Prostitution habe eine industrielle Dimension, sagt der Geschäftsführer des Hilfswerks Renovabis. Er fordert ein Sexkaufverbot – und wirft der Gesellschaft jahrzehntelanges Wegsehen vor.
Das katholische Hilfswerk Renovabis fordert ein Sexkaufverbot nach dem Nordischen Modell. Die Gesellschaft habe über Jahrzehnte weggesehen, sagte Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pfarrer Thomas Schwartz im Interview des Portals katholisch.de. Kirche dürfe Prostituierte nicht mehr als Sünderinnen sehen. „Die Scham gehört in die Gesichter der Sexkäufer“, so Schwartz, der auch Moraltheologe ist.
Schwartz räumte ein, auch selbst zu lange ignorant bei dem Thema gewesen zu sein. Aber: „Wenn man die Berichte unserer Partner aus Osteuropa (…) hört, wenn man die verweinten Augen der Frauen sieht, die aus den ‚Fabrikbordellen‘ oder ‚Sexwohnungen‘ deutscher Großstädte geflohen sind, dann wird aus einer moraltheologischen Fußnote eine blutende Wunde.“
Am meisten überrascht und erschüttert habe ihn „die industrielle Dimension und die eiskalte Marktlogik, mit der hier Menschenleben vernichtet werden“, sagte der Renovabis-Chef. Er habe lernen müssen, „dass mein früheres Schweigen auch eine Form von Komplizenschaft war“. Wer die Augen vor Prostitution verschließe, übersehe eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit, und zwar „mitten in unserer Gesellschaft“.
„Dürfen jetzt nicht verstummen“
Das Zitat des Vergewaltigungsopfers Gisèle Pélicot, die Scham müsse „das Lager wechseln“, unterstrich Schwartz voll und ganz. Die Geschichte der Kirche sei „leider voll von einer einseitigen Moralisierung, die die betroffenen Frauen als ‚Sünderinnen‘ an den Rand drängte, während die Käufer – die Männer der ‚guten Gesellschaft‘ – oft unbehelligt blieben“. Das sei „eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“.
Der Renovabis-Geschäftsführer weiter: „Wenn wir über Sünde sprechen, dann müssen wir über die strukturelle Sünde sprechen, die dieses System am Leben erhält.“ Frauen in der Prostitution seien zumeist Opfer von Armut, Zwang und Gewalt; sie handelten oft aus einer existenziellen Ausweglosigkeit heraus. „Die wahre Sünde“, so Schwartz, „liegt bei denen, die die Not dieser Frauen für ihre Lust ausnutzen, und bei denen, die als Profiteure und Hintermänner Milliarden damit verdienen.“
Schwartz räumte ein, er verstehe die aktuelle Lähmung vieler Kirchenvertreter. Nach den vielen Verbrechen sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen und „dem oft katastrophalen Umgang mit den Betroffenen“ herrsche tiefe Verunsicherung: „Man hat Angst, als ‚Moralapostel‘ aufzutreten, während das eigene Haus in Trümmern liegt.“ Aber: „Gerade weil wir als Kirche in der Vergangenheit versagt haben, dürfen wir jetzt nicht verstummen.“
Der Renovabis-Chef spricht sich für ein Verbot von Sexkauf nach dem sogenannten Nordischen Modell aus, also eine Kriminalisierung der Kunden von Prostituierten. Es wurde erstmals 1999 in Schweden angewandt. Weltweit haben nur 8 von 193 UN-Mitgliedstaaten dieses Modell eingeführt. „Wer den Körper kauft, verletzt die Seele“, sagte Schwartz. Wer sich durch Geld Zugang zu Sexualität verschaffe, demonstriere einseitig Macht.
Text: KNA | Bild: Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani/KNA





