Bei den vielen beunruhigenden Nachrichten zum Klimawandel möchte manch einer vielleicht am liebsten das Handtuch werfen. Eine Misereor-Initiative zeigt: Man kann sich auch ein gelbes Leibchen überstreifen – und einfach mal in die Pedale treten.
Text: Joachim Heinz/KNA | Bild: Harald Oppitz/KNA
Irgendwo an einer Engstelle am Mainufer passiert es. „Muss des denn jetzt sein?!“, brüllt ein Radfahrer und kommt in einem Affenzahn herangerauscht. Einige der rund 15 Tourenradler können erst im letzten Moment ausweichen. Der Wutbürger kommt inzwischen offenbar auch auf zwei Rädern daher, ordnungsgemäß behelmt und gern unterstützt durch einen leistungsstarken Elektroantrieb.
Die kurze Begegnung hätte die gerade noch unversehrt gebliebene Gruppe mit ein paar saftigen Flüchen und in die Luft gereckten Fäusten – oder Mittelfingern – bedenken können. Tut sie aber nicht. Kurzes Achselzucken. Weiter geht’s. Auf den gelben Reflektorwesten, die sie tragen, steht in violetter Schrift „Einen Gang hochschalten für Klimagerechtigkeit“. Und: „Mitradel-Aktion Road2COP31“ – „Aachen-Antalya“.
In Aachen sitzt das Hilfswerk Misereor, deren Klima-Expertin Madeleine Wörner die treibende Kraft hinter der Mitradel-Aktion ist. In der türkischen Mittelmeerstadt Antalya findet vom 9. bis 20. November die diesjährige Weltklimakonferenz COP31 statt. Dort wird es wieder einmal darum gehen, wie weit die internationale Gemeinschaft bei der Umsetzung der Pariser Klimaziele gekommen ist.
2015 hatten sich die Staaten in der französischen Hauptstadt darauf geeinigt, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf unter 2 Grad zu begrenzen. Dies soll durch Verminderungen beim Ausstoß von Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen geschehen.
Schon damals warnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor massiven Konsequenzen der Erwärmung wie Starkregen, Gletscherschmelze oder einer Zunahme von Dürreperioden. Elf Jahre später hat die Sache vorsichtig formuliert an Dringlichkeit noch einmal dazugewonnen: Laut UN steuert die Welt derzeit auf eine Erwärmung von 2,8 Grad zu. Schon jetzt leiden die armen Länder am meisten.
Die Folgen des Klimawandels haben aber auch Deutschland längst erreicht. Spuren der vergangenen Hitze-Monate sind nicht zu übersehen. Nach dem Start in Aachen haben die Klimaradler schon auf ihrer ersten Etappe nach Bonn den Rhein erreicht. Ihm folgen sie bis Mainz. Während die Gruppe durch die herbstliche Landschaft rollt, kommt das Gespräch ziemlich schnell auf den zurückliegenden Sommer.
Claudia Kunz ist an ihrem Wohnort Bingen für rund 30 Kilometer dazugestoßen. Spätestens jetzt müsste Klimapolitik ganz oben auf der Agenda stehen, findet sie. Doch bei den Verantwortlichen in Bund und Ländern tue sich nicht viel. „Das einzige, was denen einfällt, ist, den Rhein auszubaggern.“
Irgendwo weiter hinten führt der Fluss wieder etwas mehr Wasser als in den vergangenen Wochen. Die Sandbänke zu beiden Uferseiten sind jedoch gefühlt immer noch so groß wie die Beharrungskraft jener Bedenkenträger, die vor zu vielen Veränderungen warnen und sich darauf berufen, dass man die Menschen nicht überfordern dürfe.
Bei den Begegnungen und Gesprächen entlang der Route entsteht allerdings der Eindruck, dass recht viele Menschen wollen, dass sich etwas verändert. „Ich feier‘ euch!“, ruft eine Passantin den vorbeifahrenden Gelbwesten hinterher. Vor Heidelberg schließt sich ein Radler spontan der Gruppe an. „Ich finde super, dass ihr das macht!“
Momentaufnahmen? Vielleicht. Aber genau das ist ein Anliegen der Aktion, wie Madeleine Wörner erläutert. „Die Gemeinschaft, die wir hier erleben, ist ein Zeichen der Hoffnung für mich“, sagt sie. Mut machen ihr auch die Selbstverpflichtungen der Städte zu mehr Klimaschutz, die sie und andere im Rahmen der internationalen Fahrrad-Initiative „The COP bike ride“ bei solchen Touren sammeln. Über 90 Städte in Europa, darunter Metropolen wie Paris, hätten sich bereits daran beteiligt.
Ein Selbstläufer ist das allerdings nicht, wie Wörner und ihre Mitradler bei der Road2COP31 erfahren. Politiker machen sich eher rar. Zwei SPDler lassen sich blicken, ansonsten nur Vertreter der Grünen wie die ehemalige rheinland-pfälzische Umweltministerin Katrin Eder. Sie empfängt die Gruppe in Mainz.
Der Verkehrssektor habe eine CO2-Minderung bislang nicht hinbekommen, sondern stoße sogar zusätzliche Treibhausgase aus, lautet eine Botschaft der Landtagsabgeordneten. „Gerade deshalb müssen wir endlich schneller vorankommen: wir brauchen eine starke Bahn, einen verlässlichen ÖPNV und deutlich bessere Bedingungen für den Radverkehr.“
Bessere Bedingungen für den Radverkehr? An manchen Stellen wird sichtbar, was das konkret bedeuten kann. Abschnittweise führt die Route über breit ausgebaute und bestens asphaltierte Trassen. Mit solarbetriebenen Straßenlaternen, die sich in der Dunkelheit anschalten, wenn Radler daran vorbeifahren.
Das ist längst nicht immer so. Kurz vor Frankfurt droht die „Road2COP31“-Gruppe direkt in einem Autobahnkreuz zu stranden. Eine kurze Beratung der ehrenamtlichen Tour-Guides vom Fahrradclub ADFC – wenige Minuten später glückt der Wiedereinstieg auf dem ursprünglich ausgeguckten Radweg.
Links und rechts gibt es dann doch auch sehr viel Schönes zu sehen: Burgen und Weinberge hier, Indian-Summer-Vibes da. Die Sonne zeigt sich regelmäßig und an einem klaren Herbstabend gerät selbst die Einfahrt in die Hochhausschluchten von Frankfurt zu einem stimmungsvollen Erlebnis.
In der Bankenmetropole rechnet Klara Butz von der Organisation urgewald den Klimaradlern vor, dass zwar immer noch Unsummen in klimaschädliche Unternehmen aus der Öl-, Kohle- oder Gasbranche fließen. Aber: „Während eine kleine Anzahl an Finanzinstitutionen fossile Deals vorantreiben, verbessert der Rest der Finanzindustrie laufend eigene Richtlinien.“ Schritt für Schritt setze das Geld für erneuerbare Energien frei, „ganz unabhängig von Donald Trump und seinen Freunden“.
Manchmal braucht es eben einen langen Atem. Inge Dahmann stellt sich gerade jeden Tag der Herausforderung, die rund 100 Kilometer langen Streckenabschnitte zu schaffen. Die frisch pensionierte Lehrerin aus Aachen ist vom Start an dabei und will bis zum Ende der Aktion am Dienstag in Passau durchhalten.
„Zuerst wollte ich nur ein paar Etappen mitradeln“, sagt sie. „Aber dann habe ich mich gefragt: Warum fährst Du nicht die ganze Tour mit?“ Vom Gepäckträger ihres Fahrrades flattert ein Banner mit der Aufschrift „Klima retten“. Ein weiteres Erkennungszeichen von Inge Dahmann: ihre Freude über das Erreichte – und über die Begeisterungsfähigkeit von Madeleine Wörner. Für den Klimaschutz, davon ist sie überzeugt, „braucht es Leute, die begeistern können“.
„Eigentlich fahren wir hier alle mit einem Grinsen von einem Ohr bis zum anderen“, fasst Rainer Drucks die Stimmung zusammen. „Das ist so eine schöne Aktion, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.“ Ein bisschen bedauern er und Inge Dahmann nur, dass diesmal kaum junge Leute mit dabei sind.
Das sei im vergangenen Jahr anders gewesen, erinnert sich der Rentner. Vielleicht, weil der Zeitpunkt günstiger lag. Die Gespräche damals hätten ihn jedenfalls dazu animiert, sein Auto abzugeben und stattdessen auf Car-Sharing zu setzen. Ob er die Entscheidung bereut hat? „Bisher nicht“, antwortet Rainer Drucks und schwingt sich kurz darauf wieder aufs Rad. Mit einem Lächeln im Gesicht.



