Auch zwei Wochen nach der Sturzflut in Nepal läuft die Suche nach den Vermissten weiter. Unterdessen wird klar: Unter den Folgen der Katastrophe wird der Himalaya-Staat noch sehr lange zu leiden haben.
Text: Joachim Heinz (KNA) | Bild: Benny Manser for Caritas/CRS
Zu normalen Zeiten dauert eine Autofahrt von Nepals Hauptstadt Kathmandu bis in den bei Himalaya-Trekkingtouristen beliebten Distrikt Rasuwa sechs bis sieben Stunden. Aktuell sind es bis zu zwölf. Normal ist gerade gar nichts im Langtang-Massiv nahe der Grenze zu Tibet. Vor zwei Wochen hat eine Sturzflut die Region verwüstet. „Die Straßen gibt es nicht mehr. Man muss sich mit Jeeps über kleine Wege vorkämpfen, die jetzt in der Regenzeit total aufgeweicht sind“, sagt Katja Dombrowski.
Die Mitarbeiterin der Welthungerhilfe, die sich momentan in Nepal aufhält, ist eine von zahlreichen Helfern, die daran arbeiten, die Menschen in den ohnehin schon abgelegenen Distrikten mit dem Nötigsten zu versorgen. Immer noch werden die Zahlen der Todesopfer nach oben korrigiert; laut offiziellen Angaben von Mittwoch sind es 1.367. Und weiter werden über 5.000 Menschen vermisst. Niemand wisse, wie viele dieser Vermissten noch gefunden werden könnten, sagt Dombrowski. „Und diese Grundanspannung ist sehr stark zu spüren.“
Ein Zentrum der Nothilfe ist Dhunche, Verwaltungssitz des Distrikts Rasuwa. Von dort fliegen Hubschrauber in die umliegenden Dörfer. Das Dröhnen der Maschinen sei allgegenwärtig, berichtet Dombrowski. „Im Katastrophengebiet läuft die internationale Nothilfe aktuell in großem Stil“, teilt auch das Hilfswerk Misereor auf Anfrage mit.
Benötigt würden unter anderem Wasser-, Sanitär- und Hygieneeinrichtungen, sowie Lebensmittel insbesondere für Kinder unter fünf Jahren sowie für schwangere und stillende Frauen. „Auch müssen temporäre Lernzentren errichtet und der Wiederaufbau von Schulen organisiert werden.“
Nach der Flut kommt der Frost
Während aktuell der Regen die wenigen noch zugänglichen Pisten und Wege aufweicht, bereiten sich die Helfer auf die in zwei Monaten beginnende kalte Jahreszeit vor. In den von der Sturzflut besonders betroffenen Distrikten Rasuwa und Nuwakot könnten die Temperaturen unter Null Grad sinken, sagt Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Dombrowski. Dann bräuchten die Menschen, denen das Wasser alles Hab und Gut genommen habe, gesicherte Unterkünfte, warme Kleidung und Schlafsäcke.
Schwer getroffen ist auch die Wirtschaft des Landes. Ein Beispiel: der Tourismus. „Das ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Land, gerade für die abgelegenen Gebiete“, berichtet Dombrowski. „Dort leben sehr viele Leute vom Tourismus als Fahrer, Führer oder Betreiber von Unterkünften. Denen bricht gerade alles weg, weil Reisen auch in jene Gebiete storniert werden, die gar nicht betroffen sind.“
Die Flutwelle zerstörte zudem mehrere Wasserkraftwerke in Rasuwa und Nuwakot. Das löste Berichten zufolge auch ein Beben an der Börse aus, an der zahlreiche Unternehmen registriert sind, die auf Wasserkraft setzen. Diese gerieten offenbar in Turbulenzen – auch wenn es im ganzen Land weiter zahlreiche funktionierende Kraftwerke gibt. Immerhin: Laut Berichten der „Kathmandu Post“ sind in Rasuwa mittlerweile etwa 83 Prozent der Stromversorgung und in Nuwakot 95 Prozent wiederhergestellt.
Schon jetzt zeichne sich ab, dass psychologische Betreuung für die Bevölkerung ein wichtiges Thema werde, sagt Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Dombrowski. Viele Überlebende seien traumatisiert. Sie hätten mit ansehen müssen, wie die Flutwelle Angehörige, ihr Haus oder ihre Tiere mitriss. „Das ist eine extreme Belastung.“
Misereor schätzt, dass die Menschen in den betroffenen Distrikten noch über Jahre hinaus Hilfe benötigen. Zunehmend verlagere sich die Arbeit der Misereor-Partner inzwischen von der akuten Nothilfe zum mittel- bis langfristigen Wiederaufbau.
Missio warnt vor Langzeitfolgen
Ähnlich schätzen es auch Partner des katholischen Hilfswerks Missio Aachen ein. „Die Menschen in den betroffenen Gebieten brauchen weiterhin Lebensmittel, sauberes Trinkwasser, Medikamente und sichere Unterkünfte. Zugleich müssen wir schon heute an die kommenden Monate denken. Viele Familien haben ihre Lebensgrundlage verloren“, berichtet Missio-Präsident Pfarrer Dirk Bingener.
Organisationen wie die kirchliche „Nepal Little Flower Society“ bereiten sich darauf vor, die langfristigen Folgen anzugehen. „Die Herausforderungen werden weit über die akute Notlage hinausreichen“, erklärt Missio-Partner Pater Roby Ku, Direktor der Organisation, gegenüber Missio Aachen. „Wir müssen uns auf eine lange Phase der Rehabilitation und des Wiederaufbaus einstellen.“ Neben der Zerstörung von Wohnraum, Infrastruktur sowie Wasser- und Sanitärsystemen, hätte viele Menschen nichts mehr, wovon sie leben können, und seien durch die katastrophalen Ereignisse traumatisiert.







