Ivan Kukurudziak gibt Menschen ohne Zuhause in der Ukraine mehr als Lebensmittel. Seit Jahren unterstützt er Obdachlose – im Krieg ist diese Hilfe überlebenswichtig. Inzwischen hat er zahlreiche Zufluchtsorte aufgebaut.
Text und Bild: Bernhard Clasen/KNA
Ein Stapel von Schlafsäcken fällt auf, wenn man die Kyjiwer Wohnung von Ivan Kukurudziak betritt. Nein, die seien nicht für ihn, erklärt der Psychologe und Sozialarbeiter mit einem Lächeln. Kukurudziak ist vor allem für obdachlose Menschen und Binnenflüchtlinge da. Und das nicht erst seit gestern. Er war gerade 19 Jahre alt, als er, angeregt durch die Gemeinschaft Sant’Egidio, auf Obdachlose aufmerksam wurde. Viele gemeinsame Tassen Tee brachten ihm deren Probleme nahe.
In der ukrainischen Hauptstadt, wo der 38-Jährige seit vielen Jahren lebt, suchen er und seine Freunde von Sant’Egidio die Obdachlosen immer wieder auf. Die Gemeinschaft weiß, wo sie leben. Regelmäßig drehen sie ihre Runden, bringen Tee, Lebensmittel und eben Schlafsäcke. Die braucht man in Kyjiw auch im Sommer.
Immer, wenn wieder ein russischer Luftangriff zu erwarten ist, machen sich Menschen auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station – mit einem Schlafsack und einer Iso-Matte unter dem Arm. In der U-Bahn ist es nachts auch im Sommer eher kühl.
Als Russland am 24. Februar 2022 seinen Großangriff auf die Ukraine begann, war Ivan Kukurudziak gerade in seiner Heimatstadt Tscherniwzi. Am zweiten Kriegstag machte er sich auf den Weg nach Kyjiw, um Menschen aus der angegriffenen Hauptstadt zu evakuieren.
„Am Anfang handelte jeder nach seinen Möglichkeiten. Niemand wusste, wie wir so vielen Menschen helfen konnten“, erinnert er sich im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Jeden Tag haben wir gebetet und im Gebet eine Antwort auf die Frage ‚was tun?‘ gesucht.“ Diese Gebete hätten geholfen, die Hilfe zu strukturieren. „Inspiriert hat uns unser Freund Adriano von der italienischen Sant’Egidio-Gemeinschaft“, fügt Kukurudziak hinzu: Er brachte 40 Nierenkranke, die mehrmals wöchentlich Dialyse brauchen, nach Italien.
In diesen Tagen beteiligte sich Kukurudziak an einer ersten Evakuierungsaktion. Ältere Menschen, in deren Nähe eine Rakete eingeschlagen war, mussten nach Lwiw evakuiert werden. Nach einer schwierigen und gefährlichen Reise wurde in Lwiw eine Unterkunft für sie gefunden. Das erste sogenannte Cohousing-Projekt von Sant’Egidio war entstanden. Später wurden drei weitere für ältere, ehemals obdachlose Frauen und Männer gegründet.
Mehr Obdachlose durch den Krieg
Mit dem Krieg standen Kyjiws Obdachlose vor einem weiteren Problem: In den ersten Wochen des Krieges ging im Raum Kyjiw die Angst vor russischen Saboteuren um. Wer keinen gültigen Pass mit sich führte, konnte schnell in den Verdacht geraten, zu solch einem Trupp zu gehören.
In der Folge scheuten viele einen Aufenthalt an belebten Orten. Ivan und seine Mitstreiter halfen Obdachlosen dabei, verlorene Dokumente wiederzubeschaffen. „Dank dieser Hilfe konnten viele nicht nur überleben, sondern sich auch in das gesellschaftliche Leben des Landes integrieren, das sich verteidigen musste“.
Kukurudziak und seine Weggefährten wollten jedoch mehr als Hilfe im Einzelfall leisten. Mit Unterstützung der Sant’Egidio-Gemeinschaften aus aller Welt und später auch durch staatliche Hilfsprogramme aus Italien und Deutschland bauten sie humanitäre Zentren in verschiedenen Stadtteilen von Kyjiw auf. Sie wurden „Häuser der Freundschaft“ genannt, nach dem Vorbild des humanitären Zentrums in Iwano-Frankiwsk.
„Bislang“, sagt Kukurudziak, „wurde in diesen vier Jahren über die ‚Häuser der Freundschaft‘ in der gesamten Ukraine mehr als eine halbe Million Mal konkrete Hilfe geleistet.“ Binnenvertriebene bekommen dort nicht nur Lebensmittel. „Sie finden auch einen sicheren Ort für soziale Kontakte. Hunderte von ihnen helfen nun selbst regelmäßig anderen Bedürftigen: Sie engagieren sich für andere Binnenvertriebene, einsame ältere Menschen, Obdachlose und Menschen mit Behinderung.“
An den traditionellen Weihnachtsessen für Obdachlose beteiligen sich Menschen aller Generationen und gesellschaftlichen Gruppen – Einheimische ebenso wie Vertriebene. „Auch in Zukunft wollen wir in der Dunkelheit des Krieges immer mehr Menschen zur Seite stehen“, sagt Kukurudziak. „Dabei lassen wir uns weiterhin von den drei Säulen unserer Gemeinschaft leiten: Gebet, Arme und Frieden.“
Eine derartige Arbeit wird nach über vier Jahren Krieg dringender gebraucht denn je. Angesichts fehlender staatlicher Unterstützung sind Menschen ohne festen Wohnsitz auf dieses Engagement angewiesen. Und durch den Krieg sind weitere Menschen in der Ukraine obdachlos geworden: Im Herbst lebten dort laut UNO 3,5 Millionen Binnenflüchtlinge.





