Manipulierte Statistiken sind in China nicht ungewöhnlich. Laut einer aktuellen Studie zählt das Land viel weniger Menschen als amtlich angegeben – mit Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft.
Text: Andreas Landwehr/KNA | Bild: Frank Jr / stock.adobe.com
Chinas Bevölkerungsdaten könnten seit Jahrzehnten geschönt sein. Nach einer neuen Schätzung hat die Volksrepublik 130 Millionen Einwohner weniger als offiziell angegeben. Schon bei der Volkszählung 2020 habe China statt der gemeldeten 1,4 Milliarden in Wirklichkeit nur 1,27 Milliarden Menschen gehabt, geht aus der Untersuchung des bekannten Bevölkerungsforschers Yi Fuxian von der US-Universität Wisconsin-Madison hervor. „Die Geburtenrate zu steigern, ist schwierig. Die Statistik nachzubessern, ist einfach“, sagt der Wissenschaftler der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Die Konsequenzen hält er für „verheerend“. Denn die rasante Überalterung der chinesischen Gesellschaft werde damit ein noch größeres Problem, weil mittelfristig die Zahl der Arbeitskräfte zu hoch veranschlagt wird. Auch erkläre die Diskrepanz die schwache heimische Nachfrage, die die chinesische Konjunktur belastet. „Viele Unternehmen, auch deutsche, haben den chinesischen Markt überschätzt“, meint der Forscher, der für sein Buch „Großes Land mit leerem Nest“ bekannt ist.
Dass in China sensible Statistiken schöngerechnet werden, ist ein altbekanntes Problem. Schon der 2023 gestorbene Ministerpräsident Li Keqiang klagte einst, dass unter anderem die Wachstumszahlen „von Menschen gemacht und daher unzuverlässig“ seien. Er verlasse sich eher auf den Stromverbrauch, den Frachtverkehr und das Volumen neuer Bankkredite, nannte der Politiker seinen Maßstab, der als Li-Keqiang-Index bekannt wurde.
Selbst nach offiziellen Angaben ist Chinas Bevölkerung im vergangenen Jahr zum vierten Mal in Folge geschrumpft. Die amtliche Geburtenrate ist auf den niedrigsten Stand seit 1949 gefallen. Im ersten Halbjahr 2026 ging die Zahl der Hochzeiten wieder um rund 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Der Staatsrat forderte mehr Unterstützung für Familien, um eine „geburtenfreundliche Gesellschaft“ aufzubauen. „Die Bevölkerung ist grundlegend für wirtschaftliche und soziale Entwicklung“, verlautete aus einer Kabinettssitzung kurz vor dem bis Donnerstag dauerndem Plenum des Zentralkomitees – dem wichtigsten Treffen der Partei in diesem Jahr.
Die tatsächliche Lage ist nach Einschätzung des Experten Yi Fuxian, der selbst aus China stammt, noch viel schlimmer. „Die Geschichte zeigt: Sobald eine demografische Statistik mit finanziellen oder politischen Interessen verknüpft wird, wird sie geschönt.“ Die bestandserhaltende Geburtenrate sei bereits Anfang der 1990er Jahre unterschritten worden, sodass die umstrittene Ein-Kind-Politik hätte abgeschafft werden können. Um ihre Rechtfertigung und den Apparat der Familienplanung mit all seinen Posten zu erhalten, seien die Geburtenzahlen „stark aufgebläht worden“, sagt der Wissenschaftler. Erst 2016 wurde die Ein-Kind-Regel abgeschafft.
Der Forscher stützt sich auf Abweichungen zwischen Volkszählungen, Neuberechnungen der Geburten sowie Schulstatistiken und Meldedaten. Seit der Übernahme der Schulkosten durch Zentral- und Provinzregierungen hätten Kommunen und Schulen begonnen, die Einschulungszahlen um 20 bis 50 Prozent zu übertreiben, um mehr Finanzmittel zu bekommen, verweist der Experte auf dokumentierte Beispiele. Das habe wiederum zu nachträglichen Korrekturen der Geburtenzahlen geführt – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
Auch hätten Kliniken mehr Geburten gemeldet, seit die neue ländliche genossenschaftliche Krankenversicherung angefangen habe, Entbindungskosten zu erstatten. Die ausgelieferte Menge des Pflichtimpfstoffes für Neugeborene passe auch nicht zur offiziellen Zahl der Geburten. Zudem verweist der Experte auf einen schwunghaften Handel mit Geburtsurkunden und doppelte Wohnortanmeldungen, die seit 2010 gelockert worden seien.
Heute misst Peking die Leistung seiner lokalen Amtsträger an der Steigerung der Geburtenrate. „Örtliche Behörden werden die Geburtenzahlen zwangsläufig zu hoch ansetzen: Das lässt sie in einem guten Licht erscheinen und bringt zudem finanzielle Mittel ein“, schildert Yi Fuxian. Um Geburten wirklich zu fördern, wären höhere Investitionen in Bildung, Zuschüsse für Familien und Regelungen zu Mutterschutz und Elternzeit erforderlich. „Doch die Lokalregierungen sind hoch verschuldet und haben kaum einen Anreiz, dies umzusetzen.“
Die Zahlen des Forschers sind indes nur Schätzungen. Wie groß die Abweichungen wirklich sind, ist unklar. „Die von den Lokalregierungen gemeldeten Zahlen werden Peking jedoch eine trügerische Sicherheit vermitteln und dazu führen, dass das Ausmaß des Problems unterschätzt wird“, warnt Yi Fuxian.






