Rudolf Lunkenbein verkündete in Brasilien das Evangelium, lernte von Indigenen und setzte sich für ihre Rechte ein. 1976 wurde er zusammen mit Simão Bororo getötet. Nun rückt eine mögliche Seligsprechung näher – die einzigartig wäre.
Text: Fabian Brand/KNA | Bild: Archiv Don Bosco
„Ich bin gekommen zu dienen und dafür das Leben zu geben“: Diesen Bibelvers, der an das Matthäusevangelium angelehnt ist, hatte sich Pater Rudolf Lunkenbein als Primizspruch für seinen ersten Gottesdienst im Jahr 1969 ausgewählt. Letztlich wurde der Vers zum Motto für sein ganzes Leben. Und für das seines späteren Unterstützers Bororo Simão Cristino Koge Kudugodu.
Lunkenbein wurde am 1. April 1939 in Döringstadt, einer kleinen Gemeinde im oberfränkischen Landkreis Lichtenfels, geboren. Es heißt, dass er schon als Kind den Wunsch verspürte, Missionar zu werden. Ausschlaggebend war wohl die Lektüre einer Biografie über den heiligen Johannes Bosco.
Lunkenbein besuchte das Progymnasium der Salesianer in Buxheim im Unterallgäu und ging nach seinem Abitur nach Brasilien. Dort trat er ins Noviziat der Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos ein und blieb bis 1965, wobei er zwischenzeitlich in der Missionsstation von Meruri wirkte.
Zurück in Deutschland begann Lunkenbein sein Theologiestudium an der ordenseigenen Hochschule in Benediktbeuern. Am 29. Juni 1969 weihte der damalige Augsburger Weihbischof Josef Zimmermann ihn zum Priester. Doch Deutschland sollte nur eine Zwischenstation für Lunkenbein sein. Es zog ihn wieder zurück nach Meruri, wo er besonders den Bororo-Indigenen das Evangelium verkünden sollte.
Zwischen seinem ersten Aufenthalt in Brasilien und seinem weiteren Wirken hatte sich jedoch Wegweisendes ereignet: Das Zweite Vatikanische Konzil hatte in Rom mit dem Dekret „Ad gentes“ ein neues Missionsverständnis vorgelegt. Über die Missionare heißt es dort unter anderem: „Der Missionar muss initiativfreudig sein, beharrlich in der Durchführung von Unternehmen und ausdauernd in Schwierigkeiten. Geduldig und starkmütig muss er Einsamkeit, Ermüdung und Misserfolge tragen lernen.“
Gerade in Verbindung mit der Theologie der Befreiung, die in den späten 1960er Jahren in Brasilien immer präsenter wurde, bedeutete das für das neue Verständnis von Mission: Eintreten für die Armen und die Befreiung der Menschen von Ausbeutung, Unterdrückung und einem System der Gewalt.
Für Rudolf Lunkenbein waren diese Gedanken leitend. Er wurde nicht nur Mitglied im „Missionsrat für Indigene Völker“, sondern setzte sich auch dafür ein, indigene Elemente in die Liturgie zu integrieren. Sein besonderes Engagement galt den Bororos, die ihn 1973 mit dem Namen „Goldfisch“ in ihre Gemeinschaft aufnahmen. Lunkenbein hatte ihre Sprache gelernt und sie vielfältig unterstützt. Besonders setzte er sich dafür ein, dass Großgrundbesitzer sich nicht das Land der Indigenen aneigneten.
In diesem Kontext fanden Simão Bororo und Lunkenbein auch den Tod: Der Konflikt um die Landrechte der Bororo eskalierte, als Großgrundbesitzer mit ihren Handlangern auftauchten. Im Tumult fielen Schüsse. Am 15. Juli 1976 wurden Rudolf Lunkenbein und Simão Bororo, der den Missionspater schützen wollte, ermordet. Der 1937 geborene Simão Bororo war in Meruri als Maurer und Friseur tätig, kannte sich mit Heilpflanzen aus und wird als sehr hilfsbereit beschrieben. Schon kurz nach ihrer Ermordung wurden beide als Märtyrer verehrt.
2016 kam der Anstoß zu einem Seligsprechungsverfahren, indem erste Dokumente und Zeugnisse über Rudolf Lunkenbein und Bororo Simão gesammelt wurden. Im Januar 2018 wurde der diözesane Prozess, der für eine Seligsprechung erforderlich ist, in Meruri eröffnet. Ende 2025 gab es einen ersten positiven Bescheid der Vatikanbehörde für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse.
Sollte die Seligsprechung tatsächlich erfolgen, wäre sie einzigartig: Erstmals in der Kirchengeschichte würde damit nicht nur ein Missionar geehrt, sondern auch ein Mitglied jenes indigenen Volkes, das mit dem christlichen Glauben in Berührung kam.
Damit würde auch das Missionsverständnis Lunkenbeins neu deutlich werden: Denn dieses war davon geprägt, dass die Indigenen ihre eigene Geschichte und Kultur haben und der Glaube des Missionsars durch Inkulturation mit deren Lebenswelt, Sprache, Symbolik und Spiritualität in Beziehung gebracht wird. Für dieses Bemühen hat der Pater aus Döringstadt sein Leben hingegeben. Ganz im Sinne seines Primizspruchs – und gemeinsam mit seinem treuen treuen Unterstützer Simão Bororo.






