner Staaten wahrgenommen wurde, hat sich zu einem globalen Trend entwickelt. Nationale Abschottung, rechtspopulistische Bewegungen und autoritäre Regierungsformen gewinnen an Einfluss. Gleichzeitig werden gesellschaftliche Gruppen, die sich für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit oder Umweltschutz einsetzen, vielerorts eingeschränkt, überwacht oder kriminalisiert. Für die internationale Entwicklungszusammenarbeit und die weltkirchliche Arbeit hat diese Entwicklung weitreichende Folgen. Sie betrifft nicht nur die Rahmenbedingungen für die Arbeit lokaler Partnerorganisationen von Organisationen wie Misereor, sondern berührt die grundlegende Frage, wie gerechte und nachhaltige Entwicklung ermöglicht wird.

Autoritarismus – ein globaler Trend?

Internationale Demokratieindizes zeichnen seit Jahren ein besorgniserregendes Bild. In vielen Regionen der Welt werden demokratische Institutionen geschwächt, Wahlen manipuliert, Gerichte politisch beeinflusst und kritische Medien unter Druck gesetzt. Besonders alarmierend ist dabei, dass demokratische Rückschritte längst nicht mehr nur in klassischen Autokratien stattfinden. Auch in formal demokratischen Staaten lassen sich Entwicklungen beobachten, die Meinungsfreiheit, politische Teilhabe und den Schutz von Minderheiten einschränken.

Für Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit ist diese Entwicklung von unmittelbarer Bedeutung. Autoritäre Systeme setzen häufig auf die Kontrolle von Informationen, die Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten unabhängiger Organisationen und die Begrenzung öffentlicher Debatten. Genau jene Räume also, die für gesellschaftlichen Wandel, politische Teilhabe und die Vertretung benachteiligter Gruppen notwendig sind, geraten zunehmend unter Druck.

Warum Zivilgesellschaft unverzichtbar ist

Entwicklung ist weit mehr als wirtschaftliches Wachstum. Nachhaltige Veränderungen entstehen dann, wenn Menschen ihre Interessen artikulieren, an Entscheidungen beteiligt werden und bestehende Verhältnisse kritisch hinterfragen können. Die Erfahrung von Jahrzehnten internationaler Zusammenarbeit zeigt, dass komplexe Herausforderungen wie Armut, Klimawandel, soziale Ungleichheit oder gewaltsame Konflikte nur dann dauerhaft bearbeitet werden können, wenn unterschiedliche Perspektiven gehört werden und gesellschaftliche Beteiligung möglich ist.

Zivilgesellschaftliche Organisationen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie vertreten die Interessen von Menschen, die politisch oder wirtschaftlich wenig Einfluss besitzen. Sie machen auf Missstände aufmerksam, entwickeln lokale Lösungsansätze, setzen sich für Menschenrechte ein und schaffen Möglichkeiten zu gesellschaftlicher und politischer Mitgestaltung. Gleichzeitig übernehmen sie oft eine wichtige Kontrollfunktion gegenüber staatlichen Institutionen und wirtschaftlichen Akteuren.

Auch die Kirchen und ihre Hilfswerke sind Teil dieser Zivilgesellschaft. Sie schaffen Räume der Begegnung, unterstützen benachteiligte Gruppen und engagieren sich für eine Gesellschaft, die von Menschenwürde, Solidarität und Teilhabe geprägt ist.

Einschüchterungsversuche gehören zum Alltag

Seit etwa einem Jahrzehnt wird weltweit über das Phänomen des „Shrinking Space“ diskutiert – die zunehmende Einschränkung zivilgesellschaftlicher Handlungsräume. Dabei handelt es sich nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um einen umfassenden Prozess, durch den Regierungen und andere Machtakteure kritische Stimmen schwächen oder zum Schweigen bringen.

Die Methoden ähneln sich in vielen Ländern. Organisationen werden mit bürokratischen Auflagen überzogen, ausländische Finanzierungen erschwert oder verboten, öffentliche Versammlungen eingeschränkt und Aktivistinnen und Aktivisten als „staatsfeindlich“ diffamiert. Hinzu kommen gezielte Desinformationskampagnen, digitale Überwachung sowie die Nutzung von Gesetzen zur Terrorismusbekämpfung oder Korruptionsprävention als Instrumente zur Kontrolle kritischer gesellschaftlicher Akteure.

Besonders betroffen sind Menschenrechtsverteidigerinnen und Menschenrechtsverteidiger, Umweltaktivistinnen und Umweltaktivisten sowie Organisationen, die sich für die Rechte benachteiligter Bevölkerungsgruppen einsetzen. Für viele von ihnen gehören Einschüchterungsversuche, Bedrohungen oder strafrechtliche Verfolgung inzwischen zum Alltag.

Konsequenzen für die Entwicklungszusammenarbeit

Für lokale zivilgesellschaftliche Partner, beispielsweise der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit im globalen Süden, haben diese Entwicklungen sehr konkrete Konsequenzen. Wenn gesellschaftliche Beteiligung unter Verdacht gerät, leidet die Arbeit mit lokalen Gemeinschaften. Projekte müssen angepasst, Ressourcen in rechtliche Auseinandersetzungen investiert und Schutzmaßnahmen für Mitarbeitende geschaffen werden. Teilweise wird die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen durch administrative Hürden oder den Entzug von Genehmigungen massiv eingeschränkt.

Gerade dort, wo Menschen für ihre Rechte eintreten oder Umweltzerstörung dokumentieren, steigen die Risiken. Viele Organisationen berichten von Diffamierungskampagnen, Kriminalisierung oder Bedrohungen. Gleichzeitig sind es häufig genau diese Akteure, die unverzichtbare Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher Probleme leisten und Brücken zwischen betroffenen Bevölkerungsgruppen, Staat und Öffentlichkeit schaffen.

Zivilgesellschaftliches Engagement wird damit zunehmend zu einer Frage von Mut und Durchhaltevermögen. Dennoch engagieren sich weltweit unzählige Menschen weiterhin für soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und den Schutz natürlicher Lebensgrundlagen – oft unter Bedingungen, die weit schwieriger sind als in Europa.

Nötiger denn je: internationale Vernetzung und Unterstützung

Wenn zivilgesellschaftliche Freiräume schwinden, reicht es nicht aus, diese Entwicklung lediglich zu beobachten. Entwicklungszusammenarbeit, Kirchen und internationale Partner sind gefordert, Menschen und Organisationen zu unterstützen, die sich für demokratische Werte, Menschenrechte und gesellschaftliche Teilhabe einsetzen. Dazu gehört die Unterstützung politischer Interessenvertretung, öffentlicher Meinungsbildung, internationaler Vernetzung und die Stärkung rechtlicher Schutzmechanismen. Ebenso wichtig sind Maßnahmen zur Resilienzförderung bei betroffenen Organisationen: physischer, psychischer und digitaler Schutz, institutionelle Stärkung von Organisationen sowie die Sicherung ihrer Finanzierungsmöglichkeiten.

Zahlreiche Beispiele zeigen, dass auch unter schwierigen Bedingungen Handlungsspielräume bestehen. Partnerorganisationen entwickeln kreative Wege, gesellschaftliche Themen anzusprechen, Dialog zu ermöglichen und Veränderungen anzustoßen, ohne unmittelbar in Konfrontation mit staatlichen Akteuren zu geraten. Oft entstehen gerade unter restriktiven Bedingungen bemerkenswerte Formen gesellschaftlicher Innovation und Zusammenarbeit.

Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass die Verteidigung zivilgesellschaftlicher Freiräume keine Aufgabe ist, die ausschließlich andere Länder betrifft. Auch in Europa und Deutschland stehen demokratische Kultur, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Achtung von Menschenrechten unter Druck. Wer weltweit für offene Gesellschaften eintritt, muss daher auch vor der eigenen Haustür aufmerksam bleiben.

Räume der Hoffnung schaffen

Autoritäre Tendenzen stellen die Entwicklungszusammenarbeit vor große Herausforderungen. Doch sie machen auch deutlich, wie wichtig die Unterstützung engagierter Menschen und Organisationen bleibt. Wo Menschen ihre Stimme erheben, Verantwortung übernehmen und sich für andere einsetzen, entstehen Räume der Hoffnung – selbst dort, wo die politischen Rahmenbedingungen schwierig sind.

Die Zukunft nachhaltiger Entwicklung hängt deshalb nicht allein von finanziellen Ressourcen oder technischen Lösungen ab. Sie hängt wesentlich davon ab, ob Menschen ihre Rechte wahrnehmen, sich organisieren und gemeinsam an einer gerechteren Gesellschaft arbeiten können. Der Schutz zivilgesellschaftlicher Freiräume ist daher keine Randfrage der Entwicklungszusammenarbeit, sondern eine ihrer zentralen Voraussetzungen.


Der Artikel basiert auf einem Vortrag des Autors bei der Konferenz Weltkirche im März 2025 in Frankfurt am Main und ist Teil des Jahresberichts Weltkirche 2025.


Bildlizenzhinweis: Nahidhasan027Protest in Bangladesh 01, Zuschnitt von dr/weltkirche.de, CC BY-SA 4.0

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