Der Kyjiwer Weihbischof Josyf Milyan ist überzeugt: Die Ukraine kann Russlands Krieg und Terror stoppen. Auch mit Gottes Hilfe. Der Geistliche betont, dass der Krieg jeden verändere. Ungläubig bleibe niemand.
Text: Volker Hasenauer/KNA | Bild: Volker Hasenauer/KNA
„Vor wenigen Tagen haben wir in unserer Gemeinde die Leichname von ukrainischen Soldaten zurückbekommen, die die Russen getötet haben. Gebrochene Rippen. Einschüsse im Kopf. Das sind keine Einzelfälle, sondern Folter hat in Russland System.“ Mit ruhiger Stimme berichtet Weihbischof Josyf Milyan kürzlich bei einem Besuch in Freiburg von den Grausamkeiten des Kriegs in seiner Heimat. Davon, wie der russische Angriffskrieg Menschen und Gesellschaft in der Ukraine verändert.
Und davon, wie das Leid die Menschen zusammenbringt. „Der Krieg verändert alles. Im Krieg kann niemand ungläubig sein“, sagt der 70-Jährige im schwarzen Bischofsgewand und mit goldenem Marien-Kreuz-Medaillon auf der Brust.
Der Geistliche der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine ist derzeit in Deutschland unterwegs, um für weitere Zusammenarbeit und für finanzielle Unterstützung in kirchlichen und sozialen Projekten zu werben.
Im vergangenen Winter – „wegen der Angriffe auf unsere Energie-Infrastruktur war das der schlimmste, den ich je erlebt habe“ – haben kirchliche Freiwillige beispielsweise mobile Gaskocher und Generatoren verteilt und Gemeinschaftsküchen organisiert, berichtet Milyan. Eine Pfarrgemeinde kochte regelmäßig für 800 Menschen. Im Keller der Kyjiwer Kathedrale wurden Waschmaschinen aufgestellt, die auch dann funktionieren, wenn das öffentliche Stromnetz zusammenbricht. Gleichzeitig ist der Kirchenkeller Raketenschutzraum für 800 Menschen aus der Nachbarschaft.
Der Bischof benennt in drastischen Worten die Folgen des brutalen Angriffskriegs. „Es gibt in der ganzen Ukraine keinen sicheren Ort mehr. Die Russen schießen mit Drohnen und Raketen auf alles. Wohnhäuser, Kraftwerke, Kirchen.“ Zu Beginn habe er nächtliche Bombardements in Kyjiw noch verschlafen. „Heute höre ich jeden Einschlag und finde bis zum Morgen keine Ruhe.“ Aktuell beschieße Russland fast jede Nacht die ukrainische Hauptstadt.
Zum Erzbistum Kyjiw der griechisch-katholischen Kirche gehören auch große Teile der Ostukraine. „Manche Gemeinden liegen nur zehn Kilometer hinter der Front.“ Viele Priester seien als Militärpfarrer im Kriegsgebiet. „Wir tragen keine Gewehre, aber wir stehen den Soldaten bei.“
Im Krieg wurde das soziale Engagement der Pfarreien ausgeweitet, berichtet Milyan, der auch Generalvikar – also Verwaltungschef – des Erzbistums Kyjiw ist. Viele Pfarreien seien zu Treffpunkten geworden, an denen Menschen zusammenkommen, um über ihre Trauer und ihr Leid zu sprechen. Kirchenmitarbeiter haben Fortbildungen in psychologischer Begleitung besucht.
„Zum Beispiel kommen Mütter mit den Fotos ihrer getöteten Kinder und erzählen von ihnen“, sagt der Geistliche. Sehr belastend sei die Situation von Familien mit Söhnen, die in russischer Gefangenschaft sind. „Jeder kennt die Berichte aus den russischen Gefängnissen, wo Genitalien abgeschnitten werden und mit Elektroschocks gefoltert wird.“ Die Kirche stehe an der Seite dieser Familien. „Können Sie sich vorstellen, welche Gefühle diese Menschen durchmachen, wenn sie keine Lebenszeichen haben und auf die Rückkehr ihrer Lieben hoffen?“
Jeden Tag Gebete für Frieden – und für den Sieg
Milyan selbst ist seit 1984 katholischer Priester. Geweiht im Untergrund, im Geheimen. Denn zu Sowjetzeiten war seine Kirche verboten. Selbst den eigenen Eltern verriet er drei Jahre lang nicht, dass er Priester geworden war. Wäre er entdeckt worden, hätten ihn die Sowjets wohl nach Sibirien ins Straflager geschickt, so wie den Pfarrer seines Heimatdorfs.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Gewinn der ukrainischen Unabhängigkeit habe seine kleine Kirche, der in der Ukraine nur eine Minderheit angehört, inzwischen aber ein gutes Miteinander mit dem Staat und den anderen, größeren orthodoxen Kirchen entwickelt, sagt Milyan. Alle Kirchen tauschten sich regelmäßig in einem gemeinsamen Rat aus. Froh zeigt sich der Bischof über die humanitären Hilfsprojekte der Caritas.
Für Milyan ist es beeindruckend, wie widerstandfähig die ukrainische Gesellschaft im Krieg geworden ist. „Krieg verändert alles. Neue Solidarität ist gewachsen.“ Für ihn zeigt sich das Böse in der Geschichte mit immer neuen Gesichtern. „Heute ist es das Gesicht Putins. Und deshalb wird es nur Frieden in ganz Europa geben, wenn die Ukraine den Krieg gewinnt.“
Seine Hoffnung auf einen Sieg der Ukraine begründet er auch mit der Geschichte. „Ich habe erlebt, wie die Sowjetunion über Nacht zusammengebrochen ist. Als ich ins Bett ging, lebte ich in der Sowjetzeit, als ich aufgewacht bin, nicht mehr.“ Das könne sich jetzt wiederholen.
Wenn die Ukraine aber fällt, werde Russland seine Aggression auf ganz Europa ausweiten, da ist sich der Geistliche sicher. „Und Putin wird die ganze Ukraine so verwüsten wie das syrische Aleppo. Oder uns wird es so gehen wie den Palästinensern. Das mag ich mir nicht vorstellen.“
In seiner Kirche gibt es jeden Tag Gebete für den Sieg und für Frieden. Dies sei wichtig. Genauso wie die tägliche landesweite Schweigeminute um 9.00 Uhr morgens. „Aber wenn Gott uns nicht hilft, dann hilft nichts in der Welt.







