In Mauretanien haben digitale Bezahldienste in den vergangenen Jahren an Beliebtheit gewonnen. Eine Chance für die finanzielle Inklusion: Wo Bankkonten längst nicht selbstverständlich sind, reicht eine App auf dem Handy.
Text und Bild: Frida Nsonde/KNA
Ein Klick, ein prüfender Blick, ein Nicken. Mehr braucht es nicht, bevor der gewünschte Artikel über die Theke wandert. Im Laden an der Ecke, im Restaurant oder im Taxi – in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott ist das Bezahlen per Handy längst Alltag. Mobile Money nennen sich die Anwendungen, die es ihren Kunden erlauben, über ein digitales „Wallet“ Geldtransfers durchzuführen – und das ganz ohne Bankkonto.
Die populärste dieser Apps im westafrikanischen Mauretanien nennt sich Bankily. Sie ist seit 2020 im Umlauf und verzeichnet nach eigenen Angaben über eine Million registrierte Accounts. Ein lukratives Geschäft in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung nicht über ein Bankkonto verfügt. Man braucht nur ein Handy, eine nationale ID oder Aufenthaltserlaubnis – und schon kann es losgehen. Das geht im Übrigen sogar ohne Internet: per SMS-Code.
Wie in Mauretanien erleben Mobile-Money-Dienste auch in weiteren Ländern Afrikas einen stetigen Zuwachs. Von den 2,3 Milliarden Accounts, die im vergangenen Jahr laut dem Branchen- und Lobbyverband der Mobilfunkindustrie, der GSM Association, weltweit registriert waren, befanden sich 1,2 Milliarden allein in Afrika südlich der Sahara. Es folgten Südasien mit 473 Millionen sowie die Region Ostasien und Pazifik mit 455 Millionen Konten.
In Mauretanien verzeichnen neben Bankily auch Konkurrenten wie Masravi oder Sedad einen stetigen Zuwachs an registrierten Kundenkonten. Dass hinter allen dreien konventionelle Banken stecken, ist auf dem afrikanischen Kontinent eher ungewöhnlich. Häufiger werden Mobile-Money-Dienste von Mobilfunkbetreibern angeboten.
Vom Stadtrand von Nouakchott aus fahren Sammeltaxis in Richtung Westen ins Landesinnere. Siedlungen auf Sand ziehen vorbei. Das Land südlich von Marokko besteht, je nach Definition, zu zwei Dritteln bis hin zu 90 Prozent aus Wüste. Mit einer Bevölkerung von rund 5,5 Millionen Einwohnern ist der flächenmäßig drittgrößte Staat Westafrikas zugleich einer der am dünnsten besiedelten der Welt. Nicht nur für den Netzausbau ist das eine Herausforderung.
Im nationalen Vergleich ist der Armutsanteil im ländlichen Raum besonders hoch, womit lange auch eine erschwerte finanzielle Inklusion einherging. Zudem verfügt längst nicht jeder im Land über eine Geburtsurkunde oder die nationale ID, die für die Registrierung bei Apps wie Bankily erforderlich ist. Vor allem Teile der schwarzen Bevölkerung beklagen strukturelle Hürden in dieser Hinsicht. Sind Zahlungs-Apps also überhaupt landesweit ein Thema?
Nach rund 400 Kilometern kommt das Auto in der Kommune Sangrave am Straßenrand zum Stehen. Laut der nationalen Statistikbehörde ANSADE galten 2019 hier, in der Verwaltungsregion Brakna, gut 47 Prozent der Haushalte als von Armut betroffen, während der nationale Durchschnitt deutlich niedriger lag, bei 28,2 Prozent.
Nicht mehr wegzudenken
Die Mitfahrer klettern einer nach dem anderen aus dem Fahrzeug. „Nehmen Sie Bankily?“, fragt eine Kundin. Natürlich. Sie scannt den QR-Code, den Fahrer Sidiya Al-Maayouf ihr hinhält. Ein eingetippter Preis, eine Bestätigung, dann ist sie aus der Tür. „Viele Kunden bezahlen mittlerweile mit Apps wie Bankily“, sagt Al-Mayouf. Mobile Money ist auch hier zur Selbstverständlichkeit geworden.
Im hellblau angestrichenen Nachbarschaftsgeschäft gegenüber steht Ladenbesitzer Mohamed Lemine in der Tür. Er überwacht das Verladen der Wasserlieferung, die gerade eingegangen ist. Apps wie Bankily oder Masravi hat auch er in den vergangenen Jahren unter seinen Kunden rasant zunehmen sehen.
Während das für die Bevölkerung vor Ort den barriereärmsten Weg darstellt, Geld von anderen zu erhalten, verringert dieser Umstand auch in seinem Geschäft alltägliche Komplikationen – etwa Engpässe bei Wechselgeld. Für Lemine selbst reduziert das Nutzen einer digitalen Geldbörse zudem das Diebstahlrisiko. Kiste um Kiste mit Wasserflaschen stapelt er nun bis an die Decke seines kleinen Ladens, in dem der Platz allmählich knapp wird.
Auch Lieferanten kann der Verkäufer per Bankily bezahlen. Ein Vorteil, wie er sagt. „Das macht unter Händlern einiges effizienter.“
Rund 53 Prozent der Banken und 62 Prozent der Bankautomaten Mauretaniens befinden sich allein in der Hauptstadt Nouakchott, weitere 14 beziehungsweise 16 Prozent in der Verwaltungsregion der zweitgrößten Stadt Nouadhibou.
In Tagant, der Nachbarregion Braknas, werden die Mängel bei der finanziellen Inklusion umso deutlicher. Laut nationaler Statistikbehörde befinden sich hier lediglich 0,5 Prozent der Banken des Landes – bei einem Bevölkerungsanteil von zwei Prozent. Der Anteil an Bankautomaten wird glatt mit 0,0 angegeben.
Sobald die Sonne aufgegangen ist, erwacht das Städtchen Nbeika in Tagant langsam zum Leben. Vor wieder öffnenden Ladentüren sind Kinder auf dem Weg zur Schule. In der Filiale von Bankily lässt sich gerade der erste Kunde etwas Bargeld auszahlen. Das Büro sei 2021 eröffnet worden, berichtet einer der beiden Angestellten hinter dem Schalter. Als erste finanzielle Institution vor Ort. Und: „Die Leute haben das super angenommen.“
Aktuell kämen täglich etwa 50 Kunden in den kleinen Shop an der Hauptstraße. Am häufigsten, wenn sie Überweisungen von Verwandten erhalten haben oder Geld einzahlen wollen, um damit Einkäufe zu tätigen. Die neue Bankfiliale, die nebenan aufgemacht habe, scheine hingegen wenig Zulauf zu haben. Warum auch, sagt er: „Banking kann ja eigentlich so einfach sein.“







