Ein Globus vor einem Bücherregal aus der israelischen Nationalbibliothek Bild: Globus: OpenStreetMap-Mitwirkende, Hintergrundfoto: Andrea Krogmann/KNA

Buchtipp:„Der einzige Stern am Himmel“ erinnert an Gräueltaten in Uganda

Jahrelang war eine radikal-christliche Bewegung im Norden Ugandas für Plünderungen, Verschleppungen und Morde verantwortlich. Die Opfer sind längst in Vergessenheit geraten. Jetzt haben sie eine Stimme.

Text: Katrin Gänsler (KNA)

Es gibt Gräueltaten, die so massiv, brutal und unmoralisch sind, dass man sie sich schwerlich vorstellen kann. Geschehen sind sie vor Jahrzehnten im Norden Ugandas. Die Täter: Anhänger der Rebellengruppe Lord’s Resistance Army (LRA). Fast 40 Jahre später scheinen die Verbrechen außerhalb des ostafrikanischen Landes weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein – Anführer Joseph Kony wird seit 2005 mit einem internationalen Haftbefehl gesucht.

Der im Orlanda Verlag erschienene Roman „Der einzige Stern am Himmel“ der ugandisch-kanadischen Autorin Otoniya J. Okot Bitek erinnert an die Verbrechen der LRA. Es ist keine durchgehende Erzählung, sondern eine Sammlung von Erlebnissen und Stimmen. Diese gehören Miriam und Susannah, Helen und Maggie. Es sind Mädchen und Frauen, die einst von der Gruppe verschleppt wurden, als diese durch Dörfer zog, plünderte, drohte und mordete.

Im Buch erhalten ihre Schicksale Raum. Jedes ist besonders, einzigartig. Grausam sind sie alle. Da ist zum Beispiel der bewaffnete Mann, der von einer Frau vier der sechs Kinder fordert. Sie kann und will sich nicht entscheiden: Gibt sie ihm die eigenen zwei oder die drei Kinder des verstorbenen Bruders, „alles, was mir von ihm geblieben ist“? Oder das erste Enkelkind? Der Rattenfänger, wie Susannah ihn nennt, raubt letztendlich alle sechs. Die Klarheit, ja Schlichtheit der Sprache lässt diese und viele andere Szenen noch brutaler wirken.

Betroffen sind meist Kinder und Frauen. Was oft vergessen wird, auch in der Berichterstattung über Terrorgruppen und Rebellen: Viele der Anhänger sind zwangsrekrutiert. Sie wurden entführt, ihnen wurde eine Kalaschnikow, die bis wohl bis heute am stärksten verbreitete Waffe in afrikanischen Ländern, in die Hand gedrückt, sie mussten plündern, rauben und morden.

Immer wieder zeigt sich auch die Schwäche der Hilfesysteme. Viele Menschen können nicht versorgt werden. Ohne längerfristige Unterstützung und erst recht ohne die Betreuung von Psychologen müssen sie weiterleben.

Allerdings: Es fehlt mitunter der rote Faden durch das Buch. Die einzelnen Kapitel sind nicht immer miteinander verbunden, Erzählungen sind verworren. Wer sich nicht mit der Geschichte Ugandas auskennt, dem fehlen politische Einordnung und Fakten.

Gegründet wurde die LRA, die „Widerstandsarmee des Herrn“, 1997 als Widerstandsbewegung gegen die ugandische Regierung unter Yoweri Museveni, der bis heute an der Macht ist. Sie war eine radikal-christliche Bewegung, die eigenen Bekundungen zufolge für die Acholi, die größte Ethnie in der Region, kämpfte. 2006 schrieb das Kinderhilfswerk Unicef, dass die LRA rund 25.000 Kinder entführt hatte. Nach gescheiterten Friedensverhandlungen zwischen 2006 und 2008 zog sich die LRA in Nachbarländer zurück und operierte als kriminelle Bande weiter.

Das Fehlen dieser Informationen ist gleichzeitig eine Stärke des Romans: Die Opfer der LRA stehen im Mittelpunkt – alles andere gerät aus der Sicht.

Letztendlich ist der Roman weitreichender. Es geht zwar um die Grausamkeiten im Norden Ugandas. Zwangsverschleppungen haben aber auch Menschen in anderen Teilen Afrikas erlebt – etwa im Nordosten Nigerias, wo seit weit mehr als einem Jahrzehnt vorwiegend Mädchen und Frauen von der Terrormiliz Boko Haram entführt werden. Am bekanntesten ist die Entführung der anfangs 276 Mädchen von Chibok im April 2014. Zahlreiche Erfahrungen – Vergewaltigungen, Zwangsverheiratungen, ständige Flucht – sind ganz ähnlich.

Daher ist „Der einzige Stern am Himmel“ ein seltener und wichtiger Roman. Er erinnert an jene, die nicht gehört werden und üblicherweise viel zu schnell in Vergessenheit geraten.

Otoniya J. Okot Bitek: Der einzige Stern am Himmel, Orlanda Verlag, Leipzig 2026, 190 Seiten, 23 Euro. ISBN: 978-3-949545-87-0

Bild: Globus: OpenStreetMap-Mitwirkende, Hintergrundfoto: Andrea Krogmann/KNA

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