Ein Foto zeigt eine Muttergottes mit Jesuskind in Rückansicht, im Hintergrund die Nationalflagge. Es handelt sich um eine Szene auf dem Areal der Nordkirche (Bischofskirche) in Peking, 2024. Bild: Martin Welling/China-Zentrum.

Engere Grenzen, lebendige Gemeinden: Katholische Kirche in China zwischen Anpassung und Kontrolle

Die Spielräume für Religion in China werden immer kleiner. Neue Vorschriften, ideologische Kontrolle und digitale Überwachung prägen den Alltag der Kirchen. Und doch gibt es auch ganz normales Gemeindeleben, berichtet der Direktor des China-Zentrums in Sankt Augustin, Pater Martin Welling SVD. Ein Blick auf die aktuelle Lage – und auf den Arbeitstag eines katholischen Priesters.

Der Autor

P. Martin Welling SVD ist Steyler Missionar und Direktor des China-Zentrums in Sankt Augustin

Dieser Text ist Teil des Jahresberichts Weltkirche 2025. Den kompletten Bericht finden Sie hier!

Mittlerweile haben es die Religionsbehörden Chinas unter Leitung der Einheitsfront geschafft, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die meisten „Untergrund“-Bischöfe, Priester und Schwestern zur offiziellen Registrierung zu bringen. Zwar gibt es noch – je nach Provinzen und Diöze­sen verschieden – Untergrundpriester und -gemeinden, aber die Zahl ist drastisch gesunken. Alle ihre Aktivitäten werden offiziell als „illegal“ eingestuft und dementsprechend behandelt. Viele Gläu­bige haben sich arrangiert, die meisten haben sich eingegliedert in die offiziellen Gemeinden, eini­ge nehmen das Risiko auf sich, zu Messen zu gehen, die weiterhin von Untergrundpriestern organi­siert werden. Manche gehen sowohl zu Gebetsveranstaltungen der offiziellen Gemeinden als auch des Untergrunds. Andere haben sich ganz von der Kirche abgewandt. 

Jetzt werden sowohl die ursprünglich „Offiziellen“ wie auch die neu Übergetretenen mittels immer neuer, immer schärferer Vorschriften, Erlasse etc. ideologisch auf Linie gebracht und zugleich in ihren Aktivitäten mehr und mehr eingegrenzt.

Neue Regeln, mehr Kontrolle

So wurde z.B. im letzten Jahr ein Erlass des Nationalen Büros für religiöse Angelegenheiten (NBRA) zu Verhaltensregeln für religiöse Amtsträger im Internet veröffentlicht. „Um das Verhalten der religiösen Amtsträger im Internet zu normieren und die gute Ordnung im Bereich der Religionen im Internet zu wahren, werden auf der Grundlage der ‚Vorschriften für religiöse Angelegenheiten‘, der ‚Maßnah­men für die Verwaltung religiöser Amtsträger‘, der ‚Maßnahmen für die Verwaltung von Informati­onsdiensten im Internet‘, der ‚Maßnahmen für die Verwaltung religiöser Informationsdienste im Inter­net‘ und anderer Rechtsnormen und Regeln diese Regeln festgelegt“ (siehe China heute 2025, Nr. 4, § 1 der Verhaltensregeln). Und dann wird wie üblich daran erinnert, dass alle mit ganzem Eifer die Führung der Kommunistischen Partei Chinas unterstützen sowie die sozialistischen Kernwerte Xi Jin­pings und die „Sinisierung“ praktizieren und die Gläubigen entsprechend anleiten müssen.

P. Welling neben der Statue des heiligen P. Josef Freinademetz SVD an der Westkirche in Peking | Bild: Archiv China-Zentrum
P. Welling neben der Statue des heiligen P. Josef Freinademetz SVD an der Westkirche in Peking | Bild: Archiv China-Zentrum

Strikt verboten ist es, über das Internet „Minderjährigen religiöses Denken einzuflößen“ oder sie gar zum Glauben an eine Religion zu verleiten. Spendenaufrufe im Internet sind verboten, mehr noch: „Reichtümer anzuhäufen“. Religiöse Publikationen über das Internet zu verbreiten oder Gottes­dienste durchzuführen ist nicht erlaubt. „Religiös-extremistische Kleidung“ im Internet zu zeigen ebenfalls. Weder über Social Media noch mittels KI dürfen religiöse Inhalte verbreitet werden, reli­giöse Fortbildungen im Internet dürfen nur über bestimmte lizenzierte Webseiten angeboten wer­den. …

Das Korsett, in dem Religionen handeln und evangelisieren dürfen, wird immer enger gezogen. Und doch gibt es auch ganz normales Gemeindeleben. Auf meine Bitte hin stellte ein Priester in China eine Art exemplarischen Tagesablauf zusammen, der uns einen winzigen Einblick zu geben vermag:

Zwischen Morgenmesse und Religionsbüro – Ein Tag im Leben eines katholischen Priesters in China

(könnte auf wahren Begebenheiten beruhen!):

5.30 Uhr: Aufwachen, Stundengebet. Bereite mich auf die Messe um 6.30 Uhr vor, habe aber immer noch keine guten Ideen für die Predigt. Schnell etwas im Internet suchen. Aber hier gibt es nur wenige offi­ziell registrierte, zudem staatlich überwachte religiöse Internetseiten …

7.15 Uhr: Nach der Morgenmesse unterhalte ich mich mit einigen Messteilnehmerinnen. Sie haben vor, an diesem Vormittag die Gästezimmer im Gemeinde­haus gründlich zu reinigen, einige waschen Wäsche, andere putzen die Zimmer. Tolle Leute! Es wird ge­meinsam angepackt, ist ja schließlich unser aller Pfarrei!

8.00 Uhr: Gespräch mit den Schwestern in der Pfarrei über Lösungen, wie wir eine etwas komplizierte Beer­digung durchführen können: Der Verstorbene hatte sich – nicht zuletzt auf Drängen seiner Frau – auf dem Sterbebett taufen lassen. Der älteste Sohn aber hat Angst, die Nachbarn und Verwandten würden ihm mangelnde Kindesliebe vorwerfen, wenn er als der für eine korrekte Beerdigung Verantwortliche nicht die traditionellen Riten anwenden würde. So weiger­te sich dieser, zuzulassen, dass der Verstorbene nach katholischen Riten beerdigt würde … Wie aber kön­nen wir als katholische Kirche für den Verstorbenen beten und dessen Frau trösten, ohne dass der älteste Sohn das „Gesicht verliert“ und es zu großem Streit in der Familie kommt? Ganz nebenbei: Wieweit darf man religiöse Beerdigungsriten überhaupt im öffent­lichen Raum durchführen?

10.00 Uhr: Teilnahme an einem vom Religionsbüro or­ganisierten Treffen mit Geistlichen der fünf großen Re­ligionen zum Thema: „Die Rechtsnormen studieren, die religiöse Disziplin wahren, Selbstkultivierung beto­nen, ein gutes Image aufbauen“. Dies ist in letzter Zeit ein zentrales „Lern“-Thema in Seminaren und Vorträ­gen. Solche Schulungs-Treffen finden nervig oft statt. Naja, so lernt man wenigstens die Kollegen der ande­ren Religionen und Konfessio­nen kennen, sonst gäbe es überhaupt keinen ökume­nischen oder interreligiö­sen „Dialog“.

Wieweit darf man religiöse Beerdigungsriten überhaupt im öffent­lichen Raum durchführen?

11.30 Uhr: Mittagessen. Der Mann der Köchin be­schwert sich über den niedrigen Lohn seiner Frau … Aber was soll man machen: Manche Priester erhalten ein Gehalt von der Diözese, in Landpfarreien aber kann es sein, dass Messstipendien die einzigen Ein­nahmen für den Lebensunterhalt sind! Aber die Gläu­bigen geben Gott sei Dank gerne Gemüse, Obst und andere Lebensmittel als kleines Zeichen der Dankbar­keit …

17.00 Uhr: Vesper, Rosenkranz, Aufwärmen der Reste für das Abendessen. Danach Hausbesuche mit Bibel­teilen bei Familien unserer Gemeinde.

19.00 Uhr: Ein Gemeindemitglied ruft an, Oma, die nie eine hl. Messe ausfallen lässt, sei plötzlich in ein Kran­kenhaus eingeliefert worden und benötige dringend die Krankensalbung. Ich eile zum Krankenhaus, um sie zu besuchen und die Familie zu trösten. Gut, dass es in unserer Gegend gegenwärtig keine Probleme gibt, wenn man sich zum Bibelteilen trifft, ja sogar Krankenkommunion bringen kann, solange man dies recht unauffällig ohne öffentliche Beachtung durch­führt. In anderen Diözesen gilt all dies als „illegale reli­giöse Aktivität“ und kann schwer bestraft werden. Religionsunterricht für Kinder ist aber wie fast überall in China auch bei uns konsequent verboten.

22.30 Uhr:  Endlich wieder zu Hause! Bereite mich vor, eine Weile zu lesen, bin aber zu müde, keine Energie, schlimmer noch: keine Ideen für die Predigt für die morgige Messe … Mache den Versuch: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“… stelle fest: Das macht Er aber nicht immer!

01.00 Uhr: Anruf aus Deutschland: Werde eingeladen, an einer Konferenz über die katholische Kirche in China teilzunehmen. Habe mich riesig gefreut, aber die Chance, dass das von allen religionspolitischen Gremien abgenickt wird, ist so gut wie nicht exis­tent … Reisefreiheit gibt es für religiöse Amtsträger halt nicht! Schade!!! Entsprechend den neuen Vor­schriften über die Einholung und Aufbewahrung der Reisepässe für katholische Geistliche kommt man auch nicht so einfach an den eigenen Pass. Eine Um­gehung der Behörden ist daher unmöglich.  Ich träume halt weiter …


Dieser Text, erstmals veröffentlicht im Mai 2026, ist Teil des Jahresberichts Weltkirche 2025.


Artikelbild: Martin Welling/China-Zentrum

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