In Brno startet das fünftägige Pfingsttreffen der Sudetendeutschen – zum ersten Mal auf tschechischem Boden. Nationalisten wollten das bis zuletzt verhindern.
Im tschechischen Brno (zeitweise auf Deutsch auch als Brünn bekannt) beginnt an diesem Donnerstag der 76. Sudetendeutsche Tag. Das traditionelle Pfingsttreffen der vertriebenen deutschen Minderheit und ihrer Nachkommen tagt erstmals auf tschechischem Boden. Das sorgte im Vorfeld für Proteste und Boykottaufrufe. Geplant ist, dass der Sudetendeutsche Tag als Teil des Meeting Brno-Festivals stattfindet, einem Kulturfestival, das Raum für Dialog und Begegnung schaffen möchte.
Widerstand kam von den nationalistischen Kräften in der tschechischen Regierungskoalition, allen voran von der Partei Freiheit und direkte Demokratie (SPD). „Die Veranstaltung spaltet eindeutig die Gesellschaft“, erklärte deren Vorsitzender, Parlamentspräsident Tomio Okamura.
Auf seine Initiative hin hatte das Parlament in Prag vorige Woche einen Antrag verabschiedet, in dem sich die Regierungskoalition gegen das Treffen in Brünn aussprach. Die Opposition nahm demonstrativ nicht an der Abstimmung teil. Ministerpräsident Andrej Babis bezeichnete die Wahl des Austragungsorts als „unglücklich“.
Das Innenministerium fand sich in den vergangenen Tagen in Erklärungsnot. Ein Verbot des Sudetendeutschen Tags ist laut Medienberichten zwar ausgeschlossen, da es sich nicht um eine öffentliche Veranstaltung handle. Die Polizei werde dennoch mit verstärkter Präsenz vertreten sein.
Das deutsche Minderheitentreffen findet indes auch Befürworter in Tschechiens Gesellschaft. Neben der proeuropäischen Opposition, die den Regierenden „billigen Nationalismus“ vorwirft, sprachen sich auch Staatspräsident Petr Pavel und Senatspräsident Milos Vystrcil dafür aus. Die katholische Kirche des Landes warnte derweil vor einer politischen Instrumentalisierung des Pfingsttreffens und mahnte zu einem versöhnlichen Umgang mit der Geschichte.
Ackermann-Gemeinde: starkes Zeichen der Versöhnung
Von deutscher Seite werden unter anderem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) erwartet. Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (ebenfalls CSU) sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Der Sudetendeutsche Tag in Brünn wird ein historisches Ereignis – ein Signal für Frieden und Völkerverständigung für Europa und die ganze Welt.“
Die Ackermann-Gemeinde, ein 1946 gegründeter Verband sudetendeutscher Katholiken, der sich der Friedensarbeit und Versöhnung der Völker verschrieben hat, begrüßt, dass das Treffen in Brno stattfinden kann. Die Einladung sei ein starkes Zeichen der Versöhnung und der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft Europas, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Verbandsvorsitzenden aus Deutschland und aus Tschechien. „Als Ackermann-Gemeinde und Sdružení Ackermann-Gemeinde begrüßen wir diesen Weg des Dialogs, der Begegnung und der gegenseitigen Vergebung ausdrücklich.“
Auch die Kommission Justitia et Pax der Tschechischen Bischofskonferenz äußert sich wohlwollend zu der geplanten Veranstaltung in Brno. Sie erinnerte in einer Erklärung an die Deutsch-tschechische Aussöhnungserklärung von 1997 sowie den seit 1990 laufenden Austausch zwischen den deutschen und tschechischen Bischöfen. „Gute nachbarschaftliche Beziehungen entstehen nicht von selbst; man muss in sie investieren“, betont die Kommission. Bei dem Treffen gehe es nicht darum, die Geschichte zu verändern oder Tragödien, Ungerechtigkeiten und Leiden auf der einen oder anderen Seite zu verdecken. „Wenn die Zukunft nicht mit Gewalt gestaltet werden soll, kann sie nicht auf historischem Unrecht beruhen, sondern auf der Fähigkeit, einander zu verstehen, zu vergeben und gemeinsame Ziele innerhalb der europäischen Gemeinschaft zu suchen.“
Schätzungen zufolge wurden nach dem Zweiten Weltkrieg etwa drei Millionen deutschstämmige Bewohner von den neuen Machthabern aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Ihnen wurde eine Nähe zu Nazi-Deutschland vorgeworfen. Im Zuge der Vertreibungen in den Jahren 1945 und 1946 kamen mehrere Tausend Menschen ums Leben. Das Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft steht unter dem Motto „Alles Leben ist Begegnung“. Erwartet werden Nachkommen aus Europa, Südamerika, Australien und anderen Weltregionen.
Text: KNA | Bild: Millenium187, Brno – panorama I – 2012, cropped von weltkirche.de, CC BY-SA 3.0
21.05.26 12:55 Erklärungen Ackermann-Gemeinde und Justitia et Pax Tschechien und Hinweis auf Meeting Brno hinzugefügt. /dr







