Was ist eigentlich in Großbritannien los? Seit dem Brexit ist das Land für etliche Beobachter kaum wiederzuerkennen. Die Autorin und frühere London-Korrespondentin Annette Dittert erklärt, was sich verändert hat.
Text: Christiane Laudage/KNA | Bild: Nicola Trenz/KNA
Am 23. Juni 2016 entschieden sich die Briten mit knapper Mehrheit, die Europäische Union zu verlassen. Das Ergebnis führte zu politischen Verwerfungen. Die frühere London-Korrespondentin und Autorin Annette Dittert (63) erklärt im KNA-Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), was der Brexit bewirkte, wie Rechtspopulist Nigel Farage seitdem die Politik vor sich hertreibt und warum sich Demonstranten als Kreuzritter verkleiden.
Frage: Frau Dittert, was hat der Brexit für Großbritannien bewirkt?
Antwort: Der Brexit war gewissermaßen der erste große Ausbruch des Rechtspopulismus in Europa. Er hat dem Land schwer geschadet, finanziell ebenso wie gesellschaftlich. Die gesamte Kampagne wurde mit Lügen und Fake News geführt, und so gut wie nichts von dem, was versprochen wurde, ist tatsächlich eingelöst worden. Das haben die Menschen mittlerweile begriffen. In Umfragen sagen heute 60 bis 70 Prozent der Briten, dass der Brexit ein Fehler war – auch viele, die damals dafür gestimmt haben. Nur weiß derzeit niemand, wie sich dieser Schaden reparieren lässt.
Frage: Gibt es denn eine Wiederannäherung an die EU?
Antwort: Im Umfeld der Kampagne und mit Blick auf eine mögliche Nachfolge von Premierminister Keir Starmer ist das Thema wieder aufgekommen. Viele Mitglieder der regierenden Labour-Partei und auch mögliche Herausforderer fordern, dass man nicht länger einen zögerlichen, vorsichtigen Kurs der Wiederannäherung fahren dürfe, sondern jetzt klarere Schritte gehen müsse.
Das Problem ist nur: Es bleibt oft eine Art Selbstgespräch der Briten, weil die Brüsseler Seite dabei nie wirklich klar sichtbar wird. Und auch Brüssel hat derzeit nicht gerade die größte Euphorie, die Briten wieder aufzunehmen – solange Nigel Farage, der rechtspopulistische Chef der Reformpartei, im Hintergrund mit guten Umfragewerten präsent bleibt und ankündigt, jede Form von Wiederannäherung oder Wiedereintritt sofort rückgängig zu machen, sollte er als Premierminister in die Downing Street einziehen.
Frage: Nigel Farage ist in Großbritannien das Gesicht des Rechtspopulismus. Wer ist er?
Antwort: Er ist letztlich der Mann, der den Briten den Brexit eingebrockt hat. Er hat damals mit verschiedenen Formationen operiert – zuerst mit der UKIP, später mit der Brexit Party. Seine Stärke zieht er aus wachsender Unzufriedenheit und immer größerer Armut. Das ist typisch für Rechtspopulisten: Sie profitieren von Misstrauen und Frustration.
Bei Farage, beziehungsweise Reform UK, geht es vor allem darum, die Unzufriedenheit auszubeuten, die aus den immer schlechteren Lebensverhältnissen entsteht. Der Brexit hat dazu geführt, dass es den Menschen schlechter geht, und Farage kann immer sagen: Dafür bin ich nicht verantwortlich. Genau daraus zieht er seinen politischen Nutzen.
Frage: Was ist sein Kernthema?
Antwort: Farage konzentriert sich immer wieder auf die Immigration, das ist ein klassisches Thema für solche Parteien, auch in anderen europäischen Ländern. Ironischerweise ist die Migration inzwischen aber deutlich zurückgegangen. Die Zahlen sind so niedrig wie schon lange nicht mehr. Deshalb ist Farage inzwischen auf andere Themen ausgewichen.
Bei Farage, beziehungsweise Reform UK, geht es vor allem darum, die Unzufriedenheit auszubeuten, die aus den immer schlechteren Lebensverhältnissen entsteht.
Annette Dittert
Frage: Gegen Nigel Farage werden immer wieder schwere Vorwürfe erhoben – zuletzt ging es um illegale Wahlkampffinanzierung. Wie kommt es, dass er immer wieder unbeschadet davonkommt?
Antwort: Das ist das Trump-Phänomen. Je dreister und offener Korruption und Unverfrorenheit auftreten, desto weniger werden sie zum Problem für solche angeblichen Außenseiter. Das sieht man ja auch in den USA, wo viele Menschen das offenbar nicht als Problem wahrnehmen.
Die Korruptionsfälle und teils illegalen, nach britischem Wahlrecht problematischen Millionenspenden wurden zwar in der Presse thematisiert. Aber bisher haftet das nicht wirklich an ihm. Man muss allerdings abwarten, ob sich das nicht doch noch ändert.
Frage: Im Moment hört man eher weniger von ihm.
Antwort: In den letzten Monaten hat er sich aus fast allen Interviews zurückgezogen und tritt kaum noch öffentlich auf, weil er sehr genau weiß, dass das ein verwundbarer Punkt ist.
Seine Partei Reform UK wird ja auch von der Maga-Bewegung mitfinanziert. Das ist eine Stelle, an der man sie treffen kann. In den großen Mainstream-Medien Großbritanniens spielt das aber immer noch eine viel zu geringe Rolle.
Frage: Seit einiger Zeit kommt es immer wieder zu großen Demonstrationen in London mit Hunderttausenden fahnenschwenkenden Menschen. Was ist da los?
Antwort: Da war zum einen die große Demonstration im vergangenen Sommer. Dazu hatte Stephen Yaxley-Lennon aufgerufen, der unter dem Namen Tommy Robinson bekannt ist. Er ist ein berüchtigter britischer Rechtsextremer und Rassist, der inzwischen auch von Elon Musk unterstützt wird. Farage geht Musk nicht weit genug, weil er vorsichtiger agiert.
Farage hat zwar jüngst erklärt, er wolle auch die Deportation und Remigration von britischen People of Color mit britischem Pass, aber wenn er merkt, dass die öffentliche Reaktion zu groß ist, geht er wieder einen Schritt zurück. Großbritannien ist insgesamt eine sehr diverse Gesellschaft, und Farage ist in diesem Punkt nicht radikal genug für Musk, der einen weißen christlichen Ethnonationalismus predigt.
Frage: Erst neulich gab es wieder eine Demo, wo Teilnehmer mit Flaggen und christlichen Symbolen aufliefen.
Antwort: Diese Demonstrationen, die vor allem aus der Musk-Ecke und dem Umfeld von Maga finanziert werden, sind ziemlich bizarr. Solche rechtsextremen Milieus hat es in Großbritannien immer gegeben, wie in allen Ländern. Sichtbarer geworden sind sie aber durch Tommy Robinson und durch diese Demos. Dabei laufen teilweise auch Menschen mit, die selbst keine Rechtsextremen sind.
Manche verkleiden sich sogar als Kreuzritter, tragen Kettenhemden und schleppen Hunderte Holzkreuze durch die Stadt. Sie inszenieren sich als Christen, aber in Wirklichkeit geht es ihnen vor allem darum, muslimische Mitbürger anzugreifen. Da ist eine enorme Islamfeindlichkeit im Spiel, und mit christlichem Glauben hat das nichts zu tun. Die anglikanische Kirche von England hat sich davon inzwischen deutlich distanziert.
Frage: Das klingt sehr beunruhigend.
Antwort: Trotz aller Probleme ist Großbritannien nach wie vor ein wunderschönes Land mit sehr liebenswerten und oft auch humorvollen Menschen. Gerade diese schwierige Zeit nehmen sie mit einer Gelassenheit, die ich immer wieder bewundere.







