Alptraum am Morgen: Zwei voll besetzte Züge prallen in Zentralspanien ineinander. Bei dem Unfall sterben mindestens 64 Menschen, Dutzende werden schwer verletzt. Es gibt viele drängende Fragen.
Text: Manuel Meyer/KNA
Spanien steht unter Schock. Ein schweres Zugunglück am Mittwochmorgen hat das Land in kollektive Trauer gestürzt. Bei Toledo im Süden Madrids prallten gegen 8:54 Uhr zwei Hochgeschwindigkeitszüge aufeinander. Der Unfall ereignete sich zwischen den Gemeinden Urda und Orgaz. Bisher kamen laut Angaben der Regionalregierung von Kastilien-La Mancha 64 Personen ums Leben. 80 Menschen wurden verletzt, davon anscheinend 50 schwer.
Regionalpräsident Emiliano García-Page befürchtete am Mittwoch, dass es noch weitere Todesopfer geben könnte. Passagiere berichteten in spanischen Medien, sie seien bei dem Aufprall regelrecht durch die Luft geschleudert worden. Wer konnte, habe danach sofort anderen geholfen. Zeugen schildern dramatische Szenen von fremden Menschen, die in ihren Armen gestorben seien, und Verletzten, die unmittelbar nach dem Unglück blutüberströmt an der Unfallstelle umher taumelten.
Videoaufnahmen von Passagieren zeigen blutende Menschen. Ärzte und Sanitäter behandelten die neben den Gleisen liegenden Verletzten. Mehrere Waggons waren vollkommen ausgebrannt und komplett zerstört. Die Regionalregierung aktivierte den Katastrophenschutzplan. Die Krankenhäuser in Toledo und Ciudad Real riefen dringend zu Blutspenden auf, um die Verletzten versorgen zu können. „Wir bitten alle, die Blut spenden können, sich zu den Krankenhäusern zu begeben, um die Reserven aufzustocken“, hieß es auch in einem Aufruf der Landesregierung.
Viele Verletzte wurden zunächst in die Sporthalle von Urda gebracht, die acht Kilometer vom Unglücksort entfernt liegt. Dort werden sie identifiziert und je nach Zustand ins Krankenhaus gebracht oder von Angehörigen abgeholt, während Angehörige auf den Bahnhöfen in Madrid und Sevilla verzweifelt auf Informationen über ihre Liebsten warteten.
Nach ersten Analysen soll ein Mitarbeiter der zentralen Leitstelle in Madrid einem AVE-Schnellzug des staatlichen Bahnunternehmens Renfe auf der Strecke zwischen Madrid und Sevilla freie Fahrt gegeben haben, obwohl noch ein Zug des privaten Bahnanbieters Iryo die Gleise blockierte. Der Zusammenstoß war so heftig, dass gleich mehrere Waggons des Iryo-Zugs einen Bahndamm hinunterstürzten. In den beiden Zügen befanden sich insgesamt mehr als 540 Passagiere.
Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente bezeichnete den Unfall nach einem Ausfall der sogenannten LZB-Sicherheitssysteme als „absolut unfassbar“. Er fügte hinzu, dass auf „unerklärliche“ Weise der Befehl zur Weiterfahrt erteilt worden sei, ohne dass die Störung behoben worden war – „eine Fehlentscheidung“.
Der Unfall weckte schlimme Erinnerungen an das schwere Zugunglück vom 18. Januar dieses Jahres bei Adamuz in Andalusien. Damals entgleiste ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug aufgrund defekter Schienen und stieß mit einem entgegenkommenden Zug zusammen. Bei dem Unglück kamen 46 Menschen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt. Die Katastrophe löste eine heftige politische Debatte über fehlende Investitionen und die Wartung der Schienenwege in den vergangenen Jahren aus.
Die Spanische Bischofskonferenz forderte alle Kirchengemeinden des Landes auf, in Gottesdiensten für „die ewige Ruhe der Verstorbenen und für die Genesung der Verletzten“ zu beten. Toledos Erzbischof Francisco Cerro Chaves besuchte die Unglücksstelle, wo er für die Opfer betete und den Betroffenen beistand.
„Ich empfinde unermesslichen Schmerz und bin zutiefst erschüttert – vor allem wegen der Angehörigen. Das, was sie in diesem Moment durchmachen, ist schrecklich“, betonte Cerro Chaves. Er bot an, Hilfen und Räumlichkeiten in seiner Diözese zur Verfügung zu stellen. „Wir haben alle unsere Türen geöffnet – sowohl in den Kirchengemeinden als auch bei der Caritas -, um zu helfen, wo immer es nötig ist“, bekräftigte er.
Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez, der die Unfallstelle am Nachmittag besuchte, zeigte sich schockiert. Auf der Plattform X sprach er „allen Opfern und ihren Familien seine Anteilnahme, Solidarität und Unterstützung“ aus.
König Felipe VI. übermittelte den Angehörigen der Verstorbenen ebenfalls sein Beileid und sagte den Einsatzkräften „und all jenen, die vor Ort unter den gegebenen Umständen jede erdenkliche Hilfe leisten,“ seine Unterstützung zu.
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigten sich in Mitteilungen bestürzt. „Ich habe gerade die erschütternde Nachricht von dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Toledo erhalten“, schrieb von der Leyen. „Europa trauert heute mit euch.“
Bestürzt zeigte sich auch der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer. „Zurück bleiben Angehörige, enge Freunde und Bekannte, die fassungslos sind und das Geschehene kaum begreifen können.“





